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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_06/0049
logische Hymnen auf die Keuschheit bevorzugte. Die
Fürsorge für den Jüngling aber ging von S. Nicola
auf einen jüngeren Patron über, der mehr als eine
einmalige Rettung übernahm, der die ganzen Lehr-
und Wanderjahre des Jünglings überwachte; das war
der Erzengel Raffael.

Wer die trauliche Familiennovelle des biblischen
Tobiasbuches kennt, wird sich nicht wundern, sie
auf den Blättern der Kunst aller Tage wieder zu
finden. Ein Meisterwerk des Aufbaus und der Anschaulichkeit
, ergreifend in ihrer poetischen Zartheit,
die hinter dem Chronikstil geborgen schimmert,
bietet die Erzählung der bildenden Kunst eine unerschöpfliche
Fülle von Motiven. Denn die Geschicke
der Eltern und des Knaben, des Jünglings
und Bräutigams, des Wanderers und jungen Ehegatten
bieten die farbigsten Muster; Rembrandt hat
kein alttestamentliches Buch so fleissig gelesen wie
dieses. Im Quattrocento, wo Lesen und Schreiben
noch zur schwarzen Kunst gerechnet wurde, machte
das geistliche Schauspiel dem Volke die Geschichte
plausibel. Mit wenig Aenderungen war die Novelle
bühnenfähig; Ziege, Walfisch und Brautkammer
wurden leicht herbeigeschafft, und der kleine weisse
müde Pudel spielte mit Lust die wichtige Rolle des
Avviso. Es war eine Familiengeschichte alltäglicher
und doch so beweglicherVorgänge. Der Sohn geht in die
Ferne, erwirbt und freit im Schutz des Engelfreundes
und breitet sein Leben, während daheim ein blinder
Vater und eine sehnsüchtige Mutter am Kamin
warten und altern. Das war schliesslich das Schicksal
jeder Familie, auch in Florenz. Und der aus-

Art des Verrocchio, Giovannino.

Stuck, bemalt. Krefeld, Kaiser Wilhelm Museum
(Sammlung Beckerath).

Meister der Marmormadonnen, Giovannino.
Marmor. Berlin, Sammlung Hainauer.

ziehende Tobias wurde zum eigenen Sohn, der
14jährig das Elternhaus verlässt, in Spanien, Frankreich
und den Niederlanden die Münze lernt, in
Barcelona, Marseille, Brügge auf den Comptoiren der
Freunde seines Vaters arbeitet und in der Ferne
das Mädchen seiner Wahl findet. Seine Heimkehr
brachte Helle in das Haus der Alten, wie einst
Tobias desVaters Augen wieder hell gemacht hatte; und
gern verglich sich die glückliche Mutter jener guten
Alten, die täglich auf den Berg eilte, um auszuschauen
und dann endlich den wohlbekannten Pudel
ihr entgegenstürmen sah.

Wenn in Verrocchios grossem Tobiasbild der
Florentiner Akademie nicht nur Raffael, sondern
auch Michael und Gabriel den Jüngling geleiten,
so hat das alles reichen Sinn. Raffael hat dem
Knaben die Augen geöffnet und Besonnenheit gegeben
; Michael lehrte den Mut und die Waffen;
Gabriel das Holde, er half die Braut finden. So
kehrte er, gut ausgerüstet fürs Leben, heim und
Pindars Worte an Agesidamos passen nun auf ihn:
Erfahren im Dienste des Schönen,
Weisheitsvoll und tüchtig in Waffen.
So scheint in den drei Erzengeln dieses Bildes das
Erziehungsprogramm des klugen, tapferen und geschmackvollen
Edelmannes vorweggenommen, das
später der Graf Castiglione seinem Cortigiano zugrunde
gelegt hat.

Wir verstehen nun, wann solche Tobiasbilder
in Auftrag gegeben wurden: wenn der Sohn in die
Fremde zog, stifteten die Eltern ein Tobiasbild in
die Familienkapelle oder hingen es neben das Madonnenrelief
des Hausaltars. Mir ist ein Fall bekannt
, dass kürzlich eine deutsche Mutter, die von


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