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zu lassen erlaubt. Watts' Tod ist die Mutter, die die
Kinder zu Bette bringt, so hat er sich selbst einmal ausgedrückt
, sei es zu einem Erwachen in einer andern
schönern Welt, sei es'zur ewigen Ruhe, wo aller Schmerz
für immer zu Ende ist. Rethel hatte schon, freilich
unter Beibehaltung des Gerippes, den Tod als Freund
verherrlicht, auch bei Watts kommt er zu dem abgearbeiteten
Tagelöhner als milder Bote. Und eben
so ist im Hofe des Todes der geflügelte Genius der
Erlöser, der alle Mühen und Sorgen uns abnimmt.
Nicht nur die von körperlichen und 'seelischen Leiden
Geplagten nahen sich freudig seinem Throne, auch
der König und der Ritter legen Krone und Schwert
ohne Trauer ab. Auch sie haben die Eitelkeit alles
Irdischen erkannt. Ist der Meister aber darum wirklich
der Henker aller unserer Freuden, wie ihn de la Size-
ranne genannt hat? Die Angst vor dem Tode kann
lähmend auf unsern Schaffensmut wirken, sie will der
Künstler uns nehmen, uns mit dem Gedanken des
Sterbens vertraut machen, nicht Sehnsucht nach ihm
in uns wecken. Wie wäre dies auch bei einem Manne
möglich, der fast drei Menschenalter in Schönheit und
ungebrochener Schaffenskraft verleben durfte!
Beschreiben lassen sich diese Bilder eigentlich
nicht, obwohl sie dazu beinahe herauszufordern
scheinen. Mit unsern begrifflichen Ausdrücken zerpflücken
wir die zarte Blüte; ja schon die Titel, die
man den Werken gegeben, streifen oft ihren schönsten
Blütenstaub ab. Zuweilen hat sie der Meister namenlos
auf die Ausstellungen geschickt, wo sie dann wohl
Katalogtitel erhielten, [die seinen Absichten gar nicht
entsprachen. 'Niemals hat er die Phantasie [des Beschauers
durch den Titel einschränken wollen. Wenn
die Grundidee nur erfasst war, dann mochte der Andächtige
die Gedanken ruhig weiter spinnen, sie in
Gebiete schweifen lassen, an die der Künstler selbst
gar nicht gedacht hatte. Es sind auch keine logischen
Gedankenreihen, die seine Bilder anregen, wir träumen
vor ihnen, träumen von einer vollkommneren Welt, in
der die Liebe alles regiert. Tiefe Sehnsucht wird in uns
geweckt, deren Wirkung auf unsern Charakter nicht ausbleiben
kann. „Liebe und Leben." Ist es nicht eigentlich
ganz gleichgültig, dass dieser beflügelte Genius
die Liebe und dieses vertrauensvoll ihm folgende
Wesen das Leben bedeutet? Der Rhythmus des Aufsteigens
in immer höhere und freiere Regionen, die
wir mehr erschauernd ahnen als sehen, die unendliche
Güte in der Haltung des Genius, die Hilflosigkeit und
das unbegrenzte Vertrauen, das sich in dem Gesicht
und dem ganzen Körper des jungen Weibes ausspricht,
lassen sie nicht Unaussprechliches in uns erklingen?
„Liebe und Tod." Wir wissen, aus welchem sehr
realen Anlass Watts dieses Gemälde geschaffen hat,
aber wir möchten ihn vergessen. Etwas Unerbittliches,
Unabwendbares, gegen das Jugend und Schönheit
vergebens ankämpft, schreitet in dieser zugleich furchtbaren
und doch milden Gestalt, deren Gesicht wir
nicht sehen, auf die Schwelle des Hauses zu. „Triumphierende
Liebe." Wer auch die Mächte sein mögen,
die geschlagen am Boden liegen, in der reinen Gestalt
, die jubelnd die Hände zum Aether emporhebt,
fühlen wir den Sieg der edelsten Triebe, die das
Menschenherz bewegen. Die Wirkung dieser Bilder
liegt trotz allem doch wieder im Rhythmus, der Form
wie der Farbe. Wenn sich aus dem Scherzo der C-moll
triumphierend das Allegro herausschwingt, sehen wir
dann nicht auch den Himmel offen und fühlen erbebend
den Sieg des Lichtes über die Finsternis? Es gibt sogar
Bilder von Watts, die sich überhaupt nicht in Worten
ausdrücken lassen, wenn man nicht banal werden will,
wie das „Alldurchdringende", und doch mit mystischer
Kraft wirken. .
An Watts' Allegorien reihen sich unmittelbar seine
mythologischen Bilder an; tragen diese doch zum Teil
wenigstens auch noch einen symbolischen Charakter.
Selene, die sich auf Endymion herablässt, ist das
Mondlicht, das den Schläfer beleuchtet. Wundervoll
ist hier der Linienfluss der beiden in mystischem
Dämmerlicht gebadeten Gestalten. Orpheus, der das
Leben in der ihm entschwundenen Geliebten zurückzuhalten
sucht, gliedert sich an den Zyklus vom Tode
an. Nichts ist rührender als das matte, willenlose
Dahingleiten des blassen weiblichen Körpers im Gegensatz
zu der starken Gebärde des lebenstrotzenden
Mannes. Keiner wird vor diesem Bilde leugnen, dass
die Malerei solche Gegensätze ebenso eindrucksvoll,
ja vielleicht noch eindrucksvoller gestalten kann als
die Dichtkunst. Alten, jedem vertrauten Dingen einen
neuen Reiz zu geben, darin bestand die Kunst der
grossen Renaissancemaler, darin besteht auch unseres
Meisters Kunst auf diesem Gebiete. Das Parisurteil,
das andre realistisch behandelt hatten, wird bei ihm
zur lieblichsten Vision. Erschauernd sinkt der Schäferssohn
vom Ida nieder vor der göttlichen Schönheit,
die aus Wolken zu ihm herniedersteigt.
Dem neuen Testament hat er nur selten Stoffe
entnommen, und auch dann waren es nicht die eigentlichen
Heilsgeschichten, die er malte, sondern Gleichnisse
wie der gute Samariter und der verlorene Sohn.
Dagegen hat er oft und gern Gestalten des alten
Testaments gewählt. Allen voran steht hier die Eva-
Trilogie, drei prächtigen Teppichen gleichende schmale
Hochbilder, aus denen der weibliche Körper in strahlender
Schönheit herausleuchtet. Frühlingsblumen und
Tauben gaukeln zu den Füssen des wie aus einem
tiefen Schlummer zum Leben erwachenden Weibes,
über dessen Haupte sich ein Regenbogen wölbt,
sommerliche Mittagsschwüle lastet über der Versuchung,
Dämmerung senkt sich auf die Sünderin hernieder, die
in tiefster Zerknirschung den von dem goldenen Haar
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