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einschliesslich van Goyen's, die Landschaft so frei, so
breit, so wahr, so durchflössen von echter Luft und
echtem Lichte wiedergegeben hat, wie Velazquez in
diesen Bildern. Schon 1879 schrieb ich vor ihnen:
„In den klaren, aber kühl gedämpften Lokalfarben der
mächtigen grünen Cypressen, der bräunlich-grauen
Strasse und der weisslichen Mauermassen, in der
wunderbaren Wirkung des hellen Sonnenlichts, das
kühl durch die dunklen Baumwipfel bricht, in der
leichten, skizzenhaften, aber doch meisterhaft sicheren
Breite der Pinselführung erkennt man sofort des
grossen Meisters geniale Hand." Die Mehrzahl der
übrigen Landschaftsbilder, die im Madrider Museum
auf Velazquez zurückgeführt, jetzt aber allgemein nur
als Schulbilder angesehen werden, bezweifelte ich
schon damals: die römische Landschaft mit dem
Titusbogen (Nr. 1108) sogut wie die Ansicht von
Buen Retiro (Nr. 1111); und erst recht die drei ähnlichen
Stücke Nr. 1112, 1113 und 1114. Nur den
Ansichten aus dem Park von Aranjuez stand ich
damals nicht so skeptisch gegenüber, wie heute
Beruete und andere jüngere Forscher, wenigstens
der Landschaft mit dem Tritonenbrunnen (Nr. 1109)
nicht, in der auch Justi nur die Figuren des Vordergrundes
nicht als eigenhändig ansah. „Der Tritonenbrunnen
", bemerkte ich mir damals, „ist so geistreich
, wie die beiden kleinen Skizzen aus der Villa
Medici, ebenso breit und leicht behandelt, aber auch
mit dem gleichen wunderbaren Verständnis für die
Luftperspektive und die Wirkung des Lichtglanzes
hinter den Bäumen und an den Wasserstrahlen."
Ob ich das heute noch unterschreiben würde, kann
ich freilich aus der Ferne nicht sagen.
Wunderbar sind die Guadarrama-Landschaften
in den Hintergründen einiger Hauptbildnisse, die
Velazquez nach seiner ersten italienischen Reise
gemalt hat; köstlich kommt die grüne, an sich farbige
und trotz des nordischen Nebelschleiers, der sie mit
Grau umspinnt, klare Landschaftsferne in der „Ueber-
gabe von Breda" zur Geltung. Am vollständigsten
verwertet aber erscheint die landschaftliche Anschauung
des Meisters in einigen Jagd- und Reiterbildern
. Hierher gehört in der Londoner National
Gallery die berühmte Wildschweinjagd, deren Landschaft
von Armstrong doch wohl mit Unrecht auf
Velazquez' Schüler Mazo zurückgeführt wird, hierher
gehört beim Lord Ashburton die, umgekehrt,
von Armstrong anerkannte, von anderen bezweifelte
„Hirschjagd", die in weiter Landschaft ein überaus
reiches Leben entfaltet.
Schliesslich malte Velazquez gegen Ende seines
Lebens noch ein Bild, das wir nicht wohl anders
denn als „heroische" oder „historische" Landschaft
bezeichnen können. Sie gehört dem Madrider Museum.
Ihre „Heroen", die räumlich in der That der Landschaft
völlig untergeordnet sind, sind Helden der
christlichen Legende. Dargestellt ist der Besuch des
heil. Antonius bei dem heil. Einsiedler Paulus in der
Einöde (Taf. 14). Es ist eine grossartige Felsenlandschaft
von idealem aber doch durchaus naturwahrem
Ansehen. An ähnlichen Felsenthälern mit überhangenden
Kalkfelsen fehlt es in Castilien nicht. Dass
eine von der Natur gemalte Studie zu Grunde liegt,
ist durchaus nicht unwahrscheinlich. Rechts schliesst
die mächtige, von Naturzinnen bekrönte Felswand,
die unten einen Einblick in die dämmerhelle Höhle
des Eremiten gestattet, den Mittelgrund, während
vor ihr ein hoher, spärlich belaubter Baum den Sitz
der beiden Einsiedler vergeblich zu beschatten sucht.
Links blickt man in das weite, kahle, von grossen
Berglinien umrahmte, von Flusswindungen durchzogene
Thal. Der Himmel ist leicht bewölkt. Die
Farbenstimmung beruht überall auf der Gegeneinanderstellung
eines feinen Blaugrün und eines entschiedenen
Braun, die beide durch die grauen Töne,
in die sie übergehen, gehoben und einander genähert
werden. Der feine, kühle Farbendreiklang, der das
Bild beherrscht, ist durchaus charakteristisch für
Velazquez. Die freie, leichte, dünne Pinselführung
kennzeichnet die Spätzeit des Meisters. In der That
hören wir, dass das Bild 1659 gemalt worden.
Obgleich es eine Heiligenlegende darstellt, besitzt
es den grössten landschaftlichen Gehalt von allen
Bildern des Meisters.
In den Gemälden, in denen er am meisten er
selbst ist, war Velazquez stets am weitesten davon
entfernt, sich einer Einteilung in Gattungen der
Malerei zu unterwerfen. Ob eine Landschaft, ob
ein Innenraum seine Gestalten umfing, ob ein Stück
Volks- oder Hofleben von dem freien oder eingeschlossenen
Lichte umspielt wurde, galt ihm gleich.
Es kam ihm darauf an, den Ausschnitt aus der Welt
der Erscheinungen, der sich seinem Auge darbot, so
wiederzugeben, wie sein Auge, sein grosses Künstlerauge
, ihn sah und wie seine Hand, seine grosse
Künstlerhand, ihn festzuhalten verstand. Aber wir
wollen doch nicht vergessen, dass er sich an seinen
Bildern aus dem Volksleben zum grossen Bildnismaler
, an seinen Landschaftsstudien zum grossen
Lichtmaler herangebildet, und dass noch am Ende
seiner künstlerischen Laufbahn ein grosses Bild aus
dem Volksleben und eine religiöse Landschaft weithin
leuchtend als Merksteine seiner Kunst stehen.
Hierauf beruht unser Recht und unsere Pflicht,
Velazquez zuerst als grossen Schilderer des Volkslebens
und als grossen Landschafter zu feiern.
Karl Woermann.
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