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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_06/0067
Jacques Gallot.

UNTER dem Titel „Confessions de Ninon de
Lenclos" hat Eugene de Mirecourt einen Roman
veröffentlicht, der unter die „Amours histori-
ques" eingereiht ist.

Nachdem Ninon schon manchen Strauss überstanden
hat, lässt er sie zur Mitternacht auf gefahrvolle
, romantische, aber schliesslich glücklich verlaufende
Art durchs Fenster entführt werden.

Der neue Anbeter bringt die Schöne nach seiner
Wohnung in Sicherheit. Chevaleresk verabschiedet
er sich vorläufig bis zum nächsten Morgen mit einem
anmutigen Gruss und den Worten: „Maintenant,
mademoiselle, il est bon que vous sachiez ä qui
vous avez affaire. Je me nomme Jacques Callot:
je suis dessinateur et graveur."

Diese rund fünfzig Seiten lange Episode ist
zwar historisch unmöglich, im wesentlicheren jedoch
verrät Mirecourt viel kulturgeschichtliches
Verständnis und Feingefühl. Die nicht allzureichlichen
Nachrichten, die wir über Callot
besitzen, baut er zu einem kleinen Roman aus,
und trifft mit ausserordentlichem Geschick den
Grundton, auf den die Ninon ihre Schilderung gestimmt
haben würde, wenn sie in der Tat diese
„Confessions" selbst niedergeschrieben hätte. Damen
ihres Schlages übergiessen jedes wirkliche Schicksal
gern mit einer sinnig-sentimentalen Sauce (als
Gegenreiz zu den prickelnden Momenten), und wenn
sie sich veranlasst fühlen, die Geschicke irgend
welcher geschichtlichen Berühmtheit mit ihren eigenen
zu verweben, so geschieht das nur, um das eigene
Ich der Erzählerin noch mehr glänzen zu lassen.

Mirecourts ganze Klugheit zeigt sich aber darin
, dass er sich überhaupt Callot herauswählte.
Er wollte nun einmal, neben manchen anderen Zeitgenossen
der Ninon, auch einen Künstler herbeiziehen
, dessen Ruhm, wie der aller anderen, auch
nur die Folie zum grösseren Glorienschein seiner
Heldin abgeben sollte. Kein anderer war für seine
Zwecke so geeignet, wie Jacques Callot: denn in der
Tat, das 17. Jahrhundert weist keinen Künstler auf,
der volkstümlicher gewesen wäre als dieser.

Dass gerade ein Künstler unzweifelhaft der berühmteste
und volkstümlichste seines Jahrhunderts
war, trotzdem es seinem Vaterlande an hervorragenden
Künstlern damals nicht gebrach, ist an
und für sich nicht so merkwürdig. Ueberraschen-
des wird das nur für denjenigen haben, der zum

erstenmal erfährt, dass dieser Künstler, nie gebaut,
nie gemeisselt, nie gemalt hat, sondern ausschliesslich
Kupferstecher war. Die Geschichte der Kunst
bietet uns ja überhaupt nur selten die Erscheinung
eines Künstlers, der sich lediglich auf dem Kupfer
äussert. Callot bildet also zugleich von zwei Gesichtspunkten
aus den Ausnahmefall.

Seine Volkstümlichkeit ruht auf vielen festen
Säulen. Eine der stärksten ist die Romantik seiner
Lebensgeschichte. Schon als zwölfjähriger Knabe
verleitete ihn die Liebe zur Kunst dazu, alle Fesseln
zu durchbrechen. Er verliess heimlich das Elternhaus
und machte sich mittellos auf den Weg, um
einem Freund gen Rom nachzufolgen, dem das
Glück beschieden worden war, sich dort zum
Künstler ausbilden zu dürfen. Die sechs bis acht
Wochen seiner Reise von der Heimat nach Florenz
legte er in Gesellschaft einer Zigeunerbande zurück.
Jung, wie er war und das zu seinem Glück —
sollte er den Eindruck dieser Italienfahrt sein Leben
lang nie vergessen. Als er endlich wirklich in Rom
angelangt war, lief er sogleich einigen Nancyer Kaufleuten
in die Arme, die ihn erkannten, und ohne
weiteres nach Hause brachten. Ein zweiter Fluchtversuch
war noch weniger vom Schicksal begünstigt
. Diesmal kam er überhaupt nur bis nach
Turin, wo ihn ein älterer Bruder einfing. Schliesslich
durfte er endlich Weihnachten 1608 mit Genehmigung
des Elternhauses in vornehmster Gesellschaft
nach Italien ziehen, um ernsthaft künstlerischen
Studien obzuliegen.

Callot der Ausreisser— Callot als unschuldiger
Knabe inmitten der lasterschwangeren Zigeunerherde
— das ist etwas für das Volksgemüt! Wie
„Salvatore Rosa unter den Banditen" ist es ihm
auch oft genug von erfolglüsternen Genremalern
und Novellenschreibern aufgetischt worden.

Im Auftrag Richelieus hatte Callot bereits zwei
ungeheure Bilder, die Belagerung von La Rochelle
und den Angriff auf die Festung Saint Martin auf
der Insel Re gestochen. Als im September 1633
seine Vaterstadt durch Verrat fiel, verlangte der
Sieger, Louis XIII, oder besser Richelieu, dass er
in gleicher Weise diese eigentümliche „Waffentat"
mittels seiner Kunst verherrlichen helfe. Callot
weigerte sich, weil er seines Vaterlandes und seines
Fürsten Schmach nicht verewigen wollte. Selbstverständlich
wird sich das wohl in den üblichen


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