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Rembrandt. Der Philosoph. Paris, Louvrc.
Auf Holz, h. 0.29, br. 0.33. Bez. 1633.
so selbstverständlicher Ausdruck, dass es ihm geschehen
ist, dass man eine seiner grössten Schöpfungen
, den Auszug von Amsterdamer Schützen,
Nachtwache getauft hat, ein Name, der an diesem
Bild hängen geblieben ist. Ganz gewiss, es ist keine
nächtliche Runde gemeint, sondern eine Parade am
Tag. Aber Rembrandts Tag ist immer der Tag des
in sein Zimmer verliebten Stubenhockers, der die
Fenster zum Teil verhängt hat und der das Dunkel,
das in den Ecken sitzen bleibt, gern hat. Aus diesem
seinem Helldunkel hat er dann allmählich mit
wachsender Vertrautheit Töne und Empfindungen
herausgezaubert, in denen gegenüber der antiken
und italienischen Ausdruckssphäre das moderne,
aus dem Mittelalter und aus dem Norden gebildete
und erwachsene Individuum zum erstenmal in der
bildenden Kunst sich offenbart und seine eigentümliche
Sprache gewinnt. Es ist derselbe, gar nicht
auszudrückende Unterschied, der die Shakespeare-
schen Gestalten von der Gestaltenwelt der Antike
und der Renaissance trennt. Eine ganz neue, unendlich
kompliziertere Seelenwelt mit unerwarteten
Untiefen und Tiefen und Abgründen, in der statt
elementarer und deutlich umschriebener Empfindungen
und Willensregungen ganz anders bedingte,
nicht minder grosse, aber seltsam gemengte, von
Skrupeln beschwerte Leidenschaften, lauter Helldunkelgefühle
entstehen und erscheinen. Gegenüber
einem Dasein der Expansion, und doch wieder der
Begrenzung (da die Dinge und Personen sich im
Raum stossen) eine intensivierte und dabei grenzenlose
Welt, ein Mikrokosmus, der in dunkler Wärme
brütend von seiner Zelle aus mit der Phantasie alle
Sphären durchdringt und sie zu meistern wähnt.
Wie oft hat Rembrandt Einzelfiguren oder
Gruppen in dunkeln Räumen gemalt. Es ist einerlei,
ob sie in Büchern, in der Bibel, lesen, ob sie als Mütter
ihr Kind in der Wiege schaukeln, oder ob sie gar
mit ganz banalen Dingen beschäftigt sind (etwa eine
Frau, die sich die Nägel schneidet) — das geheim-
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