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Banditen rauben und morden, Espada und Picador
greifen den Stier an, Majas kokettieren, Jäger, Komödianten
, Bauern, Mönche, Dienstleute treiben ihr
Wesen, — nichts Menschliches, oder sagen wir:
nichts Spanisches ist seiner Kunst fremd. Alles ist
mit einer fanatischen Wahrheitsliebe gesehen und mit
Leidenschaft erfasst. Die Auffassung der Motive ist
energisch und eigentümlich, die Behandlung frei, die
Technik temperamentvoll. Mit einem Pinselhieb
drückt er aus, was andere mit tausend Strichen nicht
zwingen, der Eindruck des Lebens, der Bewegung
ist ihm alles, auch auf seiner Leinwand scheint die
Luft noch zu fliessen, das Licht zu zittern, die Form
sich zu bewegen. Er gibt seinen Gestalten eine
fabelhafte Intensität der Bewegung, die spontane
Lebendigkeit des Moments. Der Farbenauftrag ist
dünn, unvermittelt sitzen die Töne nebeneinander,
das Licht aber, das über sie ausgegossen ist, fasst
sie zu vollendeter Harmonie zusammen. Goya ist
der erste Kolorist Spaniens, der erste moderne
Maler, der farbig sah und daher auch rein malerische
Wirkungen von erstaunlicher Schönheit erreichte.
Die Zahl der Bilder dieser Klasse ist ausserordentlich
gross, ein Teil derselben, aus der Alameda
der Herzöge von Ossuna stammend, ist seit der
Auktion in alle Welt zerstreut, eine Anzahl findet
sich in den öffentlichen Galerien Madrids, der Aca-
demia de San Fernando und im Prado, darunter
eins der bedeutendsten, die Romeria de San Isidro,
ein Meisterwerk genialer Komposition und scheinbar
spielend erreichter perspektivischer Wirkung; die
Farbe ist warm und leuchtend, flimmernd in dem
silbernen kühlen Ton, der Himmel und Luft Neu-
Kastiliens zu eigen. Diese Bilder, dem innersten
künstlerischen Wollen des Malers entsprungen, zeigen
ihn auf der Höhe seines Könnens, ein starkes gegenständliches
Interesse verbindet sich in ihnen mit
einer künstlerischen Gestaltungskraft, die meist
glänzend, immer aber äusserst fesselnd ist. Es sind
Bilder, vor denen der Kunstfreund nicht gleichgültig
bleiben kann; ein starkes Temperament spricht mit
ungebändigter Kraft, mit wahrhaft brutaler Eindringlichkeit
aus ihnen, es steht ein ganzer Mann dahinter,
ein Herrenmensch, ein Pfadfinder in der Wildnis.
Wenig zahlreich sind die Gemälde, in denen Goya
sich historische Vorgänge der Zeit zum Vorwurf
wählte, aber unter diesen sind zwei seiner Meisterwerke
: die Szenen aus dem Madrider Maiaufstand
des Jahres 1808. Hier erhebt er sich zu tragischer
Grösse. Es sind keine Historienbilder, es sind
Offenbarungen von allem, was furchtbar ist. Auf
dem einen werden die Mamelucken der Garde vom
Pferde gerissen und ermordet, auf dem andern die
spanischen Gefangenen erschossen. Hier scheint
der Pinsel in Blut getaucht und im Fieber gehandhabt
zu sein: Impressionen des Entsetzens. Und
dabei sind die rein malerischen Qualitäten dieser
Bilder von einer Feinheit, von einer Harmonie der
grünen und gelben Töne, denen das Rot des Blutes
als Repoussoir dient, dass man mit einem aus Grauen
und Bewunderung gemischten Gefühle des Künstlers
gedenkt, der auch das Herzzerreissende und Furchtbare
dieser Vorgänge nur als Maler sah.
Einen breiten Raum in diesem Teil von Goyas
oeuvre nehmen jene Bilder ein, die ganz den Phantasien
des Künstlers gewidmet sind. Schon in dem
Zyklus, den der Maler für die Alameda des Herzogs
von Ossuna ausführte, findet sich eine Reihe von
Bildern, die nicht wirkliche Vorgänge zum Gegenstand
haben, sondern Szenen aus einer Welt, die
erst die Einbildung sich schuf: Hexen, die sich verwandeln
, um auf Besen zum Kamin hinaus zu fahren;
die Teufelsmesse; Vampyre, die, mit dem S. Benito
der Inquisitionsopfer geschmückt, einen Menschen
in die Luft entführt haben und ihn dort zerfleischen;
der Gottseibeiuns in phantastischer Bocksgestalt,
dem scheussliche alte Weiber Kinder opfern u. a. m.
So packend sind diese Vorgänge geschildert, es mischt
sich in das Abschreckende so. viel groteske Komik,
selbst das Unwahrscheinliche ist hier mit so rücksichtsloser
Wahrheit wiedergegeben, dass man versucht
wird, von „Beobachtung" zu sprechen und zu
sagen, dass er hier zwar etwas malte, was nicht ist,
was er aber doch gesehen hat. Diese Bilder sind
gewissermassen die Präludien zu jenen gewaltigen
Kompositionen, mit denen er die Wände seines
Landhauses bedeckte. Die Schwerhörigkeit des
Künstlers, die sich bald zu völliger Taubheit entwickelte
und ihn von dem Verkehr der Menschen
ausschloss, Hess ihn die geistige Leere, welche ihn
umgab, mit furchtbaren gespenstischen Schatten bevölkern
. Grausige Phantasien eines verdüsterten
Gemüts haben hier Gestalt angenommen, als hätten
wüste Träume ein ganzes Heer unheimlicher Gesichte
beschworen; in rätselhaften Bildern drohen
finstere Geheimnisse, aus chaotischen Massen entwickeln
sich fürchterliche, unbeschreibliche Formen,
es ist das Reich der Nacht voll ewigen Schreckens,
in dem der Wahnsinn auf der Lauer liegt. In einer
gewaltsam leidenschaftlichen Technik sind diese
Bilder auf die Mauer gefegt, Farbe an Farbe, un-
vermischt; wie gejagt von den Furien seiner Visionen
muss der Künstler gearbeitet haben, die spärlichen
blauen und grünen Töne verschlungen von dem
dunklen Braun, dem schwarz und grau der Schatten,
deren Dunkel den Beschauer umdüstert, wie unentrinnbares
Verderben.
Nicht nur im Sittenbild hat Goya das Spanien
seiner Zeit festzuhalten gewusst, zwei Menschenalter
hindurch begleiten auch seine Porträts die spanische
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