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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_07/0014
in der Wüste", an dem er in jener Zeit malte und
das er infolge jenes Ereignisses aufgegeben haben
soll, ist auch keine leichte Ware mehr und zeigt schon
ganz den grosszügigen Stil der Reifezeit. Bereits im
Salon ausgestellt war sogar seit März jenes Jahres der
Kornschwinger, und dieser nimmt sich geradezu
wie ein Manifest der neuen Richtung aus (Taf. 6).
Im Sommer 1849, als in Paris die Cholera
wütete, siedelte er dann nach Barbizon über. Als
Wohnung diente ihm mit Frau und drei Kindern
zuerst das eine von zwei Zimmern eines Bauernhauses
, als Atelier eine Hütte, die in der Nähe
stand. Er fand hier Rousseau, mit dem er sich
bald enge befreundete, und andere schon vor.

Hier nun in Barbizon erfüllte ihn der langentbehrte
Anblick von jungfräulichem Walde und
freiem Felde mit einer namenlosen Begeisterung.
Nach einer Zeit der Unthätigkeit, in die ihn die
überwältigenden Eindrücke versetzt haben, entwickelt
sich eine fabelhafte Produktionslust und es beginnt
die lange Reihe von Werken, die ihn unsterblich
machen sollten. Er schrieb damals an seinen Freund
Sensier: „Mein Wunsch, eine Winterlandschaft zu
malen, ist zur fixen Idee geworden. Ich habe auch
Pläne im Kopf zu Gemälden mit Hammeln. Ich
habe aller Arten Pläne im Kopf. Wenn Sie sehen
würden, wie schön der Wald ist! ich laufe manchmal
dahin am Abend, wenn mein Tagewerk vollendet
ist, und ich komme immer ganz vernichtet zurück.
Das ist alles von einer Ruhe, von einer Schauer erweckenden
Grösse, ich ertappe mich oft dabei, wie
ich wirkliche Furcht habe. Ich weiss nicht, was
diese unheimlichen Gestalten (eigentlich: Bettler) von
Bäumen unter einander reden, aber sie sagen sich
etwas, das wir nur nicht verstehen, weil wir nicht
dieselbe Sprache reden; daran liegt es allein. Aber
ich glaube, dass sie wenig Kalauer machen." Man
hört den Mann, der auch das Gewitzel des Grossstädters
satt hat. Den Wald von Fontainebleau
suchte er mehr zur Erholung auf, er fühlte sich als
Figurenmaler; anfangs ist die menschliche Gestalt
in seinen Werken noch fast immer die Hauptsache.

Er liebte es, in eine weite Ebene, die er aufs
zarteste bis gegen den Horizont abstuft, eine oder
einige wenige Figuren zu stellen, die im Duft der
Atmosphäre schwimmen, aber sich doch in klaren,
grossen, einfachen Linien vom Horizonte abheben.
Seine Kunst hat etwas monumentales, man stellt
sich die Bilder nach der Abbildung grösser vor und
ist regelmässig erstaunt, wie klein die berühmten

Originale sind. Der Angelus hat etwa die doppelte
Höhe unseres Letternsatzes. Die Art aber, wie
Millet in der menschlichen Figur immer nur die
Hauptsache der plastischen Form hervorkehrt, und
im Gesamtwerk auf schlichte grosse Wirkung ausgeht
, erinnert an die Griechen der Blütezeit; in der
That war er ein begeisterter Verehrer der antiken
Plastik. Das erste grössere Werk, das in Barbizon
entstand, war der Sämann (1850), hier hatte ihn
der melodische Rhythmus in der Bewegung des
Säenden gereizt; es folgten 1857 die Aehrenleserinnen
im Louvre (Bd. I, Taf. 54); 1859 der berühmte
Angelus (Bd. IV, Taf. 159). In den fünfziger und
im Beginn der sechziger Jahre hatte er noch vielfach
mit Not zu kämpfen, und noch 1863 erregte der
„Mann, der sich auf eine Hacke stützt", einen Sturm
der Entrüstung. Gleich beim Erscheinen allerdings
gefiel das anmutige Bild der „Schafhirtin" (Taf. 7),
das im folgenden Jahre, 1864, im Salon ausgestellt
war.

Um diese Zeit wandelte sich die öffentliche
Meinung für immer zu seinen Gunsten und dauernder
Wohlstand trat an die Stelle der beständig sich
wiederholenden Geldverlegenheiten. Im Jahre 1868
erhielt er unter allgemeinem Beifall der Künstlerschaft
das Ritterkreuz der Ehrenlegion, und andere
Ehrungen folgten nach. Bei seinen Darstellungen
des Landmanns hatte er allmählich auf die Durchführung
der Landschaft mehr Gewicht gelegt. Seit
Mitte der sechziger Jahre entstehen dann eine Reihe
von grösseren Werken, in denen die menschliche
Figur keine Rolle mehr spielt. Er schuf 1866 einen
„Winter", im Jahre 1870 den „Novemberabend" der
Berliner Nationalgalerie. Als er dann vor den
Schrecken des Krieges in seine Heimat geflüchtet
war und auch noch den Sommer 1871 in Greville zubrachte
, entstanden seine Marinen. Es folgte wieder
in Barbizon 1872 die „Kirche von Greville" (Bd. II,
Taf. 159) und der „Frühling" im Louvre. Seinen
Ruhm hat er nicht mehr lange genossen, er ist
am 20. Januar 1875 gestorben. Die Versteigerung
seines Nachlasses brachte aber seiner Familie ein
Kapital, das sie vor jeder Not schützen sollte.

Seither ist die Malerei über ihn hinausgegangen.
So duftig seine letzten Gemälde erscheinen, den
leuchtenden Farbenglanz der Natur hat der Pleinairismus
noch überzeugender wiederzugeben gelernt.
Allein auch in dieser Zeit noch ist die Schätzung
seiner Werke gestiegen. Er bleibt eine der grössten
und edelsten Gestalten der französischen Kunst.

Heinrich Alfred Schmid.


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