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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_06/0047
Das Kind in der Kunst des Quattrocento.

DAS Kind ist ebenso wie die Frau für den Romanen
etwas anderes als für den Germanen.
Das deutsche Kind hat bereits Teil an einer Gemütswelt
, deren Vollbesitz den Erwachsenen Wert
und Unwert des Lebens bedingt; sein kleines
Seelchen ist doppelt zart und rührend im Andrang
der fremden, unsichtbaren und oft so unfassbaren
Mächte. Der Typus des italienischen Kindes ist dagegen
durchaus Drolerie; lebendige Kleinbewegung,
putziges Spiel halbentwickelter Formen und eine oft
mehr derbe als heitere Fröhlichkeit wird hier erwartet.
In der italischen Kunst deckt sich der putto, d. h. das
Engelchen mit den Kindern, mit denen es im Sandhaufen
spielt, während in der deutschen Kunst putto
und Kind ganz getrennt, letzteres sogar schon dramatisch
selbständig vorkommt, wie z. B. bei jenem
Totentanzbild Holbeins, wo das vom Tod weggeschleppte
Kind der in der brennenden Hütte zurückbleibenden
Mutter einen langen Blick rührender
Klage zuwirft. Wer Amicis bekanntes Büchlein
Cuore kennt, wird den Gegensatz des südlichen
Empfindens zu unserem sehr hoch taxieren. Wer
die einstudierte Weihnachtspredigt eines fünfjährigen
römischen Bimbo in Sa Maria in Araceli mit angehört
hat, wird von derartigen bizarren Bräuchen nicht sehr
erbaut gewesen sein. Das Jahrhundert des Kindes
wird nicht in romanischen Ländern anbrechen.

Andrerseits spielt das italienische Kind früher
als das deutsche schon eine Rolle. Als Stammhalter
des Geschlechtes, als Bluterbe gilt er mehr
als ein gioello. Wie der kleine Bursch für die
Dienerschaft schon Padrone ist und nach Herzenslust
kommandiert, so umspielt sein ganzes Kinderleben
— übrigens auch im Gegensatz zur eigenen
Schwester — die Romantik des Ahnengedenkens.
Wir halten unsere Kinder auch in dem Sinne kindlich
, dass wir sorgen: pueri puerilia tractant. Uns
deucht unser Empfinden natürlicher, vielleicht inniger,
jedenfalls schlichter.

Die christliche Kunst des Südens hat dem Kind
einen ungleich breiteren Raum eingeräumt als die
antike. Der Madonnengedanke, die evangelische Geburtsgeschichte
sind geradezu auf die kindliche Note
gestimmt, während die Plutos- und Bacchuskinder
der praxitelischen Zeit Ausnahme blieben. Die
am Eingang der Geburtsgeschichte stehende „strage
degli innocenti" spricht den Kindern sogar die Gloriole
der Märtyrer zu. Neben diesen wehmütigen
Kinderschreien hört man viel Kinderglück in den
alten Fresken lachen. Oft ist die erste Begegnung
des kleinen Christ und Johannes im Wald dargestellt

worden, am murmelnden Quell, bei der pickenden
Taube, dem äsenden Hirsch. Dann meldet sich
in der Disputa des 12jährigen Knaben die frühreife
Klarheit des göttlichen Exegeten an, dessen kindliches
Gemüt der Verstand der Verständigen bestaunt. Kinder
tummeln sich auf dem Hügel, auf dem der Täufer
seine Busspredigt hält — Kinder bringen dem Vater
dieses Täufers das Tintenfass, als er bei der Geburt
des Knaben „schrieb und sprach: er heisstJohannes."
Die Szene der ihre Kinder zu Christus bringenden
Mütter kommt in der italienischen Kunst nicht vor
— es war eine Episode, bei der mehr geredet als
gehandelt wurde und daher dem Maler nicht genügenden
Ausdruck lieh. Während der ganzen
Tragödie der Karwoche hat das Kind zu schweigen.
Erst bei der Kreuztragung wird es wieder zugelassen;
es fasst ängstlich der Mutter Rock, die scheu unter
dem Stadttor stehen bleibt.

Zu noch grösserem Recht kommt das Kind in der
Legende der Heiligen. Wie diese Erzählungen ihr
griechisches Muster auch darin kopieren, dass sie
für jede Lage, jedes Leiden, jedes Glück und jede
Not den besonders wirksamen Heiligen nachweisen,
so bekommt hier auch das Kind seine kleine Domäne.

Taddeo Gaddi, S. Nicola entführt dem Sultan den Knaben.
Detail von einem Triptychon. Berlin, Kgl. Gemäldegalerie.


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