Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_06/0013
schmackes oder der Kultur, und dennoch hat Dürer,
wie hoch er stieg und wie tief er die Unzulänglichkeiten
des Jugendwerkes unter sich Hess, den Ton
der Apokalypse nie wieder getroffen, nie wieder auch
einen Ton von dieser Gewalt. Die hohe Spannung
des Gefühls konnte nicht festgehalten werden. Schon
die ältesten Blätter der Grossen Passion, die Dürer
wohl bald nach Vollendung der Apokalypse in demselben
Format ausführte, sind nicht mit derselben
Frische gestaltet.

Zwischen 1500 und 1504 bildete Dürer mit
grossem Eifer die Grabsticheltechnik aus und vernachlässigte
den Holzschnitt, wenn er ihn auch nie
ganz beiseite Hess. Auf dem Gebiete des Kupferstichs
ist der reiche Gewinn aus der stetigen Bemühung
von Stufe zu Stufe deutlich bemerkbar.
Dürer steigt aufwärts bis zum Jahre 1504, ruht einige
Zeit, um wiederum emporstrebend, etwa 1514 den
höchsten Punkt zu erreichen. Die Technik wird
immer geschmeidiger, immer gefügiger, immer mehr
Mittel zum Zweck, sie wagt sich an Aufgaben,
die den Vorgängern und Zeitgenossen unlösbar
waren. Die grellen Gegensätze von Weiss und
Schwarz werden gemildert, bildmässige Wirkungen
erreicht. Das Papier wird gleichsam überwunden.
Luftperspektive, Lichterscheinungen und landschaftliche
Formen werden der Grabsticheltechnik, die
ihrer Natur nach positiv, sachlich und stimmungslos
ist, unterworfen.

Als Marksteine auf diesem Wege erscheinen die
berühmten Kupferstiche, der verlorene Sohn, vielleicht
aus dem Jahre 1498, der heilige Eustachius (Taf. 3),
nicht wohl viel später entstanden, und das besonders
sorgsam vorbereitete Meisterstück Adam und Eva
von 1504.

Um 1504 kam für Dürer die Periode gesteigerter
Maltätigkeit, während der er die Druckkunst mit
geringerem Eifer förderte. In Venedig und in der
Heimat führte er mehrere grössere Altarbilder aus.

Gegen das Ende dieser Zeit 1509 tat der Meister
in einem Briefe an den Frankfurter Patrizier Heller
den bekannten klagenden Ausspruch: „Mich soll auch
niemandt vermögen ain Taffei mit so viel Arbeit
mehr zu machen ... das fleissig kleiblen gehet nit
von statten, darumb wil ich meines Stechens auss
warten."

Mit diesen oft zitierten Sätzen schilt Dürer
die zeitverschlingende Mühe und Umständlichkeit
des Malwerks. Der Handwerker entschliesst sich,
die besser lohnende Beschäftigung des Stechens
mit der übel belohnten des Malens zu vertauschen.
Mehr wollte Dürer nicht sagen. Der Historiker aber
darf wohl mehr aus den Worten herauslesen.
Ueber Schwierigkeiten, die in seiner Abstammung,
seiner Erziehung und seiner Begabung wurzelten,

klagt Dürer. Bei dem langsamen Ausführen der
Gemälde musste der gestaltungsreiche Meister die
ihm natürliche Tätigkeit hemmen, den stetig quellenden
Fluss der Erfindung stauen. Tiefere Ursachen
als ökonomische brachten ihn vom Malwerk ab; wir
haben keinen Anlass über den Verzicht und den Ent-
schluss zu jammern.

Das Jahr 1511 noch mehr als 1509 tritt hervor
als ein Zeitpunkt des Wiederaufnehmens älterer
Pläne und des Abschlusses, was den Holzschnitt
angeht, und als der Zeitpunkt des letzten Anstieges
zur Höhe der Kupferstichkunst.

Damals suchte Dürer nach neuen technischen
Mitteln, nach einem kürzeren Wege, einem mehr
unmittelbaren Ausdruck, als die Grabstichelarbeit
ihm erlaubte. Mit der leicht ritzenden Nadel, der
sogenannten kalten Nadel, erreichte er einige Male
malerisch weiche Effekte und durch die Eisenätzung
sparte er die mechanische Arbeit des Kupferstechens.
Dieses und jenes aber gab er bald wieder auf
— 1516 und 1518 —. Die zarte Arbeit der Nadel
erwies sich als unergiebig, insofern die Platte zu
wenige befriedigende Drucke hergab, und die Wirkung
der Aetzung erschien dem Meister wohl zu plump
und rauh. Die berühmten Blätter, die Dürer
1513 und 1514 schuf, sind in dem einfachen Gravierverfahren
geschaffen — Ritter,TodundTeufel —
die Melancholie — der Hieronymus im Gehaus
. Man hat sich Mühe gegeben, diese drei Darstellungen
zu einer Triologie zusammenzufassen, als
ein Ganzes zu verstehen. Man hat viel gedeutelt
daran. Wer die Blätter nicht kennt, nur die Literatur
darüber, muss diese Kupferstiche für schrullenhaft
ersonnene Bilderrätsel halten. Ihr wesentlicher
Inhalt aber offenbart sich klar und unvergesslich
in der bildlichen Erscheinung. In der Melancholie
(Bd. V, Taf. 5), der schweren, brütenden Gestalt
bei zwittrigem Gewitterlicht, die Trauer des suchenden
, zweifelnden Menschengeistes. Dann die stolze
Sicherheit des trotz Tod und Hölle den geraden Weg
ziehenden Gottesstreiters (Bd. VI, Taf. 89). Und
das Glück der frommen Kontemplation, das Hieronymus
in der durchsonnten Stille seines Gemaches
geniesst.

Im Jahre 1511 brachte Dürer mehrere Holzschnittfolgen
zum Abschlüsse, die grosse Passion, die
er wohl schon im 15. Jahrhundert begonnen hatte,
mit 12 Blättern, das Marienleben, das aus 20 Holzschnitten
besteht, und die kleine Passion mit 37 Darstellungen
. Die Anfänge des Marienlebens (Taf. 4)
reichen bis 1504, die der kleinen Passion bis 1509
zurück. Diese Folgen sind nicht Illustrationen
im gemeinen Sinne, sie treten nicht veranschaulichend
zu einem Text, sie können sogar des erläuternden
Textes entbehren und haben alle Wirkung


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_06/0013