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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_06/0017
A. Legros, Der verlorene Sohn.
Radierung, h. 0.296, br. 0.222.

und hebt sie auf das Postament der Ewigkeit. Denn
die Mittel bleiben sich ewig gleich. Spätere Geschlechter
haben es ebenso wie die früheren in der
Hand zu prüfen, zu erkennen, ob bei ihrer Anwendung
das Können sich mit dem Wollen restlos
deckte. —

Inwiefern Legros' Kunst nach dieser Richtung
hin zielt, inwiefern sie ein blendendes Beispiel
höchster Stilreinheit bietet, lässt sich wohl am ehesten
an der Hand der Radierungen erläutern. Es ist
neuerdings des öfteren, sogar von selbstschöpferischer
Hand, dieTrennung der verschiedenen Kunstgattungen
vorgenommen und ihre gegenseitigen Grenzen abgesteckt
worden. Sobald man über die Kunst theo-
retisiert, wird man in jeder Uebung ein Wesentliches
herausfinden und sich darüber klar sein, dass die
Öebung um so schlackenloser ist, je ungehinderter
dieses Wesentliche zum Durchbruch gelangte. Was
das Wesen der Radierung ausmacht, ist oft nachgewiesen
worden. Ich selbst habe mich an mehreren
Stellen unterfangen es zu tun, und es genügt, wenn
ich hier den Schluss wiederhole, dass für die Kunst
der Nadel die Stilbildung in der Pflege der reinen
Linie liegt. Kein anderes Werkzeug kann die abgeschlossene
einheitliche Linie erreichen, — bei der
Feder fehlt das Gleichmass, die Kreide ergibt nur
einen porösen Strich, der Stichel lässt sie an den
Enden spitz auslaufen und verleiht ihr überdies eine
meretrizische Eleganz, kurz, in ihrer herben Einfalt
bezwingt sie allein die Radiertechnik. Daraus
ergibt sich, dass sie einzig und allein die Linie pflegen
sollte. Denn nicht mit den Reizen der Geschwister
wetteifern soll jede Kunst, sondern nur das entfalten,
was sie allen anderen voran hat, was nur sie allein
bieten kann.

Kein Meister ist darin grösser gewesen, wie
Legros. Aber ich wiederhole es, man muss nicht
zunächst sich von der Beziehung des Künstlers zum
Vorwurf — von der Auffassung der Natur also —,
man muss sich von der Beziehung des Künstlers zu
seinem Handwerk — von dem Stilgefühl ergreifen
lassen wollen. In erster Instanz ist seine Kunst die
Kunst der gewaltigen, monumental selbständig gewordenen
Linie. Wie er ihr Kraft und Freiheit zu
verleihen weiss, daran müssen wir uns vor allem
ergötzen, und wir müssen bewundern wie er, kleinliche
Rücksichten auf Naturtreue stolz verschmähend,
sie zur Geltung bringt, indem er es wagt, auf einer
Landschaft verschiedene Gründe mit ein und derselben
Strichlage in Schatten zu legen. —

Schwieriger ist es bereits zu erläutern, wie sich
sein Stilgefühl in der Plastik bewährt. Doch, wen
sprächen solche Werke wie die beiden Plaketten,
Carlyle und Darwin, nicht an (Tf. 16). Entfernen sie
sich nicht mit gleicher Sicherheit von dem Fehler, zu
malerisch zu werden, wie von dem, zu plastisch
herausgearbeitet zu sein? Verspüren wir nicht, wie
ungezwungen und entsprechend die Hand, die Finger
modelliert haben, wie die ursprüngliche Roheit des
Materials überwunden, aber auch eine ängstliche
kleinkrämerndeHypermodellierung vermieden wurde.
Sein Stilgefühl hat, für meine Empfindung, Legros
in überzeugender Weise bewiesen, als er zum ersten
Mal an ein freiplastisches Werk trat. Die Statue
führt die dritte Dimension in die Kunst ein, die
Dimension, die uns den Unterschied von Hinten,
Vorn und Seite benehmen soll. Und doch können
wir uns bei einer Statue nicht des Eindrucks erwehren
, dass sie eigentlich nur von einer Seite angesehen
werden soll. Es ist für den feinfühligen
Betrachter ein Grund des Unbehagens, dass sie ein
Vorn hat, trotzdem man um sie herum kann. Legros,
als er ein freistehendes Werk schuf, schuf einen
Torso und vermeidet mit sicherem Takt den Anstoss.
Denn am Menschenleib kennen wir nicht ein Vorn,
er erscheint unserem Betrachten von allen Seiten
gleich schön und gleich fesselnd. Erst die Füsse,
die Arme, der Kopf geben dem Menschen seine
Richtung, verleihen ihm gewissermassen erst eine
die Harmonie zerreissende Schauseite.

Am allerschwierigsten ist aber das Unterfangen,
jemandem zu erklären, wie auch in seiner Oelmalerei
Legros die höchste Stilreinheit erzielt. Wenn man
einfach sagt, er malt mit Oelfarben, so wie eben


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