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halb verhüllten Körper an einen
Baumstamm presst. Niemals ist
„Reue" ergreifender geschildert
worden. Auch der Sündflut hat
Watts einen ganzen Zyklus gewidmet
. Von den übrigen biblischen
Bildern ist die Begegnung Esaus
und Jakobs durch eine der Dresdner
Ausstellungen auch dem weiteren
deutschen Publikum bekannt geworden
.
Von den Dichtern entlehnten
Bildern ist Paolo und Francesca
wohl das schönste. Watts selbst
scheint ihm eine besondere Bedeutung
beigemessen zu haben,
denn wenigstens bis vor kurzem
stand es auf einer Staffelei inmitten
seines Ateliers in Little Holland
House, das an den Sonntagnachmittagen
allen Kunstgenossen zu
weihevollem Genüsse offen stand.
Unbeschreiblich schön ist die Umrisslinie
der fahl beleuchteten durch
unergründliches Dunkel davon-
schwebenden Gruppe, wundervoll
diese schwebende Bewegung, am
schönsten aber der Ausdruck der
beiden Gestalten, deren Liebe selbst
die Hölle nicht zu brechen vermocht
hat. Man hat den Eindruck einer
Vision, und wie eine Vision prägt sich das Bild unauslöschlich
ins Gedächtnis ein. Von Shakespeare nahm er
die Ophelia, die er nicht wie Millais in der Verklärung
des Todes malte, sondern wie sie, ein Bild der trostlosesten
Verlassenheit, sich über die Weide beugt, die
unter der Last ihres Körpers zusammenbrechen wird,
G.
liches, Priesterliches strömt von
ihnen aus, das unmittelbar ergreift.
Ganz ernst und gross ist auch seine
Behandlung des Nackten. Man
braucht nur seine Psyche neben das
vielbewunderte Bild seines Freundes
Leighton zu halten, um dessen
recht inne zu werden. Seine Eva
in dem grossen Tritychon ist vielleicht
der herrlichste Frauenleib der
gesamten modernen Kunst, und wie
rührend hat er die herbe knospende
Jungfräulichkeit, wie die Kraft und
Geschmeidigkeit des männlichen
Körpers in Liebe und Leben geschildert
!
Fast immer haben seine Farben
und Formen etwas Herbes, oftmals
etwas Hartes, zuweilen trifft man
sogar farbige Missklänge und formelle
Verzeichnungen. Gewiss mag
manchmal das Vollbringen hinter
dem Wollen zurückgeblieben sein
— ein leicht und mühelos Schaffender
ist Watts niemals gewesen —,
in den meisten Fällen aber hat er
das Bild so gewollt, wie wir es vor
uns haben. Nur um das Wesentliche
war es ihm zu tun, nur darum,
seine Gedanken so klar und deutlich
wie möglich zum Ausdruck zu
bringen. Niemals hat er einen Akt um des Aktes, ein
Gewand um des Gewandes willen gemalt, niemals die
symbolische Kraft der einzelnen Farbe der schönen Harmonie
geopfert. Das Zurschaustellen handwerklicher
Geschicklichkeit war ihm ein Greuel, es widersprach aufs
tiefste seinen Anschauungen von der Heiligkeit der
F. Watts, Liebe und Tod.
London, Täte Gallcry.
Auf Leinwand.
unter der Last inres j\oipcia -------
von Bojardo die Fata Morgana,^jene i™njer^wieder Kuns^ ^ ^ ^ ^ Ma]er ^
und Mythen mit der schlichten Darstellung der Wirklichkeit
ab, wie sie das Porträt erfordert? Derselbe
Mann, der uns in der Täte Gallery ganz in höhere
Sphären entrückt, hat nämlich in der National Gallery
einen ganzen Saal mit Bildnissen von seiner Hand
geschmückt. Spötter haben gemeint, das Aeussere
seiner Modelle sei ihm im Grunde ganz gleichgültig
gewesen; aus ihren Werken habe er sich seine Idee
entsende Sirene, der
gebens zu entreissen sucht. Eine seine F
Jünglingsgestalten ist der Sir Galaha er A«
der von seinem Rosse gestiegen ganz n d e
unsichtbare und doch von uns geahnte hinml.che
Erscheinung verloren ist. Doch es ist unmog ch,
nnr die schönsten Bilder unseres Masters alle aulzu
'^Neu wie der Inhalt und seine Darstellung.ist auch — £se ldee dann aui die Leinwand gebracht,
die plastische Form seiner AllegonenNun, man braucht nur das Bildnis des Kardma
Gestalten mit venezianischer Farbenpracht umte.de ^ um m t t che
so konnte man seine Personen schildern. D,Z g» ^ ^ ^ Uge studiert t. AUerdmg
Marbles waren ja schon in London »e^te ^ ^ Hauptsach Aber da
gewesen, ehe er Griechenland und Wernas, n sah- ^ ^ ^ ^ Jedenfa 1s wnd
Ihre gewaltigen von losen knitterigen Gewandern um ^ ^ fa ^ ^ um den charak er
flossenen Formen scheinen aus ihrer Ruh^_*» ^ ^ mindestens ebens0 gut auch zu physicher
zu neuem Leben erwacht zu »cm.
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