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die Väter der Stadt aufforderte, den Jüngling zu
unterstützen. Millet hat im Ganzen etwa ein Jahr
(Herbst 1835 bis Januar 1837) in Cherbourg zugebracht
und namentlich nach den Schätzen kopiert,
wie sie ein kleineres Provinzialmuseum bietet: ein
Bild des XV. Jahrhunderts, aus der Schule der
alten Niederländer und wiederum solche aus dem
späteren XVII. und aus dem XVIII. Jahrhundert.
Er hat sich damals auch mit einem Buchhändler
Feuardent angefreundet und einen grossen Teil der
Dichter kennen gelernt, an denen sich die französischen
Romantiker begeisterten: Shakespeare,
Walter Scott, Byron, Victor Hugo, Chateaubriand
und Goethe, wenigstens im Faust. Er war also,
wie er nach Paris kam, von moderner Kultur keineswegs
so unberührt, wie er aussah.
Von der Heimat schied er unter den Ermahnungen
seiner Grossmutter und seiner Mutter,
die für den jungen Mann das Schlimmste in einer
Stadt fürchteten, die für diese Landleute ebensogut,
wie für manch' braven deutschen Mann ein modernes
Babel bedeutete. Er hat ihre Mahnung, seine Kunst
nur zur Ehre seines Gottes zu verwenden, nun allerdings
nicht wörtlich befolgt, nicht in dem Sinne, wie
sie gemeint war, aber angesichts seines Gesamtwerkes
hätte sich auch seine Mutter wahrlich nicht
zu schämen brauchen. Erstaunlich ist vielmehr die
Sicherheit, mit welcher er gleich anfangs nach dem
griff, was ihn zu seiner schlichten Kunst führen
sollte. Die Genüsse der Hauptstadt lockten ihn
durchaus nicht, er schmachtete nach freier Luft,
imponiert hat ihm dort nur der grosse Vorrat alter
Kunst, den der Louvre birgt, und auch da stiess
ihn das Decadente wie das Schwächliche ab. Er
schwärmte für die Quattrocentisten, zum Beispiel
für einen Fra Angelico, und bewunderte an ihnen
die Inbrunst und Reinheit der Empfindung, vor
allem war er aber völlig hingerissen von Michelangelo
und dann wieder von Poussin. Auch für
die Venetianer und Rubens empfand er eine sehr
starke Bewunderung, das sogenannte Konzert von
Giorgione, jenes herrliche Bild mit den musizierenden
Jünglingen und den nackten Mädchen in der
schönen Landschaft, das später Manet zu seinem
Frühstück im Grünen veranlasst hat, soll das einzige
Bild gewesen sein, das er in jener Zeit kopiert hat.
Weniger schon sagte ihm Velazquez zu. Für die
zierlichen Gestalten der grossen Franzosen des
XVIII. Jahrhunderts hatte er dagegen nur Mitleid
oder Abscheu. Er hätte den ganzen Boucher für
ein Weib von Rubens gegeben. Für die Darstellung
weiblicher Schönheit war er mithin durchaus nicht
unempfindlich, aber er liebte nur das starke, gesunde
, vollblütige oder auch heroische. Mehr aber
als eine sinnenfrohe Kunst begeisterten ihn die
Werke, in denen ein hochentwickeltes Geistesleben
zum Ausdruck kommt und den Eindruck des Bildes
mit bestimmt.
Unter den Modernen, die er damals im Luxemburg
vorfand, sagte ihm nur Delacroix zu. Dagegen
erschien ihm die Kunst eines Delaroche gleich anfangs
theatralisch, und er konnte schon das wirkliche
Theater sein Leben lang nicht ausstehen. Da
er aber immerhin noch etwas zu lernen hatte, ist
er schliesslich doch in dessen Atelier eingetreten.
Auch der dritte Lehrer hatte Achtung vor dem ungefügen
Schüler; aber er hat ihm einmal beim Rompreis
einen anderen vorgezogen, der es eingestandener-
massen weniger verdiente, und daraufhin verliess
Millet sein Atelier und suchte sich von nun an
selber weiter zu bilden. Zehn Jahre lebte er nun
teils in Paris teils in Cherbourg und Havre. Er hat
sich in dieser Zeit zweimal verheiratet und in einer
zweiten Frau die Gefährtin fürs Leben gefunden.
Er malte biblische und mythologische Stoffe, Scenen
aus dem Leben, das ihn umgab, Kinder, Arbeiter,
kleine Leute, auch schon Landleute, wie er sie etwa
bei Ausflügen getroffen, er malte Bildnisse und was
der Tag mit sich brachte, namentlich auch jene kleinen
anmutigen Genrescenen in antikem und modernerem
Gewände, wie sie damals beliebt waren und auch
einen Diaz reich und berühmt gemacht haben. Es
waren Bildchen, die den bekannten Schäferscenen
des Rokoko oft sehr nahe gekommen sind, nur
dass sie bei Millet nie lasciv, stets weniger deca-
dent, oft von wirklich naiver Anmut, aber doch
weniger graziös gewesen sein mögen. Die Arbeit
ging ihm unglaublich leicht von der Hand;
viele, wohl die meisten dieser rasch hingeworfenen
Schöpfungen sind verschollen oder unzugänglich
. Ein Hauptwerk dieser Zeit war die Auffindung
des ausgesetzten Oedipus; einen heiligen
Hieronymus hat er selbst wieder zerstört. Im Salon
ist er 1840 zuerst mit einem Bildnis erschienen.
Allmählich traten aber in seiner Phantasie die Gestalten
in den Vordergrund, die ihn später fast ausschliesslich
beherrscht haben, und es wuchs damit
der Widerwille gegen den bisherigen Frondienst.
Da hört er eines Tages gegen Ende des Jahres 1848,
wie die Sage geht, vor einem Schaufenster, wo eines
seiner Bilder ausgestellt ist, einen Maler zu seinem
Kollegen sagen: „das ist der Millet, der immer nur
nackte Weiber malt", und im Innersten getroffen
geht er nach Hause, erzählt seiner Frau das Erlebte,
sagt, wenn sie wolle, werde er nie mehr dieser Art
Malerei machen, das Leben werde noch härter sein,
aber er werde frei sein und vollenden, was er schon
lange im Sinne habe. Frau Millet war bereit; er
hat das Gelübde gehalten; aber freilich das unvollendete
Bild der SammlungMesdag „Hagar und Ismael
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