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Aehnlichkeit gelangen wie der, der vor allem seine
Geschicklichkeit zu zeigen bestrebt ist, in geistreichen
Stellungen oder aparten Harmonien seinen Ruhm sucht.
Watts hasste die äusserliche Virtuosität beim Bildnis
genau so wie bei seinen allegorischen und mythologischen
Bildern. Hat er doch sogar behauptet, man
dürfe bei den Bildern zweier verschiedener Charaktere
überhaupt nicht merken, dass dieselbe Hand sie gemalt.
Soweit es möglich ist, seine eigene Individualität ganz
der des Dargestellten unterzuordnen, hat es Watts in
der Tat getan. Was seine Bilder in der National
Portrait Gallery von denen der andern unterscheidet,
ist weniger seine Art des Pinselstrichs oder sein Kolorit
als sein unendlicher Ernst und seine Gewissenhaftigkeit.
Wie Lenbach ist es ihm vergönnt gewesen fast alle
grossen Männer seines Landes malen zu dürfen.
Darwin und Ruskin fehlen allerdings unter ihnen.
Aber wir finden die Staatsmänner Salisbury und Glad-
stone, die Nationalökonomen Mill und Carlyle, die
Dichter Browning, Swinburne und Tennyson (der
letztere allein hat ihm fünfmal gesessen), die Maler
Rossetti, Burne-Jones, Millais, Leighton, Morris, Crane,
den Bildhauer Alfred Gilbert, um nur einige der berühmtesten
zu nennen. Verhältnismässig gering ist
die Zahl der Ausländer. Guizot, Thiers und den
Herzog von Aumale hat er schon früh in Paris gemalt,
von Italienern ist Garibaldi zu nennen. Von Deutschen
habe ich in Little Holland House nur Joseph Joachim
gefunden, dessen Kopf sich ja kaum einer der grossen
zeitgenössischen Bildnismaler hat entgehen lassen. Um
so grösser ist Watts' Ruhm, wenn der grosse Geiger
selbst und die, die ihn am besten kennen, sein Bild
für das schönste erklären. Scheint doch der noch
bartlose Kopf mit der Geige selbst zu Musik geworden!
Virtuosen der Bildnismalerei haben stets gern die ganze
Figur gemalt, so zwar, dass man zuweilen über den glänzend
gemalten Rock den Kopf vergisst. Seelenanalytiker haben
sich fast immer auf das Brustbild beschränkt. Pflegen
doch schon sorgfältig modellierte Hände leicht von der
Hauptsache abzulenken. Bei rein geistigen Potenzen
wie Mill und Carlyle hat Watts ausserdem beinahe auf
alle Farbe verzichtet. Tennyson hebt sich dagegen
im scharlachroten Talar von einem Lorbeerbaum, Morris
von einer seiner berühmten Tapeten ab. Nur bei dem
Porträt des aus Sinnlichkeit und Träumerei seltsam gemischten
Rosetti klingen, wenn ich mich recht erinnere,
Blau und Rot kräftig zusammen. Wenige aber sind
eigentliche Repräsentationsstücke, bei denen Kleidung
und Umgebung eine wichtige Rolle spielen. Das
bedeutendste unter diesen ist das Bildnis Leightons,
der im roten Talar, die Palette in der Hand, hinter sich
eine Statuette, im Lehnstuhl sitzt. Die Bestimmung
für die Royal Academy, deren Präsident Leighton ja
gewesen war, gab hier den Ausschlag. Repräsentativ
und doch zugleich im höchsten Masse intim wirkt
das Bildnis des Kardinals Manning, mit das aller-
schönste des Meisters, in seinem Akkord von Rot,
Weiss und Gold. Am farbigsten aber ist Watts in
seinen Frauenbildnissen. So hebt sich das tiefblaue
Kleid der Lady Somers von einem goldenen Hintergrund
ab.
Uebrigens hat sich Watts auch sonst der Darstellung
des Lebens nicht ganz feindlich gezeigt. Das berühmteste
seiner Bilder dieser Art ist die grosse Mittagsrast
in der Täte Gallery mit den gewaltigen Arbeitspferden.
Die grösste Ueberraschung aber bilden für den, der
nur die Täte Gallery und die National Portrait Gallery
kannte, die Landschaften in Little Holland House,
weniger ausgeführte Bilder als Versuche, überwältigende
Natureindrücke in ihren wesentlichsten Momenten in
die Erinnerung zu rufen; italienische Motive und griechische
, vom Arrarat und von den Pyramiden, die
schönsten aber aus Schottland, dem wunderbaren, farbengesättigten
Nordlande mit seinen ewig wechselnden
Beleuchtungen und den unvermittelten Uebergängen
von Regen und Sonnenschein. Kein Maler ist in der
Darstellung dieser atmosphärischen Erscheinungen
Turner so nahe gekommen wie unser Meister.
Idealist und Realist, Allegoriker und Historienmaler,
Porträtist und Landschafter, alles war in diesem wunderbaren
Manne vereinigt, den man den modernen Tizian
genannt hat und der nicht nur in manchem seiner
Werke, sondern auch in seinem Aeusseren wie in der
überreichen Ernte eines alttestamentarisch langen Lebens
manches mit dem grossen Venezianer gemein hat. Und
damit noch nicht genug. Auch als Bildhauer hat er
Lorbeeren geerntet, dem Kunstgewerbe wertvolle Anregungen
gegeben und als Schriftsteller gewirkt. So
erinnerte er in der Tat fast an die grossen Männer der
Renaissance. Das Erhabenste an ihm aber ist, dass
er nie einen Kompromiss geschlossen hat, nie etwas
geschaffen hat, das nicht dem Innersten seiner Seele
entquollen wäre. So hat er auch den Adelstitel und
die Präsidentschaft der Akademie ausgeschlagen, um
ganz unbeirrt seinen Weg gehen zu können. Unabhängig
von der Gunst der Grossen, voller Güte für
alle, ein grosser Mensch und ein grosser Künstler —
vielleicht nicht der grösste Künstler unter den Modernen,
sicherlich aber derjenige, auf den das englische Volk
den meisten Grund hat stolz zu sein.
Walther Gensei.
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