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tenen und in grossen, einheitlichen Farbflächen ge-
fassten Gestalt der Madonna bei. Das ist ein Effektmittel
, welches kaum nur instinktiv von Filippo
Lippi aufgebracht, von allen grossen Nachfolgern,
von Leonardo und Signorelli, von Raffael und Michelangelo
bedeutsam verwertet wurde. Offenbar ist
Filippos grosses, malerisches Empfinden ausschlaggebend
gewesen. Schon seine Anbetungen zeigen
eine feine Kontrastierung der breiten Farbflächen
des hellblauen Mantels der Maria wie des eingeschlossenen
, zusammengehaltenen Kinderkörpers gegen die
unruhigen Blitzlichter, die bald auf Felsen oder
Blumen, bald auf Baumstämmen oder springenden
Bächen im Grunde spielen. Diese bewusste breitflächige
Behandlung war ein schönes Erbteil von
Giotto über Fra Angeliko gewesen. Aber während
bei diesen alles noch flächenhaft, gewissermassen
linear bleibt, sucht Filippo einen Raum zu schaffen,
Tiefen zu erwirken und plastische Kraft, Fülle in
seine Figuren zu legen.
Damit greift Filippo auf sein anderes Vorbild,
auf Masaccio zurück. Wenn irgend einer, hat er
noch etwas von diesem grössten Raumbildner, dem
er schon in der Art des Concipierens nahesteht.
Während die anderen mit Lineal und Zirkel konstruieren
, greift er hinein in die Wirklichkeit und
erzeugt trotz aller perspektivischen Fehler und
Mängel prachtvolle Raumwirkungen. Was sollen
die Konstruktionen der Castagno und Uccello, die
sorgsam gezeichneten Räumlichkeiten der Gozzoli,
Ghirlandajo, Pollajuolo etc. gegenüber dem schönen,
von Licht durchstrahlten Kircheninterieur auf der
Totenmesse des heiligen Stefan in Prato (Taf. 67. 68).
Aber hier zeigt gerade ein Vergleich, was anderes
Filippo gewollt hat als Masaccio. Dieser gibt,
(vgl. Bd. VIII, Taf. 82. 83) wuchtige, schwere Gestalten
und versinnlicht mit bestimmten, grossen
Gruppierungen voller plastischer Körper den Raum,
der nur für die Figuren da ist. Er fasst diese in der
Mitte zusammen, während nach rechts und links
der Raum ungefüllt bleibt und sich matt verläuft.
Filippo lässt gerade im Zentrum den Raum sich
vertiefen und voll ausleben, wozu die Figuren ihm
Platz machen müssen. In grossen Massen stellt er
als Kontrast die Menschen rechts und links zusammen.
Ein heller Lichtschein über den selig schlummernden
Toten führt uns in der Mitte in die Tiefe. Es sind
grosse Lichtkontraste, die hier gegeneinander sprechen
und eine hervorragend malerische Wirkung erzeugen.
Damit kommen wir endlich zu Filippo Lippis
Eigenart, zu seiner Lichtmalerei. Den Realismus
hat er von Donatello, das Raumempfinden von Masaccio
, aber das Licht strahlte allein ganz aus seinem
Inneren. Nichts, weder Form noch Farbe, weder
Linie noch Bewegung interessieren ihn so wie das
lebendige, vibrierende Licht, und hier setzt er mit
ganzer Liebe und wahrhaft inniger Hingabe alles
ein zur Versinnlichung dieses lebenden Lichtes. Es
sind feine Strahlungen, die er über seine Gestalten
giesst und in die Räume gehen lässt. Zarte lichte Töne
zumeist in Hellblau und Zinnoberrot herrschen,
bis sie in den silbernen Dämmerschein seiner entzückenden
Waldinterieurs oder der in die Tiefe
verschobenen Räumlichkeiten sich verlieren. Man
beobachte überall das feine Spiel der Lichter auf
dem zarten Carnat und den allein zu diesem Zweck
in reichen bauschigen Falten aufgeworfenen dünnen
Schleiergewändern, oder wie es über die bunten
Fliessen der Fussboden und die Blümlein im Gras
dahineilt. Woher hat er dies feine Empfinden für
lichte Tönungen, fragt man. Manchmal ist mir
gerade vor den Fresken des Ansuino da Forli in
Padua eine Erinnerung gekommen. Filippo Lippi war
ja bis ca. 1437 in Padua. Aber das Material genügt
nicht zur Klärung darüber, wer hier der gebende und
wer der beeinflusste Teil war.
Das Schicksal hat es gewollt, dass Filippos
grosse malerische Bestrebungen erdrückt wurden
von dem unentwegt vordrängenden Verlangen der
Florentiner nach plastischer Formvollendung und
zeichnerischer Klarheit. Dem Ansturm der Ver-
rocchio und Pollajuolo unterliegt auch seine Auffassung
. Wie herrlich von zartem Licht durchstrahlt
sind noch Botticellis frühe Madonnen. Wie bald entweicht
das Licht, der duftige Schein! Filippino, der
ganze Sohn seines Vaters, führt bis zum Tode den
harten Kampf für das Kolorit fort und — es ist fast
tragisch — von aller Welt geehrt unterliegt auch
sein Streben.
Was will Filippos Pittimadonna und was dagegen
Michelangelos Madonna Doni? Einem lieblich
singenden Spiel in zarten, zitternden Tönen, einem
vielgestaltigen, heiteren Durcheinander klingt entgegen
der tiefe, schwere Basston einer gewaltigen
Männerstimme, die alles überherrscht, und plastische
Klarheit, körperliche Festigkeit befiehlt. Filippo
Lippi war zu einfach und natürlich für das gelehrte
Quattrocento. Zu wenig Problemheld, strebte er
zwar auf ein bestimmtes Ziel zu, aber seiner künstlerischen
Absicht nicht klar genug bewusst, leitete
ihn mehr ein feiner künstlerischer Instinkt. Er
begriff schon die Kunst als ein höchstes Genussmittel
und schuf in reiner, sinnlicher Freude an der
Erscheinungswelt. Dazu war die Zeit noch nicht reif,
dazu bedurfte es noch einiger Jahrzehnte Arbeit, einer
feineren Kultur. Andrea del Sarto, ein ihm in vielem
verwandter Geist, könnte man den Vollender seiner
Pläne nennen. Vorläufig ergab sich die Welt der
verstandesmässigen Energie des Leonardo und der
leidenschaftlichen Konsequenz des Michelangelo.
Fritz Knapp.
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