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Dürer, Madonna.
Holzschnitt, Titelblatt aus dem „Marienleben", verkleinert.
Dürers Holzschnitte und Kupferstiche.
BEENGT von mehr als einer Seite und im Inneren
gegen schwere Widerstände unermüdlich kämpfend
, hat Dürer Vollkommenes am ehesten in
„gedruckter Kunst" geschaffen — in Kupferstichen
und Holzschnitten, die der Historiker nicht mit Hinweisen
auf Zeit und Ort der Entstehung zu rechtfertigen
braucht. Nicht allein ökonomische, politische
und religiöse Verhältnisse stellten sich seinem zähen
Streben, ein Maler zu werden gleich den italienischen
Renaissancemalern, entgegen, sondern auch Hindernisse
, die aus der individuellen Begabung aufstiegen
. Ich habe früher an dieser Stelle geschildert,
wie die oberdeutsche Kunst des 15. und 16. Jahrhunderts
im allgemeinen sich am natürlichsten und
glücklichsten im Holzschnitt und Kupferstich ausgesprochen
hat (Band VI, S. 45 ff.). Die grossen
deutschen Meister waren fast alle noch etwas anderes,
während sie Maler zu sein glaubten, und eben deshalb
wurde es ihnen schwer, gute Maler zu werden.
Dürer kam zur Welt als der Sohn eines Nürnberger
Goldschmiedes und lernte das väterliche
Handwerk, bis dass ihn die Lust zur Malerei in die
Werkstätte des Michel Wohlgemuth zog. Der deutsche
Goldschmied trieb damals mannigfache, mühsame
und kunstreiche Hantierung, indem er das Metall in
jeglicher Weise bearbeitete, treibend, giessend, ziselierend
und etwa auch Modelle sich formte oder
schnitzte, Ornamentales und Figürliches. An Geduld
bei der genauen Arbeit, Schärfe des Blickes, Ge-
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schicklichkeit und Sicherheit der Hand konnte Dürer
sich in der Werkstätte seines Vaters gewöhnen.
An das Niellierverfahren der Goldschmiede ist
die Erfindung des Kupferstiches geknüpft worden.
Und die im 15. Jahrhundert hoch geschätzte, auch
von den Goldschmieden diesseits der Alpen meisterhaft
angewandte Emaillierkunst erforderte oft eine
Gravierung der Metallflächen, die sich im wesentlichen
von der Arbeit des Kupferstechers nicht
unterscheidet. Die Goldschmiede waren geschult
und vorbereitet, die Technik des Kupferstiches zu
üben, lange bevor das Bedürfnis, die Erfolge des
Holzschnittes und der Letternkunst zum Drucken
von gravierten Metallplatten die Anregung gaben.
Der Meister E S, Martin Schongauer und alle die
anderen Meister, die in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts
die oberdeutsche Grabstichelarbeit ausbildeten
, waren vermutlich Goldschmiede oder gingen
aus Goldschmiedewerkstätten hervor.
Soweit unsere Kenntnis reicht, wurde in Nürnberg
zur Zeit, da Dürer ein Knabe war, der Kupferstich
nicht besonders eifrig und glücklich gepflegt
. Das hohe und ferne Vorbild des am Oberrhein
tätigen Martin Schongauer, dessen Kupferstiche,
wie überallhin, gewiss auch nach Nürnberg drangen,
bestimmte wahrscheinlich die ersten Bemühungen
des jungen Dürer und schwebte ihm als Leitstern
voran, da er 1490 auf die Wanderschaft ging. Der
Geselle, so wird berichtet, kam nach Kolmar, fand
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