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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_06/0018
mit diesem Mittel gemalt werden soll, so ist das
trotzfaller Wahrheit wohl wenig überzeugend. Leichter
ist es am Ende nachzuweisen, dass die anderen so
malen wie man nicht malen soll. Sehen wir von
einigen abseits der Hauptströmungen stehenden
Künstlern, — wie etwa Böcklin oder Whistler
ab, so finden wir sie alle eigentlich auf der Jagd
nach der Facsimilierung. Seine Technik bildete der
Impressionismus aus, mit der Absicht, dem Eindruck
den die Natur auf uns macht näher zu kommen.
In den späteren Stufen seiner Entwicklung ist die
Sucht diesem Ziel immer näher zu kommen der
Leitstern. In der Tat, als ein Gelehrter kürzlich
dem letzten Ausläufer, dem Pointiiiismus, das Wort
reden wollte, ihm das höchste Lob erteilen wollte,
so sagte er, er sei aus einer Ausstellung von Bildern
Manets, Monets, Renoirs in eine andre von Bildern
Signacs, Luces, Rysselberghes gegangen. Da hätte
er aber doch noch in ganz andrer Weise den Eindruck
erhalten er schaue durch die Rahmen gleichsam
wie durch ein Fenster in die Natur! Dort wäre
das Sonnenlicht doch noch in ganz anders überzeugender
Weise auf die Leinwand gebannt worden!

Damit hat der Mann aber die wunde Stelle an
dieser Kunst aufgedeckt. Ich sage nicht, dass sie
als Kunst ihr Heil im Versuch die Natur vorzutäuschen
erblickt; als Technik aber tut sie es.
Diese Täuschung kann nie und wird nie — abgesehen
von einzelnen Ausnahmen (Stillleben)
gelingen. Folglich ist es eine Irrlehre, sie als erstrebenswert
hinzustellen.

Legros' Oelbilder wollen nie anders denn als
Oelgemälde wirken: wenn er mit Farben umgeht,
arbeitet er so, dass man zu allererst das Werk als
in Oel gemaltes Werk empfindet. Jede Abweichung
hiervon ist ihm, wie jeder Täuschungsversuch überhaupt
, eine unverständliche Stillosigkeit. So hat ihn
auch nicht eine der zahlreichen „Ismen", die im Lauf
seines Lebens mit vielem Geräusch inszeniert und
mit sensationellem Erfolg belohnt worden sind, an
seiner eigenen Lehre irre gemacht. Hat er darauf
verzichten müssen, die Menschen, die sich lieber aufregen
als erfreuen lassen, zu begeistern, so darf er
doch stolz auf seine Kunst wie auf den Orgelpunkt
blicken, der unbeirrt dem wechselreichen Leben der
Harmonien standhält, und mit seinem tiefen, ernsten
Laut wohl auch noch lange nachklingen wird, wann
ihr Geschwirr verstummt ist.

Man hat gelegentlich ihm daraus direkt einen
Vorwurf machen wollen, dass er „nicht neu" sei,
hat bei seinen Plaketten an Pisano, bei seinen

Radierungen an Rembrandt, bei seinen Zeichnungen
an Poussin gemahnt. Wer so wie er die Kunst er-
fasst, für den gibt es kein „alt" und kein „neu";
für den gibt es in der Kunst nur das Erreichen
oder das Misslingen. Es ist doch kein Verdienst
eine Sache anders zu machen wie der Vorgänger,
sondern nur besser! Und besser als das Beste —
wie soll man sich das denken? Gegeben der Wunsch
eine Plakette zu schaffen und das Werkzeug dazu,
gegeben der Wunsch eine Radierung zu schaffen
und das Material dazu, — wenn Pisano das eine,
Rembrandt das andere mit einer gewissermassen
logischen Folgerichtigkeit, die kein Versehen macht,
keine Möglichkeit unbenutzt lässt, verwirklicht hat,
ist das denn ein Grund weshalb spätere Künstler
von dem wahren, richtigen Weg abweichen sollen?
Sie können doch nicht geradezu bewusst auf einem
Pfad, den sie als den schlechteren erkennen, wandeln,
nur weil ein andrer Künstler bereits zuvor den besten
erwählt hatte.

Ueberhaupt klingen in Legros nicht Pisano,
noch Rembrandt, noch irgend ein anderer Meister
vergangener Zeiten an, die hehre Kunst nur, die es
von alters her gab, klingt in ihm an, und mit seltenem
Genie bezwingt er sie zugleich auf dem Felde des
Plastikers, des Graphikers und des Malers. Wer
auf seine Werke nur die Schatten alter Meister
fallen sieht, der erkennt eben nur den Schein der
Kunst und nicht ihr Wesen. Unser Leiden aber,
an dem wir schliesslich vielleicht noch zugrunde
gehen, ist die Novitätssucht, die mit harmloser Selbstzufriedenheit
als edler Zug der Zeit gepriesen wird,
während sie uns doch nur die Besinnung raubt. —

Die Kunst adelt den Menschen; Legros' Kunst
hat jedenfalls ihn geadelt. Es ist immer ein schlechtes
Zeichen, wenn der Lobredner sich von der Sache
zum Menschen wendet. Wer aber den hehren Meister,
wenn auch nur ganz wenig wie ich selbst, kennen
lernen durfte, der wird es mir verzeihen, wenn ich
mit dem Schlusswort doch auf seine Person zurückkomme
. Wie seine Kunst vornehm über das Getriebe
der Parteien sich erhebt, so strahlt auch im
Verkehr uns die edle Gesinnung entgegen, der jeder
kleinliche Zug fremd ist. Wie seine Kunst sich
von jeder Fessel frei macht und nur aus sich selbst
besteht, so lebt er auch ein Dasein für sich selbst, —
weder Franzose, denn er weilt nun vierzig Jahre und
gern in England, vom Geburtsland ist ihm manches
fremd geworden, — noch Engländer, denn nach
diesen vierzig Jahren kann er heute noch nicht einen
Satz Englisch sprechen, — eben nur Legros.

Hans W. Singer.

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