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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_06/0050
solchem Brauch nichts wusste, die Photographie von
Verrocchios Bild über ihr Bett hängte, als ihr Jüngster
auf die Universität zog, instinktiv die Gedanken
des XV. Jahrhunderts nacherlebend.

Auch die Plastik des Quattrocento hat solchen
Empfindungen ein Thema entnommen, das ihrem
Bilderkreis eine ungemein frische, eigenartige und
pointierte Note beifügte: die Kinderbüste. Als
kleiner Johannes und kleiner Jesus sind viele flo-
rentiner Bübchen — wo ja jedes dritte Hans hiess -
porträtiert und auf den Altar der Familienkapelle
postiert worden, sei es dass man so das Andenken
eines gestorbenen bambino beato festhielt, sei es
dass man den lebendigen Stammhalter dem Schutz
der himmlischen Patrone empfehlen wollte. Was lag
näher, als den Kinderfreund in
demjenigen Heiligen zu sehen,
welcher in seinemBaptisterium
den ersten Schrei des Kleinen
gehört, und dessen eigene Jugend
, die man aus den Aufführungen
des 24. Juni so gut
kannte, eine einzige Huldigung
an das Gotteskind gewesen
war. Kinder beten am liebsten
zu Kindern. So verstand es
auch Desiderio, dessen für die
Medici um 1456 gearbeitetes
TondounsereZeitschrift früher
(Museum VIII, 16) abgebildet
hat. Lucrezia Tornabuoni wird
das Relief bestellt haben, als
ihre J ungens Lorenzo und Giu-
liano die Händchen falten lernten
. Desiderio ist auch sonst,
mehr noch als Donatello, der
Meister kindlicher Formen von
naiver Schönheit; ihm verdanken
wir eine ganze Reihe
munterer, frischer, im Alter von etwa zwei Jahren
stehender Bübchen, die meist als Büsten ohne
Aermchen gebildet sind, mit nackten Schultern,
lebendig sprechend oder lachend, ganz im Moment
erfasst und ohne alle Gene. Auch das köstliche
sogenannte Christusbübchen auf dem Tabernakel
in S. Lorenzo gehört in diese Reihe, wenn es auch
nicht Porträt ist. Das Erbe, das der nur 36 Jahre
alte Künstler hinterliess, trat Antonio Rossellino
an, dessen Natur aber nicht naiv genug war, um
die Pointe im Kindergesicht zu finden. Seine Bübchen
sind wesentlich älter, gesetzter, frisierter und
oft allzu feierlich. Die schönste Leistung ist die aus
Palazzo Alessandri stammende Jesusbüste (heute

Andrea della Robbia, Giovannino.

Glasierter Ton. Krefeld, Kaiser Wilhelm Museum
(Sammlung Beckerath).

Berlin, Sammlung Hainauer), die auch den feindurchbrochenen
Heiligenschein erhalten hat (Abb. Band I,
Tf. 150). Die Büste der casa Martelli will nicht ganz
zu Rossellinos Gepflogenheiten stimmen; aber auch
Desiderio ist nicht mit Sicherheit in ihr zu erkennen.

Gegen das Ende des Jahrhunderts verschwinden
diese kleinen zwischen Porträt und Typus schwankenden
Marmorbüsten; länger halten sich diese Gegenstücke
in der Malerei, wie zwei kleine Bilder der
Botticellischule in der Dresdener Galerie (Nr. 11
und 12) beweisen. Dagegen erlebt die Johannesbüste
in der Verrocchioschule eine besondere Ausprägung
, und zwar nach der sentimental-klagenden
Seite hin. Das Kensington Museum, Frau Hainauer
in Berlin, der Fürst Stroganoff in Rom, das Museum

in Krefeld u. a. besitzen solche
Büsten, alle in heller Terra-
cotta oder in Stucco, zum
Teil sehr weich in Empfindung
und Behandlung, alle
aber von starkem Stimmungsgehalt
und weit entfernt von
der heiteren und vielleicht
allzu mädchenhaften Auffassung
, die Benedetto da Maiano
seiner Täuferstatuegab. Ueber-
rall ist das Bestreben deutlich
, im Täufer nicht das
Kind, nicht den Burschen,
sondern den Jüngling auszubilden
, in dessen Mund Prophetenwort
nicht Widersinn,
sondern Melancholie ist. Die
Robbiaschule dagegen hielt
an der kindlichen Note fest
und wusste mit ihren spiegelnden
Glanzlichtern Kinderunschuld
und -glück besonders
glücklich zu treffen.
Hier setzt auch die völlig genrehaft aufgefasste
Kindergruppe ein, wo die lustigste Balgerei entsteht
und das Raufen zu einem Recht kommt.
So klingt das Quattrocento auch in diesem Motiv
im leichten Spiel und jener weichen Sentimentalität
aus, die auch das Heilige menschlich deuten möchte.
Wir verstehen es, wenn Savonarola dieser weichen
Grazie gegenüber aufbegehrte, wenn er in diesen
Madonnen und diesen Giovannini Spielerei sah und
deshalb auf Darstellungen drang, deren Charakter
von vornherein alles Schmeicheln ausschloss: die
Kreuzigung und die Klage um den toten Herrn sind
die klassischen Themata der Savonarolazeit.

Paul Schubring.

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