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seelischen Gehalts empfinden, welche den Zauber einer höchsten
geistigen Schönheit gewinnt. Um nicht durch blendende
Aeusserlichkeiten abziilenken, sind die Farben alle in dunkler
Skala gehalten, zwischen Braun, Dunkeloliv und Schwarz.
Nur die eine Hauptachse des Bildnisses von den Händen
über das weisse Tuch zum Gesicht ist hellfarbig und beleuchtet
.
132. Rembrandt: Der sogenannte Architekt. Die Darstellung
alter Männer in einsamer geistiger Tätigkeit zieht sich durch
Bembrandts ganze Kunst. St. Paul im Gefängnis, die sogenannten
Philosophen im Louvre, alte Heilige in Höhlen
zeigen ein starkes Mitsprechen der äusseren Umgebung und
sorgfältige Ausführung auch des stillebenhaften Zubehörs.
Bei diesem Werk der fünfziger Jahre geht die Wirkung fast
allein von dem gesammelten Ausdruck der Gestalt aus. Das
Nachsinnen über ein Problem und dessen schriftliche Formulierung
, höchste Konzentrierung geistiger Arbeit abseits von
jeder Zerstreuung sind nicht oft so mächtig ausgedrückt
Avorden. Die Augen entbehren, um alle Aufmerksamkeit als
nach innen gezogen erkennen zu lassen, des Glanzlichtes.
Die besonders schöne linke Hand hält ein Winkelmass und
diesem Attribut verdankt das Bild den gebräuchlichen Namen.
Die Farben haben etwas Trübflutendes, wobei der gelbbraune
Pelzton des Gewandes und die weisslichen Lichter aufragend
aus dem Dunkel scheinen.
133. 134. Kentaurenpaar aus der Villa des Hadrian in Tivoli.
Man muss sich die beiden Figuren, die besonders charakteristische
und ausgezeichnete Vertreter des antiken Barock
sind, als Gegenstücke vor einer üppigen Architektur oder in
landschaftlicher Szenerie aufgestellt, und vor allem mit den
jetzt fehlenden Eroten, ohne die die Darstellung unverständlich
bleibt, ergänzt denken, um den ursprünglich beabsichtigten
Eindruck zurückzugewinnen. Das Hauptinteresse nimmt der
alte Kentaur in Anspruch, der völlig in der Gewalt des Eros
ist, von der Liebessehnsucht, die ihn so spät noch wieder
ergreift und natürlich unerwidert bleibt, gequält wird. Während
er unruhig hinstampft, wie ein von Bremsen belästigter Ackergaul
, tänzelt der jüngere mit der leichten Bürde des Eros
auf dem Bücken in frohem Schritte übermütig dahin, dem
älteren Genossen eine freche Anzüglichkeit zurufend. An
den derben Gestalten ist die Behandlung der Körperformen,
die Wiedergabe des Geschiebes der Haut, zumal wie sie in
das Fell des Pferdeleibes übergeht, immer ein Gegenstand
hoher Bewunderung gewesen. Von den in mehreren Exemplaren
erhaltenen Wiederholungen sucht die in dunklem
Marmor ausgeführte der Künstler Aristeas und Papias dem
Original, das zweifellos aus Bronze war, auch in der Wirkung
des Materials nahe zu kommen. Dass sie in der Modellierung
nicht weit hinter ihm zurückgeblieben sind , dürfen wir annehmen
. An beiden Figuren sind einzelne beschädigte Teile
ergänzt, an der des jüngeren Kentauren u. a. beide Hände
mit dem Krummstab, das linke Vorder- und das rechte Hinterbein
, der Pferdeschwanz und der grössere Teil der Basis.
135. Rubens: Romulus und Remus. In das stille Idyll, am
Band des Flusses, der in leichten Wellchen den Sand heraufspült
, ein Idyll, in dem alle Elemente der Mythologie heiter
und frei verwandt sind, bricht die reale Welt herein in Gestalt
des herbeilaufenden Hirten. Nie ist Kubens anmutiger,
einfacher, als hier; die Leichtigkeit seiner Zeichnung, die
glanzvolle Pinselführung, seine Herrschaft über die Formen
des Körpers und sein hohes Verständnis für Landschaft begegnen
sich aufs glücklichste. Er hatte die Italiener studiert,
ihnen vieles abgelernt und blieb doch so ganz er selbst, Sohn
seiner Heimat. Ein freundlicher Zufall bat_ diese Huldigung
des grossen Vlamen an den „genius loci" nicht nur in Born,
sondern auch auf dem Kapitol selbst bewahrt.
136. Kroyer: Das Komitee für die französische Ausstellung
in Kopenhagen 1887. Kroyer ist nicht nur der beste, sondern
vielleicht überhaupt der einzige moderne Maler, der die
schwierige Aufgabe des Massenporträts vollkommen gelöst
hat, der einzige, den man neben die grossen Holländer stellen
kann. Aber während bei Kembrandt, Hals, van der Heist
jeder der Dargestellten den Beschauer anblickt oder sich
wenigstens betrachtet fühlt, will Kroyer den ungeheuer viel
schwieriger hervorzubringenden Eindruck erwecken, als habe
er die Szene lediglich belauscht. Durch eine äusserst geschickte
Schrägstellung des Tisches erreicht er, dass fast alle
einunddreissig Anwesenden von vorn, halb oder ganz im
Profil erscheinen. Nur an der vordersten Tischdecke musste
er ein künstlicheres Arrangement treffen, um Bückenansichten
zu vermeiden: der Landschafter Cazin ist hinter seinen Stuhl
getreten, Bonnat und Falguiere drehen sich nach ihm um.
Durch diese Schrägstellung und durch die malerische Gruppierung
der stehenden Personen ist die Komposition höchst
abwechslungsreich geworden. Als eine unbegreifliche Erschwerung
der Aufgabe erscheint zunächst die Mischung des
Lampenlichtes mit dem Tageslicht, aber gerade durch dieses
doppelte Licht wurde die ungemein plastische Modellierung
der Köpfe ermöglicht und dieser Versammlung schwarzgekleideter
Männer ein hoher malerischer Beiz verliehen.
Jeder Kopf ist ein Meisterstück der Charakterisierungskunst.
Von den bekannteren Männern treten am meisten hervor:
hinter Cazin die Maler Besnard, Boll und Gervex, hinter
Falguiere der Bildhauer Barrias und der geistreiche Kopf
Gerömes. An sie schliesst sich die Gruppe des Vorstandes
an: der Minister der schönen Künste Antonin Broust stehend
zwischen dem sitzenden Puvis des Chavannes und Pasteur;
neben dem letzteren sitzt der Direktor der Ecole des Beaux-
Arts, der Bildhauer Paul Dubois. Der Veranstalter der Ausstellung
, der grosse Bierbrauer und Mäcen Jacobsen, ist sehr
bescheiden links von Proust zwischen dem genialen Kopf
des Architekten Garnier und dem sich herniederbeugenden
Klein verewigt. Ganz hinten quervor steht Carolus-Duran.
Bechts vorn im Hintergrund hat der Künstler sich selbst
und seinen Freund, den dänischen Maler Tuxen angebracht.
137. Rembrandt: Junges Dienstmädchen mit Eimer und Besen.
Dieses Werk ist, auf seine Technik angesehen, eines der
stärksten Beispiele der „saucigen" Manier Bembrandts, wo
er auf einem überhitzten chokoladefarbenen Hinter- und
Schattengrund arbeitet, um auf dieser Folie ein Höchstmass
starker körperlicher Modellierung zu gewinnen. Der Kopf,
Mund, Näschen, Augen, die etwas trotzige Stirn geben für
die Malerei die äusserste und stärkste Wirkung plastischer
Bundung. Eine Illusion der Wirklichkeit sondergleichen.
Nicht immer ist Kembrandt der unreflektiert jugendliche Ausdruck
so meistermässig gelungen wie hier. Das Mädchen
scheint sich mit beiden Armen über die Oeffnung eines
Brunnens zu lehnen, auf dessen innerem Band der umgestürzte
Eimer liegt. Das dunkle Segment vorn scheint der
Brunnenschacht zu sein.
138. Rembrandt: Susanna und die beiden Alten. Wenn die
Maler der italienischen Benaissance weibliche Nacktheit darzustellen
fanden, haben sie sie in das ihnen geläufige Schönheitsideal
übersetzt. Bernbrandt, der seiner ganzen Natur
nach dieses Ideal ablehnte, hat Nacktheit nicht anders denn
als ein gegebenes Element der Wirklichkeit behandelt. Kritiker
, die italienisch und klassisch erzogen und gewöhnt sind
spotten, eine Nacktheit wie die Susanna dieses Bildes, könne
man nur „im Dunkel für begehrenswert halten"; aber sie
verstehen nicht, dass in der Wahrheit der Gesamtschilderung
Kembrandt in diesem Gegenstand von keinem Nebenbuhler
der Kunst übertroffen wird. Von Abenddunkel und sommerlicher
Schwüle bedeckt ein Teich, der Susannen gelockt hat,
die Kleider abzulegen und sich zu baden. In diesem Augenblick
raschelt es im Gebüsch, und die beiden alten Sünder
erscheinen, um sich an dem jungen Wesen zu vergreifen.
Der Schreck und das unschöne, aber höchst natürliche Zusammendrücken
der überraschten Entkleideten, die Lüsternheit
der Angreifer und noch mehr das heimlich sinnliche
Gemunkel der gesamten Szenerie vereinigen sich zu einer
Wirkung höchster Jllusion. Wie diese Stimmung von der
Farbe getragen wird, und welche Bolle dabei gegenüber dem
nackten Fleisch und dem weissen Tuch der scharlachrote
Mantel spielt, der rechts am Band des Bildes liegt, dieser
Höhepunkt eines mählich anschwellenden crescendo, geht
leider in der farblosen Nachbildung verloren.
139/140. Hans Burckmair: Flügelaltar mit der Krönung MarTä
im Mittelbilde. Das Hauptwerk aus der früheren Zeit Burck-
mairs ist eines der ältesten Denkmäler der deutschen „Benaissance
". In der Architektur ist die Verbindung der gotischen
Gliederung mit Motiven der neuen italienischen Kunst sehr
auffällig. Augsburg ist diejenige deutsche Stadt, die den
italienischen Anregungen zuerst und am leichtesten die Tore
öffnete, und Burckmair der führende Meister der jüngeren
Generation. — Der für das Katharinenkloster gemalte Flügelaltar
trägt die Inschrift: J. Burgkmair Bingebat. 1507.
Die Komposition, dem Auftrage gemäss, ist altertümlich,
deutsch und gotisch. Die Typik stark von den Venezianern'
besonders von Carpaccio bestimmt. Die Färbung warm, tief
und harmonisch. In der Zeichnung der Köpfe stören gewisse
Sonderbarkeiten, Fehler der Verkürzung. — Die Gruppen der
Heiligen auf den Flügeln sind je in einer anderen Farbe gemalt
. Auf dem linken Flügel oben Fatriarchen und Vorgänger
Christi gelb, in der Mitte die Apostel rot, unten in
grüner Färbung Kirchenväter und andere vornehme Heilige.
Auf dem Flügel rechts oben in gelber Farbe Propheten und
Patriarchen, darunter jugendliche Heilige, zumeist Helden
rot und zuunterst in weisser Farbe heilige Frauen.
141. Hans Hohlbein d. Jüng.: Vier Miniaturbildnisse. Die
Kunst der Porträtminiatur blühte am reichsten in England.
Der erste grosse Meister, der auf englischem Boden tätig
war, darf als Begründer dieser Kunst gefeiert werden. Jedes
miniaturartige Bildnis fast aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts
in englischen Sammlungen trägt den Namen des
Meisters. Bei strenger Sichtung bestehen etwa 10 Miniaturen
im eigentlichen Sinne, also auf Papier mit Wasserfarbe
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