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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_06/0059
Honore Daumier.

(1808—1879.)

DER „gradus ad parnassum" ist heute für Daumier
beendet. Ungestraft darf dieser Name mit einer
Emphase genannt werden, die noch der vorigen
Generation übertrieben und absonderlich erschienen
wäre. Wir sehen ihn als letzten jener erlauchten
Familie, deren Haupt Rembrandt heisst, sehen ihn,
wenn wir seine Epoche überdenken, als ebenbürtigen
Bruder der Goya, Delacroix und Rodin.

Daumier ist fünfundzwanzig Jahre tot und fast
ebenso lange hat diese Erkenntnis gebraucht, sich
durchzusetzen. Sie erwacht hier und da, in einzelnen
Köpfen, bei den Besten seiner Zeitgenossen. Das
Gefühl von Grösse ist da, instinktiv und untrüglich,
doch zu vage, um mehr als persönliche Ueberzeugung
ausdrücken zu können, ohne Beweiskraft, eine nachhaltige
Suggestion auszuüben. Daumier war der
Mann, der fünfzig Jahre Karikatur gemacht hatte.
Karikatur grössten Stiles, rabelaisartig, soziale, politische
, menschliche Satire, immerhin etwas wie
Eintagsarbeit. Journalismus, ein niederes Genre,
freilich mit Kunst, grosser starker Kunst betrieben,
das sah man wohl. Dennoch, wenn man ihn bewunderte
, seine Bewunderung begründete, blieb
immer ein Rest, der nicht ganz aufging, es war eine
Grösse quand meme, die mehr hinter dem Werk
als in ihm selbst steckte. Einem Michelet war er
der geliebte Rebell, der seherische Philosoph, der
mit einem Bilde blitzartig zeigte, was hundert
Zeitungsartikel nicht auszudrücken vermochten, der
Perspektiven aufdeckte, den Gegner in seiner ganzen
Blosse zeigte und mit einem Bonmot wie mit einem
Keulenschlage niederstreckte. Baudelaire erkannte
die magistrale Form, aber der Dichter suchte in ihr
mehr noch die dichterische Konzeption, die ihm vom
Schlage Molieres schien, mehr moralische Tat als
Kunsttat. Der erste, der Daumiers Biographie schrieb,
Champfleury, nannte wohl Rubens und Jordaens,
Goya und Delacroix, um die Sphäre zu bezeichnen,
in die eine Karikatur reichte, die diesen Namen
schon nicht mehr ertrug. Aber wenn er diese Geister
zitiert, gilt es ihm die Intensität, das Temperament,
die Flamme anzudeuten, er verzichtet leichten Herzens
auf eine Stilanalyse, sieht nur den grossen Beobachter
, der die Chronik seiner Zeit geschrieben,
den Griffelkünstler par excellence.

Für die gesamte ältere Generation existiert
eigentlich nur der Daumier der Lithographien.

Uns bedeutet er das, was er ist, nicht weil wir aus
diesen Tausenden von Blättern Leidenschaften ablesen
, die tot sind, Kulturentwicklungen verfolgen,
die wir andernorts ebenso gut studieren könnten,
sondern weil wir in ihm eine plastische Offenbarung
erkennen, die, aus unserem Leben geboren, von dem
Geiste unserer Zeit getränkt, den Bildern unseres
Alltags erfüllt, noch einmal eine ganz einzige und
grandiose künstlerische Vision zu gestalten vermochte
. Hätte Daumier nichts als das Tagelöhnerwerk
des Charivari hinterlassen, würde er noch immer
als einer der grossen Zeichner der Kunstgeschichte
dastehen. Um ihn seinem ganzen Umfang nach zu
ermessen, mussten wir Daumier den Maler haben,
den Meister rembrandtischer Leinwände und Aquarelle
, und jener zahllosen Croquis, die bald der
Hand Michelangelos oder Lionardos, bald der des
Poussin zu entstammen scheinen. Dieser Daumier
ist ein Koloss. Kommt man von solchen Dingen,
steigen freilich selbst die Aktualitäten in eine Höhe,
die man zuvor nicht anzugeben gewagt hätte, und
recken sich schwellend wie das formenschwangere
Chaos, dem einige wunderbare Metamorphosen sich
entringen werden.

Daumiers Künstlerleben ist eine lange heimliche
Tragödie gewesen. Als Knabe stösst er den Schrei
aus: ich will Maler werden. Er wiederholt ihn als
Jüngling, während er mit den ersten Lithographien
sein Dasein fristet. Es wiederholt ihn der Mann,
nachdem die Schlacht der Freiheit geschlagen und
die Revolution gesiegt hat. Er stösst ihn noch einmal
an der Schwelle des Greisenalters aus, erneuter
Kämpfe und. des Spottes müde.

Den Gefährten der Jugend blüht ein ^volles
reiches Schaffen, Diaz, Dupre, Daubigny, Millet gemessen
den Ruhm ungestörter Meisterschaft. Daumier
bleibt an seine Tretmühle gefesselt. Erst als
die Schatten des Todes und der Blindheit sich auf
den Siebziger senken, ist ihm jener späte einzige
Triumph gegönnt, der wenn nicht der Welt, so doch
einer erlesenen Gemeinde verrät, was er hätte sein
können und nur in flüchtigen, allzu spärlichen Augenblicken
sein durfte.

Daumier starb, ohne dass seine Stunde gekommen
war. Die Gesamtausstellung, auf der 1878 bei
Durand Ruel seine Freunde das gemalte und gezeichnete
Oeuvre vereinigten, brachte wohl einen

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