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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_06/0068
diplomatischen Formen abgespielt haben. Bildner
und Erzähler aber stürzten sich mit wahrem Heiss-
hunger auf dieses erhebende Beispiel eines grossartigsten
Patriotismus. Und sie stellen es dar, als
hätte womöglich in öffentlicher Versammlung Callot
auf die empörende Zumutung seines neuen Landesherrn
damit geantwortet, dass er ihm schnöde den
Rücken zuwendete und verächtlich stolz, getragen
von dem halbunterdrückten Beifallsgemurmel der
Umstehenden, zurief: „Befehlen Sie nichts, Sire, denn
ich werde doch nicht gehorchen!"

Jedenfalls konnten Callots Lobredner auch
seine „glühende Vaterlandsliebe" breittreten.

Glücklicherweise hat Callots Volkstümlichkeit
nun aber auch edlere Stützen. Er ist der erste
grosse Künstler, der das Leben, das in dem Volk
um ihn herum pulsiert, für die Kunst rettet. Ich
sage das in vollem Bewusstsein des Umstandes,
dass man mir nicht nur einen oder zwei, sondern
viele Vorläufer Callots in diesem Punkt vorhalten
wird. Es geht damit ziemlich so wie mit den Erfindungen
. Benjamin Franklin konnte seinen Blitzableiter
nicht, John Ericsson nicht seine Schiffsschraube
, Graham Bell nicht sein Telephon erfinden
, ohne dass man nachträglich irgend einen obskuren
Herrn aus der Versenkung zog, der schon
längst zuvor auf das alles gekommen war. Leider
hatte der obskure Herr regelmässig vergessen, seine
Arbeit praktisch zu verwerten, und damit fängt
eigentlich das Verdienst erst an. Der Meister des
Hausbuchs und Schongauer treten gewiss bereits
aus dem streng religiösen Gesichtskreis heraus;
Dürer schafft seine Marktbauern pur und simpel
als solche (sein anheimelndes Nürnberger Stübchen
dagegen stellt er noch unter den Schutz einer „St.
Hieronymus"-Etikette!), die Kleinmeister versteigen
sich schon zu Tänzerpaaren und Volksbelustigungen.
Das alles bleibt aber nur mehr oder minder tastender
Versuch. Es ist noch sehr die Frage, inwieweit
die Künstler sich hierbei auf die Seite des
Volkes stellen: ob sie mit den Leuten oder nicht
zugleich ein wenig über sie lachen. Beschäftigt
sich ihre Phantasie mit dem Volk um seiner selbst
willen, oder nicht eher aus dem Grund, weil sie
durch Vorführungen aus jener Welt die damaligen
oberen Zehntausend belustigen wollen? Und immerhin
, auch wer mit dem Volk sich ergötzt und mit
ihm lacht, tut noch lange nicht alles. Callot war
sicherlich der erste Künstler, mit ihm zu weinen!

Bis dahin besteht ja im wesentlichen für die
Kunst unter den mannigfachen Leidenschaften der
Menschenseele nur die eine, die Neigung zum Glauben
, und so hält sie es mit der Kirche. Ein wenig
auch spiegelt sich die Freude über die Wiedergewinnung
des Lebens der Antike, wie über die

grössere Regsamkeit des Geistes überhaupt, in ihr
ab. Und wird sie hierüber hinaus noch profan, so
beschäftigt sie sich mit der Pracht eines Fürsten,
mit dem Glanz und den Sitten der Höfe. Callot
ist es, der über die Leiden der Heiligen und der
Helden hinab zu den Qualen der Aermsten steigt.

Unter den Enterbten hat er sich wochenlang
befunden und schildert, wie farblos ihre Freude,
wie lastend ihr Leiden ist. Gejagt von Stätte zu
Stätte, verachtet und vertrieben von Selbstparias,
die ihnen gegenüber um kaum mehr als um das
dürftige tägliche Brot im Vorteil sind, bleibt ihnen
nichts anders übrig als eben diese Peiniger um ihr
bisschen Voraus zu betrügen und bestehlen. In diesen
vier (Meaume 667—670) berühmten Schilderungen
aus dem Zigeunerleben, verrät Callot, dass ihm
mehr als deren blosse Gebräuche und Aeusserlich-
keiten aufgegangen sind. Dort, wo sie die Möglichkeit
haben, Fremde zu täuschen, lässt er sie sich
selbst belügen und einen grotesk bombastischen
Aufzug veranstalten, als ob sie was gelten möchten.
Belauschen wir sie aber in Augenblicken, da sie sich
unbewacht wähnen, so tritt die blöde Abgestumpftheit
ihres ganzen Daseins, dem nicht einmal mehr
der Schein und die Selbsttäuschung etwas gilt, krass
zu Tage. Hier heisst es Jegliches zu aller Zeit.
Dass einer links dem widerlichen Geschäft des
Schlachtens und Ausnehmens eines Hundes obliegt,
verdirbt niemandem in dieser Gesellschaft den Appetit
, stört dem Kochenden nicht die Gemütsruhe,
ebensowenig wie, dass ein Weib einem Gefährten
den Kopf nach unwillkommenen Gästen absucht,
oder dass ein Mann ganz in der Nähe etwas vornimmt
, das sich nicht einmal mild umschreiben
lässt. Mehrere Kartenspieler bilden eine der Hauptgruppen
. Sie antworten nicht mit dem leisesten Zucken
eines einzigen Nervs auf die Weheschreie jener Armseligen
, die eben in diesem Augenblick auf hartem
Erdreich gebettet, unter freiem Himmel Mutter wird!

Und wie man zu diesem halbtierischen Zustand
herabsinken kann, deutet Callot in seiner noch berühmteren
Folge „Les miseres et les malheurs de la
Guerre" (M. 564—581; vgl. Taf. 115) an. Er, der soviel
vom Krieg gesehen hat und vermöge seiner Vaterlandsliebe
wenigstens mittelbar soviel darunter gelitten
hat, kennt keine grossen Seiten an ihm: er verabscheut
ihn nur. Vielleicht schildert er nur als Künstler
, weil er muss, nicht weil er etwas will. Aber
dennoch konnte man seine Folge als eine Art warnendes
Beispiel gegen den Krieg verwenden, das
umso wirksamer sein mochte, weil er zu beweisen
scheint, dass nicht die Völker als solche, sondern
die Soldaten selbst am elendesten dabei fahren.

Er verfolgt ihr Schicksal vom Tag der Konskription
an, über die Zeit hinweg, wo ihnen wohl


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