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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_06/0026
schrieen, in politischem Sinne ausgelegt worden sind.
Jede kokette Frauensperson der Blätter war, wenn
nicht die Königin selbst, so doch die Herzogin von
Alba oder die Herzogin von Ossuna, jedes Mannsbild
von oberflächlichem oder lüsternem Ausdruck
der principe de la Paz u. s. w. Die französischen
Biographen, zumal der glänzende Yriarte haben in
diesen Auslegungen ihren ganzen Geist spielen lassen,
taten sie es doch um so lieber, als der Künstler
auf diese Weise mit dem Gift der grossen französischen
Revolution infiziert erschien. Energisch
haben sich die Spanier, besonders die engeren
Landsleute Goyas, die Arragonesen Zapater und
Vihaza gegen diese Auffassung gewehrt und ihnen
schliesst sich Goyas neuester Biograph, v. Loga
mit überzeugenden Gründen an. In der Tat, es
spricht nichts dafür, dass die Caprichos politische
Satiren oder Beziehungen auf die chronique scan-
daleuse der Madrider Welt enthalten, es spricht sogar
alles dagegen, besonders die handschriftlich erhaltenen
autographen Kommentare des Künstlers, Kommentare
, die er zu einer Zeit verfasste, als er im Auslande
lebte und weder vom Hof, noch von der
Inquisition, noch sonst jemand Verfolgungen zu befürchten
hatte, also nichts zu verschweigen oder zu
verbergen genötigt war. Man muss auch gestehen,
dass die Darstellungen verlieren würden, wären
wirklich jene politischen Anspielungen, die man
dahinter sucht, darin verborgen. Die Caprichos
werden dadurch weder klarer noch verständlicher,
dass man sie auf bestimmte Persönlichkeiten oder Verhältnisse
bezieht, im Gegenteil, hätte der Künstler politische
Satire geben wollen, so würde man angesichts
der Blätter sagen müssen, diese Absicht sei ihm völlig
misslungen, alles prägnante oder schlagende fehlt ja
doch vollständig. Er hat es aber auch gar nicht gewollt.

Der ursprüngliche Titel der Folge: „Idioma
universal" sagt deutlicher als allespäteren Erklärungen,
was der Künstler, der weit über das Augenblickliche
hinaus allgemein Menschliches sah, wollte. Er
ist hier der Philosoph, der statt mit der Feder, mit
der Nadel die Menschen zeichnet, wie sie sind, so
dumm, so unverständig, so eitel, so oberflächlich.
Er weint nicht über ihre Laster und Schwächen,
wie er auch nicht über sie lacht, er weiss, dass die
Menschen immer so waren und immer so bleiben
werden, er weiss, dass der Glaube niemals des Aberglaubens
Herr werden wird, dass die Vielzuvielen
Geist und Genie immer hassen und verfolgen werden;
diese Resignation wäre hoffnungslos und verzweifelt,
klänge nicht versöhnlich ein Unterton des Optimismus
hindurch: und doch wird die Wahrheit
siegen „un jour le peuple verra le lever du soleil".

Aus der Tauromaquia spricht der leidenschaftliche
und sachverständige Freund der Stierkämpfe. Trotzdem
gerade diese Folge voller Verzeichnungen ist,
— die Stiere und Pferde sind ausnahmslos viel zu
klein, — so gehört sie doch zu den besten. Das machtvoll
Sehnige und blind Hitzige im Wesen des Stieres
ist glänzend beobachtet, das Vorübergehende im
raschen Wechsel der Stellungen, der Uebergang von
einer Bewegung in die andere kommt in wunderbarer
Stärke zum Ausdruck, wobei ihm die offene unterbrochene
Linie, die dem Kontur etwas Flüssiges gibt,
als Hilfsmittel dient. Das ganze Spiel mit seinen blutigen
Peripetien ist au vif gepackt, in jedem Strich zittert der
Fanatismus des aficionado.

Die Desastres de la guerra rollen in Szenen
greuelvollster Ereignisse die Geschichte des spanischen
Freiheitskrieges vor uns auf; in Orgien
von Hass und Rache tobt sich die Bestie im Menschen
aus, die entsetzliche Wirkung noch unterstrichen
durch des Künstlers Zuruf: „He visto
eso." Auch hier ist Goya nur der aufrichtige Erzähler
, nur um die Wahrheit ist es ihm zu tun in
den krassen Effekten des Furchtbaren, er will das
Haarsträubende ohne Beschönigung berichten, nicht
wie Callot, der auch über die abstossendsten Szenen
des Schreckens noch einen Schimmer von Anmut
und Grazie breitet.

Die Proverbios zeigen wieder in Goya den
Liebhaber der Einsamkeit, dessen verdüsterte Phantasie
die Welt mit Hirngespinnsten bevölkert, den
dämonischen Grübler, dem sich die Nachtseite der
Natur in gespenstigen Schatten offenbart, den Magus,
der seine unfassbaren Gedanken in unerklärlichen
Rätseln ausspricht.

Als in Goyas letzten Lebensjahren die Lithographie
ihren Siegeszug durch die Welt antrat, hat
der fast Achtzigjährige sich auch noch in dieser
Technik versucht. Er hat aus dem Material nicht
die feinen Wirkungen herausgeholt, deren dasselbe
fähig ist; seine Blätter, deren bestes wohl das „Di-
bersion de Espana" bezeichnete sein dürfte, zeigen
aber noch die ganze temperamentvolle Art des Mannes,
der, was er in die Hand nahm, mit Leidenschaft
ergriff. In fetten, kräftigen Strichen lässt er den
Stierkampf toben, sein Alter stirbt mit dem Bekenntnis
der Jugend auf den Lippen. . .

Goyas ganze Kunst war eine zu eminent persönliche
, als dass er hätte Schüler oder Nachfolger
haben können. Auf Eugen Delacroix, auf Louis Bou-
langer hat er stark gewirkt, Tony Johannots Zeichnungen
zur „Voyage, oü il vousplaira" wären ohne die
Caprichos garnicht denkbar, direkt an ihn aber knüpft
50 Jahre nach seinem Tode erst Manet an, und so
wollen wir nicht wie Frühere sagen: er war der
letzte der grossen spanischen Maler, nein, sagen wir
lieber: er war der erste grosse Maler der neuen Zeit.

Max von Boehn.


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