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tation ist' mit offenbarer Liebe
wiedergegeben, auch das Terrain
ist eingehend geschildert.
Dieselbe Beobachtung machen
wir bei den Fresken aus dem
schon erwähnten Palast bei Aja
Triada. Bei ihnen wirken die
Tiere fast wie eine Staffage der
Landschaft, jedenfalls tritt diese
als gleichberechtigt neben die
Figuren. Auf einem Gemälde
sehen wir eine wundervoll gezeichnete
Wildkatze, die durch
das Gebüsch hindurch einen
Vogel beschleicht. In der Art
wie diese Tiere in die Landschaft
gestellt sind, die mit ihren
Felsen und Sträuchern den grösseren
Teil des Bildes einnimmt,
offenbart sich ein ganz eigentümliches
Raumgefühl, für das
man mit Recht wieder auf die
Parallele der japanischen Kunst
hingewiesen hat, in der klassischen griechischen
Kunst dagegen, in der die Figuren immer die Hauptsache
bilden, vergeblich nach Beispielen sucht.
Das menschliche Schönheitsideal dieser Kunst
sind sehr schlanke Gestalten mit auffallend starker
Einschnürung über den Hüften bei beiden Geschlechtern
. Der Natur wurde wohl in der Wirklichkeit
durch starkes Anziehen des Gürtels nachgeholfen
. Bei den Frauen liebte man dabei einen
kräftig entwickelten Busen, dessen Reize die Tracht,
ein von den Hüften an niederfallender Rock und
ein kleines, nur den Rücken und teilweise die Oberarme
bedeckendes Mäntelchen, unverhüllt Hess. Das
Gesicht wird durch die kräftig vorspringende Nase
beherrscht. Wie bei den Tieren bewundern wir auch
bei der Bildung des Menschen die reiche Beobachtung
des Künstlers, die sich in der eingehenden
Wiedergabe der anatomischen Gliederung kundgibt.
Vortrefflich modelliert sind nur in Fragmenten erhaltene
flache Stuckreliefs und kleine Rundfiguren
aus Elfenbein, die im Palaste von Knossos gefunden
wurden. Die grösste Ueberraschung aber bereitete
dessen Erforschern das in etwa zwei Drittel der
Lebensgrösse al fresco ausgeführte Bild eines Jünglings
, das zu der grossen Darstellung eines feierlichen
Aufzuges gehörte. Die Hautfarbe ist braun, während
die der Frauen auf den Gemälden weiss ist. Der Lendenschurz
, das einzige Kleidungsstück des Jünglings, zeigt,
wie auch die anderen Reste der Fresken, die Freude
der Maler an leuchtenden Farben, zu denen besonders
Blau, Rot und Gelb gehören. Von wunderbarem
Reiz ist das edle Gesicht, dessen Bildung wir in künst-
Aus einem Wandgemälde des Palastes bei
Aja Triada in Kreta.
lerischer Hinsicht wohl mit der
Stufe vergleichen dürfen, welche
diegriechischeBildnerei in ihrer
ersten Blüte kurz nach den
Perserkriegen erreicht hat. In
den Kompositionen, zu denen
Kampf, Jagd und besonders
Kult und Spiele die Vorwürfe
abgeben, erfreut uns wie bei den
Tierbildern die Freiheit von
allem Konventionellen. Ein
herrliches Beispiel hat uns wieder
der Palast von Aja Triada
geschenkt, den oberen Teil
eines aus Speckstein geschnittenen
Gefässes mit der erhabenen
Darstellung eines religiösen
Aufzuges (s. Taf. 39).
Es darf sich würdig den Goldbechern
an die Seite stellen. Mit
welcher Liebe ist das Knochengerüst
und die Muskulatur an
Rumpf und Gliedern ausgedrückt
! Welch feiner Zug ist es, dass bei den
Singenden auch die Schwellung der Halsmuskeln
wiedergegeben ist! Der Gefahr der Eintönigkeit,
in der eine Darstellung mehrerer hinter einander
dahinziehender Personen leicht verfallen konnte,
begegnete der Künstler geschickt durch Abwechslung
in der Beinstellung und der Haltung des Oberkörpers
der Figuren und durch eine in die Haupthandlung
eingeschobene Episode: ein Teilnehmer
an dem Zuge bückt sich, sein Vordermann schaut
nach ihm um. In der Abstufung des Reliefs,
durch die eine Tiefenwirkung des Bildes hervorbracht
wird, tut sich dasselbe Streben kund, das
wir bei der Darstellung des einen Goldbechers
bemerkt haben.
Wir fragen nach dem Ursprung und dem Verlauf
dieser Kunst. Sie tritt uns als etwas Fertiges
um die Mitte des II. Jahrtausends v. Chr. entgegen.
Ihre Entwicklung ist ein allmählicher Verfall. Es
ist nicht zu bezweifeln, dass Anregungen von
Aegypten, mit dem die Kreter in sehr lebhaftem
Verkehr standen, bedeutenden Einfluss auf die Entstehung
ihrer Kunst geübt hat, aber die Schüler
haben dann ihre Lehrer weit hinter sich gelassen.
Ihr Bestes verdanken jene ihrer eigenen überaus
glücklichen Begabung. Man könnte die kretische
Kunst einem Baume vergleichen, der in verfrühten
warmen Tagen aufblühte, ehe der letzte Frost vorüber
war. Sie hatte wesentlich im Dienste der glänzenden
Herrschersitze in Kreta und auch in Griechenland
gestanden. Die Völkerverschiebungen,
die am Ende des II. Jahrtausends die griechische
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