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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_06/0043
Fra Filippo Lippi, Die Verkündigung.
London, National Gallery.

Fra Filippo Lippi.

NICHT Donatello, nicht Masaccio sollten ihre
Nachfolge im Quattrocento finden. Erst im
Cinquecento erstand jenem Michelangelo, diesem
Raffael als weitere Vollender der begonnenen Arbeit.
Mehr fast als Donatellos energischer Realismus erscheint
Masaccios monumentale Raumvorstellung eine
wunderbare Offenbarung. Wie mit dem Blick des
erleuchteten Propheten ist im Moment der Raum
erfasst und geschaffen. Lebensvolle, plastische Gestalten
kommen hervor aus den Tiefen, schreiten
nebeneinander, zueinander hinein. Dazu ist es eben
das zur klaren Vorstellung Notwendige, nur das
Kraftvolle zur Grösse, was er gibt. Giottos Fresken
erscheinen neben denen der Brancaccikapelle trotz
aller Feinheit der Linienführung und der Flächenverteilung
altertümlich reliefartig, unfrei. Und doch
hatte Masaccio nichts gekannt von all den Gesetzen der
Perspektive, an deren gelehrter Entzifferung seine
Nachfolger viel Kraft versprühten. Es ist die Allgewalt
des Schöpfers, dessen Finger den Schatten
berührt, und er wird zum Licht, dessen Faust den
Felsen schlägt, und es quillt Wasser aus dem Stein.
Allein die Beobachtung wurde in ihm zur Vorstellung
und göttliche Kraft Hess die Vorstellung
festhalten, um sie im Schwünge leidenschaftlicher
Erregung zum Bilde zu bannen.

Aber nicht lange vermag die Menschheit sich
auf solch himmlischen, weitblickenden Höhen zu
halten. Was will das ganze folgende Quattrocento
diesen Heroen gegenüber sagen? Gewiss auch unter
den nachfolgenden Geschlechtern finden sich bedeutende
Geister. Indes es war ein besonderes, das

jenes Dreigestirn — Brunelleschi kommt als dritter
hinzu — erstrahlen Hess und zur Monumentalität
emportrug, diese späteren mehr und mehr herabzog
zu irdischen Gefilden. Hier ist der Geist der Zeit
in sein Herrscherrecht getreten. Die Wellen hatten
nach Giotto und den Pisani im Trecento sich gesenkt
und diesem Niedergang war die neue Erhebung
gefolgt. Es schäumte auf der Höhe und bald schon
neigten sich die Wellen wieder. Aber solche Vertiefung
war notwendig. Die grossen Linien waren
gezogen und die weiten Flächen dazwischen mussten
gefüllt werden. Die Gestalten des Donatello, Masaccio
schauen grimmig und unberührt von anderer
Schmerz und Leid, mit Verachtung auf uns herab,
höchstens denkend an sich und ihren Streit.

Aber nicht nur nach Göttern, nach überirdischen
Gestaltungen, auch nach Menschen und warmem Blut
verlangen wir. Es bedurfte einer Verinnerlichung der
Kunst und diese hat Filippo Lippi in jeder Hinsicht
gebracht. Mit ihm wird die Kunst intim. Seine
Gestalten sind nicht mehr die wetternden Helden
in monumentaler Gestaltung jener Vorgänger, es sind
nicht mehr die von religiöser Hingabe erfüllten,
nur im fernen Geisterreich schwebenden Seelen des
Fra Angeliko. Hier erscheinen in der Kunst Menschen
herausgegriffen aus unserer Umgebung, auf
der Erde geborene und mit uns wandelnde Menschen.

Die von Filippo gegebene weitgehende Bereicherung
des Gemütslebens in der Wiedergabe innerer
Empfindungen war vielleicht seine grösste Tat. Jetzt
bekommen die Gesichter momentanen Ausdruck, die
Finger beginnen zu tasten, zu fühlen, die Gestalten


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