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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_06/0101
danken ist. Von den vielen Künstlern, die Vasari bei dieser
Gelegenheit noch aufzählt, ist mit einiger Sicherheit nur
noch Perino del Vaga zu erkennen (in den Josephbildern
und den Kampfszenen). Alles andere entzieht sich bis jetzt
unserer Kenntnis. Nur sicher ist, dass das Ornamentale, vor
allem die reizenden Blumenranken und Stilleben, von Giovanni
da Udine herrührt, der dies Talent in Venedig als
Schüler Giorgiones gebildet haben soll. Ihm kommt der
Ruhm jedenfalls zu, die Technik der Grotteskendekoration
recht eigentlich erneuert zu haben; denn es gelang ihm, einen
steinharten Stuck aus Marmorstaub und Travertinkalk herzustellen
, der sich so beständig erwies, wie in den antiken
Bauten.

Die Dekorationen in dieser Technik, bald in feinem
Relief weiss oder gefärbt, bald nur gemalt, Figürliches in
ornamentale Rahmen gefasst oder Ornamente mit Figuren
durchsetzt, verwenden ganz frei die überkommenen antiken
Prinzipien. Der Hauptstock jedes Pilasters und des gegenüberliegenden
Pfeilers trägt als gleichen Schmuck eine Füllung
in aufsteigendem Muster, dessen schönstes Beispiel mit
dem rollenden Rankenmotiv Taf. 146 wenigstens zum Teil
zeigt.

Inhaltlich haben diese dekorativen Stücke mit den Bibelbildern
kaum etwas gemein, sie sind vorwiegend sogar heidnisch
, und nur im Rahmenwerk der Decke in der ersten
und letzten Arkade, wo von Gottvater und von Christus erzählt
wird, hat der Dekorateur Engel zur Füllung der feinen
Kassetten gewählt (Taf. 147 und 159).

Hier, wo das Verdienst der Dekoration so neu und originell
war, durften die Künstler im einzelnen Motive entlehnen
, wo sie sie nur fanden. Zwischen den Ranken und
Rahmen trifft man eine Fülle antiker Gestalten wieder —
aus den Monumenten der päpstlichen Sammlungen —, daneben
Gruppen von der Decke der Sixtina: eine Sklavenfigur,
die Gruppe der Söhne aus der Verspottung Noahs ist in dem
Rundrelief auf unserer Abbildung, Taf. 146, links unten,
kenntlich; aus Raffaels Werken stellt sich hin und wieder
eine Figur ein, und dem an der Decke malenden Kameraden
stiehlt der Stukkateur seine Figur Adams in der Erschaffung
der Eva. Lässt man alle diese verschiedenen Elemente
fremder und neuer Erfindung an sich vorüberziehen, so gewinnt
man eine Vorstellung von dem beflügelten Schaffen
der Künstlerschar, die hier, sicher unter den Augen des
Meisters, ihr heiteres Werk entstehen liess.

Auch die Maler der Bibelszenen haben vor fremder Kunst
die Augen nicht geschlossen, so wenig wie Raffael selbst es
tat, wo er eine vollkommene Lösung seines Themas schon
vorfand. Das Originelle liegt hier bei den Loggien in dem
klaren und knappen Erzählerton, der die Bilder zu klassischen
Illustrationen macht. Sie sind, wenn man von Rembrandts
vielen Streifzügen durch das alte Testament und Holbein
absieht neben Michelangelos Deckenbildern und Ghibertis
Reliefs die einzige Fassung dieser patriarchalischen Szenen
und in ganz einziger Ausführlichkeit erzählt.

Wie weit Raffaels Anteil an diesen Stücken ging, ist kaum
zu beantworten. In dem Augenblick, wo man es ausspricht,
dass hier kein Pinselstrich von ihm herrührt, wird man auch
fragen müssen, ob eine Gestalt, wie der Gottvater im ersten
Bild (Taf. 147), Eva mit den Kindern (Taf. 148), Isaak vor
Gottvater (Taf. 151), die Jakobsleiter (Taf. 152), ohne ihn
möglich waren. Man weiss von den Stanzen her, wie die
Schüler arbeiteten, wenn sie sich allein überlassen waren.
Was hier neu ist, das Mitklingen der Landschaft, geht sicher,
wie in den Teppichkartons, auf seine Initiative zurück. Dass
er damals in Giovanni da Udine eine besondere Hilfskraft
dafür gewonnen, mag ihn auf diesem Wege bestärkt haben.
Wie aber wäre das Stimmungsbild der Findung Mosis (Taf.
154) z. B. ohne den wunderbaren Fischzug denkbar?

Gerade hier hat die Landschaft ihre eigene Bedeutung:
sie bietet für das Leben der Patriarchen den passenden
Schauplatz und dient dem Künstler zugleich dazu, die in
wenigen Figuren klar geordneten Gruppen trotz der Entfernung
vom Auge des Beschauers kräftig hervorzuheben.
Besonders schön ist das gelungen beim Paradies (Taf. 148),
beim Bau der Arche mit den interessanten Durchblicken
(Taf. 149), Abraham und den Engeln (Taf. 150), Abraham und
Melchisedech (Taf. 150), Jakob und Rahel (Taf. 152), Josephs
Traumerzählung (Taf. 153), Findung Mosis (Taf. 154).

Statt aller Beschreibungen sei unten auf die Textstellen
verwiesen, zu denen jedesmal der Künstler die Illustration
geben musste und man wird den Ausdruck immer schlagend
finden. Als klassische Beispiele verdienen hervorgehoben zu
werden:

Taf. 148. Die Gebärde des Adam in der Erschaffung
Evas: „Und Gott der Herr baute ein Weib aus der Rippe . . .

und brachte sie zu ihm. Da sprach der Mensch : Das ist
doch Bein von meinem Beine und Fleisch von meinem
Fleisch."

Taf. 150. Abraham begrüsst die Engel: „Und als er
seine Augen aufhub und sah, siehe, da stunden drei
Männer vor ihm. — Und da er sie sah, lief er ihnen entgegen
von der Tür seiner Hütte und bückte sich nieder auf
die Erde."

Taf. 152. Jakob beklagt sich bei Laban; „Warum hast
du mir das getan ? Habe ich dir nicht um Rahel gedient ?
Warum hast du mich denn betrogen?"

Von den vorurteilslosen Entlehnungen fremder Motive,
die aber restlos in der Idee des Ganzen aufgegangen sind,
nur wenige besonders markante Züge:

Taf. 148. Die Vertreibung aus dem Paradies, nach
Michelangelo — Masaccio.

Taf. 148. Adam in der Erschaffung der Eva nach einer
Sklavenfigur der Sixtinischen Decke.

Taf. 152. Jakob und Rahel: Die linke Hälfte des Hintergrundes
nach Dürers frühem Stich „der heilige Hieronymus
in der Wüste."

Taf. 153. Josephs Traumerzählung : Die liegende Rückenfigur
nach der vordersten Figur in dem Götterrat der Farnesina.
(Mus. VIII 159.)

Taf. 155. Moses zeigt die Gesetzestafeln: Der junge Begleiter
des Moses nach Ghiberti.

Taf. 155. Moses die Tafeln zerbrechend nach dem Paulus
in Lystra. (Mus. VII 157, 158.)

Tafel 147.

Gott scheidet das Licht von der Finsternis. I. Mos. 1 4
Gott scheidet Erde und Meer. I. Mos. 1, 9, 10.
Oott schafft Sonne und Mond. I. Mos. 1, 16.
Gott schafft die Tiere auf Erden. I. Mos. 1, 24.

Tafel 148.

Die Erschaffung der Eva. I. Mos. 2, 22.
Der Sündenfall. I. Mos. 3, 6.

Die Vertreibung aus dem Paradies. I. Mos. 3, 23.
Adam und Eva arbeiten.

Tafel 149.

Der Bau der Arche. I. Mos. 6.
Die Sintflut. I. Mos. 7.

Noah und die Tiere verlassen die Arche. I. Mos 8 18
Noahs Dankopfer. I. Mos. 8, 20.

Tafel 150.

Abraham und Melchisedek. I. Mos. 14, 18.

Gott verheisst Abraham die Nachkommenschaft. I. Mos. 15, 5.

Abraham begrüsst die Engel. I. Mos. 18, 2.

Lots Flucht. I. Mos. 19.

Tafel 151.
Gott erscheint Isaak. I. Mos. 26, 2.

Abimelech sieht Isaak Rebecca liebkosen. I. Mos. 26, 8.
Jakob betrügt Esau um den Segen Isaaks. I. Mos. 27.
Der betrogene Esau klagt vor Isaak. I. Mos. 27, 33.

Tafel 152.

Jakob sieht im Traum die Himmelsleiter. I. Mos. 28, 11.

Jakob erblickt Rahel am Brunnen. I. Mos. 29.

Jakob beklagt sich bei Laban, dass er ihm Lea gegeben

I. Mos. 29, 25. 8 ö

Jakobs Flucht. I. Mos. 31, 17.

Tafel 153.

Joseph erzählt den Brüdern seine Träume. I. Mos. 37.
Joseph von den Brüdern verkauft. I. Mos. 37, 28.
Joseph und Potiphars Weib. I. Mos. 39, 12.
Joseph deutet Pharaos Traum. I. Mos. 41.

Tafel 154.

Findung Mosis. II. Mos. 2, 5.

Moses vor dem brennenden Busch. II. Mos. 3, 6.

Pharaos Untergang im roten Meer. II. Mos. 14.

Moses schlägt Wasser vom Felsen. II. Mos. 17, 6.

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