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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_06/0044
Fra Filippo Lippi, Die Verkündigung.
Florenz, San Lorenzo.

erstarken zu körperlicher Schwere. Ueberall empfinden
wir, dass ein Realist, ein Freund der menschlichen
Erscheinung und besonders des zarten Geschlechts
in liebevoller Hingabe gestaltet. Von solcher
Liebe erzählen ja auch genügend die Anekdoten von
Liebestaten des nicht gerade keuschen Mönches.
Sein liebebedürftiges Herz strömt leicht und reichlich
über. Aber die gleiche Freudigkeit, mit der
er den Frauen das Auge, das Herz zuwendet, erregt
ihn als Künstler, wenn er in die grosse Gestaltenwelt
sich versenkt, wenn es heisst, Erlebnisse aus
der Welt des Auges zu fesseln. Nun endlich sehen wir
in der Kunst Frauen voll innerer Erregung und weiblicher
Anmut. Das war der bisher streng kirchlichen
Kunst fremd geblieben. Aus der hoheitsvollen,
gnadespendenden Madonna wird eine Mutter, aus dem
Gottessohn ein Menschenkind. Beide inniglich verbunden
als Anbetung des Kindes: diese wurde zu einer
intimen Scene, wo an Stelle der Verehrung mütterliche
Liebe, an Stelle der Heiligkeit Menschentum
treten. Filippo Lippi hat damit den entzückenden
Typus dieser späterhin in Florenz besonders beliebten
Darstellung geschaffen. Gibt es zartere, reinere Töne
als die, welche er auf seinem schönsten Bild dieses
Genres, auf der Anbetung in der Berliner Gemäldegalerie
(Abb. Bd. IV, Taf. 2) anschlägt. Von der
naiven Unschuld des Kindes, der Holdseligkeit dieser
beglückten Mutter, dem süssen Reiz der landschaftlichen
Umgebung sei hier nicht weiter gesprochen.

Kaum Luca della Robbia, sein geistesverwandter
Plastiker hat ihn darin übertroffen,
geschweige denn einer aus der langen Reihe
der Nachfolger.

Eine andere beliebte Darstellung, die
auch durch Filippo zuerst uns menschlich
näher gerückt wurde und damit ihre endliche
, allgemeingültige Fassung erhielt, ist
die Verkündigung. Von den verschiedenen
Wiedergaben erscheint als die reizvollste
diejenige in der Nationalgallery zu London,
welche auf S. 33 abgebildet ist. Entzückend
der lispelnde Engel links und die andächtige
Jungfrau in milder Verbeugung lauschend.
Eine andereVerkündigung im Palazzo Doria
(Bd. IX, Taf. 2) zeigt die Maria noch mehr
als unbeholfenes schüchternes Jungfräulein.
Nicht alle Verkündigungen haben diesen
gleichen Liebreiz. Auf derjenigen in S. Lorenzo
entwickelt er herbere Züge, grössere
Leidenschaft. Aber das war nicht von ihm.
Es kam von einem gewaltigeren, von Dona-
tello, an dessen grossartiges Steinrelief in
S. Croce (Bd. I, Taf. 78) sich Filippo direkt
anlehnt.

Damit haben wir die Spuren zu Dona-
tello, zu dem Quell, aus dem jene Zeit all ihre Kraft
schöpfte, zurückgefunden. In den Anbetungen und jenen
Verkündigungen erklangen Fra Angelikos zarte Engelchöre
, freilich verstärkt und gekräftigt wieder. Hier
finden wir Donatellos leidenschaftliche Kraftausbrüche
gemildert, vom Heroismus vermenschlicht.
Freilich ist auch nichts mehr von dessen Monumentalität
übrig geblieben. Maria ist fast im Zusammensinken
vor Erregung, sie gerät ausser sich,
während Donatellos Jungfrau auffordernd und fast
abweisend stolz den schüchtern sich heranschiebenden
Engel anblickt. Dazu war dem Filippo offenbar
das etwas trotzige Gegeneinander der grossen
Figuren zu abstossend und er fügt zwei unbeschäftigte
, sich unterhaltende Engel hinzu, welche übrigens
nach seinem Vorbild zu typischen Zutaten der
Florentiner Verkündigungen bis hinein ins Cinquecento
wurden. So wird das Trennende der Mittellinie
, welche das Relief zwischen den Hauptfiguren
in zwei Hälften teilt, aufgehoben. Maria und der Verkündigungsengel
bilden eine geschlossene Gruppe,
der das Engelpaar links das Gleichgewicht hält.

Diesen rauhen Windhauch, der Donatello und
mit ihm jene grosse Zeit durchwehte, vermochte
auch Filippo nicht ganz abzuschwächen, zu erwärmen
mit dem Feuer seiner liebereichen Seele. Donatellos
Einfluss brachte den anschaulichen Realismus,
die Durcharbeitung der Individualität in seine Kunst,
aber zu gleicher Zeit auch dessen herbe, brüske

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