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pfindung ersonnen und in weich fliessenden Formen
ausgedrückt. Man merkt die Schule Botticellis in
den geneigten Köpfen mit dem träumenden Blick,
den schleifenden Haaren, dem schmalen Oval der
Gesichter. Aber die Herbigkeit fehlt, und die
Anmut droht sich ins Kraftlose, Anämische zu verlieren
. Der Stand der Figuren ist unsicher, und die
halb geöffneten Münder geben ihnen oft ein krankes
Aussehen. Es ist das Werk eines Decadenten, aber
mit all den melancholischen Reizen, die solchen
Werken eigen sind, in denen die Kraft brüchig, doch
noch nicht erschöpft ist. Zu diesen Reizen gehört
auch die Landschaft, die unter angeglühten Wolkenrändern
mit Baum, Fels und Klostergebäude sich
aufbaut.
Als Landschafter fordert Filippino Beachtung,
nicht selten Bewunderung heraus. Er wendet sich
von der strengen Sachlichkeit einiger seiner Zeitgenossen
ab, die sich an der geographisch getreuen
Vedute des Arnotales begnügen. Er komponiert und
ist auf Stimmung aus. Sein Aufbau bewegt sich in
grossartigen Gegensätzen. Von wild aufgeschichteten
Höhlen, aus deren Dämmer der Heiligenschein eines
frommen Büssers wie ein verirrter Stern leuchtet,
führt er den Blick zu sanft gewellten Tälern, in deren
hohen Himmel Baumkronen sich wölben, vor deren
blasser Luft feines Ast- und Blattwerk zierlicheFormen
spreitzt. Dann wieder geht es auf fast unwegsamen
Felsenpfaden hinauf zu einem weitschauenden Kirchlein
, oder hinunter an den breit dahinströmenden
Fluss, aus dem wie Riffe phantastische Felsen ragen.
Das hat er von Botticellis dürftig andeutender Landschaft
nicht absehen können; hierin ist Lionardo sein
Meister gewesen. Den organischen Aufbau der
Einzelformen und die wirkungsvolle Silhouettierung
ist er ihm schuldig. Filippino weiss auch die Luft
zu beleben. Er meidet das emailartige Blau der
frühen, wie die weisslich blasse Luft der späten
Quattrocentisten. Er sammelt Wolken, die er in
Streifen über den Himmel legt, und deren Ränder
er mit den zartbunten Tinten des hereinbrechenden
Abends färbt. Er hält eine glückliche Mitte zwischen
der botanisch-geologischen Pedanterie eines Lorenzo
di Credi und der manchmal verstiegenen Phantastik
eines Piero di Cosimo.
Das Bernhardsbild war der grosse Wurf, der
sein Glück machte. Unmittelbar darauf fällt ihm
ein Auftrag zu, der wohl sorgfältiger wie irgend ein
anderer erwogen worden ist, und der manchem
seiner Malgenossen in dem doppelten Gefühl von
Freude und Verantwortlichkeit das Herz erschrecken
und die Hand zittern gemacht hätte. Filippino wird
ausersehen, die von Masaccio unfertig hinterlassene
Brancaccikapelle zu vollenden. Unter den Bildnissen
, die er der Sitte der Zeit gemäss anbrachte
, finden wir Piero del Pugliese wieder und
können also vermuten, dass dieser ein gewichtiger
Fürsprecher für den jungen Meister gewesen ist.
Behend und im Hochgefühl seiner jungen anerkannten
Kraft nahm er den goldenen Faden geschickt auf,
wo er Masaccios von Hunger entkräfteter Hand
entfallen war. Der Gang der Arbeit lässt sich mühelos
verfolgen. Filippino vervollständigte zunächst
das Fresko mit der Auferweckung des Königssohnes
und fügte (am Pfeiler links) den Besuch, der Paulus
vor das Kerkerfenster Petri führt, hinzu. Man
muss die Schmiegsamkeit anerkennen, mit der
Filippino sich dem Stil des grossen Vorgängers
einfühlte. Freilich die Nähte sind sichtbar. An
den granitnen Ernst, die tiefe Innerlichkeit, an
das Statuarische Masaccios reicht Filippino nicht
heran. Sein Gruppenbau ist komplizierter und unübersichtlicher
, seine Mimik unruhiger, seine
Faltengebung entbehrt der Grosszügigkeit Masaccios
. Wenn er Grosses, wie in der Figur des
Paulus auf dem Kerkerbesuch erreicht, verdankt
er es mehr einem geschmackvollen Archaisieren
als seiner eigenen künstlerischen Intuition. Auf
der gegenüberliegenden Wand, wo er das Verhör
der beiden Heiligen vor dem römischen Prokurator
, den schmachvollen Kreuzestod Petri und
(am Pfeiler) seine Errettung aus dem Gefängnis
malt, zeigt er sich schon emanzipiert von seinem
Vorbild. Aber es ist, als hätte die Nähe des Genius
ihn in Zucht und Zaum gehalten und ihn vor den
Klippen seines Talents, Unruhe und Sentimentalität,
bewahrt. Sein Eigenstes gibt er in der Befreiung.
Die Komposition ist kühn und selbständig, der
dramatische Gehalt der Szene voll ausgeschöpft, die
Stimmung meisterlich erzeugt. Man fühlt sie mit,
diese tiefe Nachtstille, die nur von den regelmässigen
Atemzügen des schlafenden Wächters unterbrochen
ist, dies unhörbare Schreiten des in überirdischem
Glänze fast phosphoreszierenden Engels, der den
demütig erstaunten Apostel an der Hand hinausleitet.
Für Filippinos Art ist das Ueberwuchern des
Porträtmässigen kennzeichnend. Im naturgetreuen
Detail verliert sich der grossartig einsetzende Stil
des Quattrocento; am Realismus der Einzelheiten
geht diese Kunst zugrunde. Unter den überreichlich
eingestreuten Bildnissen entdeckt man,
ganz rechts am Rande des „Verhörs vor dem Prokurator
", auch des Malers eigenes Porträt: einen
Kopf mit fast ängstlich gespannten Brauen und
herabgezogenen Mundwinkeln. Ein seelischer Druck
lastet auf diesen jugendlichen Zügen, eine noch nicht
zeitgemässe Melancholie, die erst auf den Bildnissen
des beginnenden Cinquecento herrschend wird. Bei
genauerem Zusehen findet man diesen bedrückten
Zug auf den meisten Gesichtern der erlauchten
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