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Der klassische Kinderfreund
, den wir auch im Norden
noch heut als Knecht Rupp-
recht feiern, ist der heilige
Nicolaus. Knaben und Mädchen
, Jünglinge und Jungfrauen
waren seiner besonderen
Fürsorge anvertraut.
Seit seine Gebeine, von päpstlichen
Fischern im Jahre 1087
der kleinasiatischen Küste entrissen
, südlich vom Gargano
in der Krypta von Bari ruhten,
strömtederSegenseinerGegen-
wart durchs ganze Land. Er
hütete die Mädchen und half
ihnen die Tugend wahren;
einst hatte er drei Töchter
eines Konsuls, die sich in
ihrer Not zum äussersten ent-
schliessen wollten, durch drei goldene Kugeln vor
der Schande bewahrt. Drei Knaben, die ein böser
Metzger zu Wurst zerhackt hatte, wurden von dem
Heiligen trefflich retrovertiert. Als einst am St.
Nicolafest ein Knabe vom Teufel stranguliert wurde,
erweckte Nicolaus, vom Schmerz des verzweifelten
Vaters gerührt, das tote Kind. Ja er verhalf einem
kinderlosen Ehepaar, das einen goldenen Kelch zu
stiften versprach, zu einem Erben. Vor allem aber
ging folgende Erzählung
von ihm in der Runde:
Ein kleiner Adeodatus aus
der Normandie, der mit
den Eltern nach Süditalien
gekommen, war um seiner
Schönheit willen vom Sultan
geraubt worden; als
dieser ihn am Nicolaustage
züchtigte, wartete der
Heilige den Augenblick
ab, bis Adeodat dem bösen
Tyrannen bei Tisch den
Pokal kredenzte, entführte
ihn dann plötzlich durch
die Lüfte und stellte ihn
neben den Tisch der ebenfalls
, aber betrübt tafelnden
, nun ganz beglückten
Eltern — den morgenländischen
Pokal hielt der
Knabe unwillkürlich noch
in der Hand. Dieser Erzählung
liegt die normannische
Wanderung und
Siedlung in Apulien, die
Antonio Rossellino (?), Giovannino
Marmor. Florenz, Palazzo Martelli.
Art Minos da Fiesole, Giovannino.
Marmor. Paris, Sammlung Rud. Kann.
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seit 1040 ein halbes Volk vom
Norden nach dem Süden verpflanzte
, zu Grunde, ferner
der im ganzen Mittelalter bis
in die Neuzeit übliche Sklaven-
und Knabenhandel nach dem
Orient hinüber, der noch dazu
meist in den Händen der
Geistlichkeit lag. Da hatte
San Nicola genug zu tun, alle
exportierten Schützlinge wieder
zurückzubringen. Die
früheste Darstellung einer solchen
Knabenrettung findet sich
am Türsteig von S. Salvatore
in Lucca (XII. Jahrh.); dann
kehrt sie häufig auf den Florentiner
Hausaltärchen des Tre-
cento wieder, z. B. auf demjenigen
im Berliner Museum
von T. Gaddi, auf dem des Bigallo in Florenz
von 1333 und auf Triptychen Bernardo Daddis, wo
das Mahl des Sultans einerseits, die Ankunft des
Knaben bei den Eltern auf der andern Tafel gemalt ist.
Bei einem Hausaltärchen, das vor allem der Mutter
und Gattin gehörte, waren solche Kinderbilder wohl
angebracht; ebenso half auf der Vorderseite der
Flügel oft der hl. Christoph dem kleinen Christ
durchs Wasser.
Das Quattrocento, in
dem die Beziehungen Tos-
canas zu Apulien mehr
und mehr absterben, hat
den Stadtheiligen von Bari
weniger gefeiert als das
Trecento; dennoch findet
sich auch im 15. Jahrhundert
die Nicolauslegende
noch öfter. Am bekanntesten
ist die schöne Predella
des sog. Carrand-
meisters, die einst unter
Donatellos Verkündigung
in Sa Croce hing und
vom Küster dem jungen
Michelangelo geschenkt
wurde, in dessen Haus sie
noch heute hängt. Namentlich
blieb die Geschichte
der drei in Not geratenen
und von S. Nicola behüteten
Töchter das Preislied
jungfräulicher Reinheit
, wenn man auch für
dieBrauttruhebaldmytho-
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