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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_07/0022
wenn er sich an die Formensprache einer antiken
Marsgestalt gehalten hätte. Selbstverständlich wählt er
einen kräftigen, elastischen spanischen Krieger als
Modell. Woran die Kunstkritik vor 50 Jahren noch
Anstoss nahm, erscheint uns heute beinahe als selbstverständlich
. Nur über den spanischen Schnurrbart,
den er seinem Modell gelassen, lässt sich streiten.
Im Uebrigen trifft Justi auch hier das Rechte, wenn
er sagt: „Hiernach dürfte sowohl Motiv als Formensprache
mehr im Sinne der Antike sein, als man
sich einbildet".

Die vier anderen mythologischen Bilder des
Meisters waren für den reich aus Meisterwerken
verschiedener Zeiten und Völker geschmückten
Spiegelsaal des Madrider Schlosses gemalt, wo sie
bescheiden die liegenden Rechteckfelderoben zwischen
den Fenstern füllten. Erhalten haben sich nur zwei
von ihnen, Merkur und Argos im Madrider Museum,
Venus und Amor in der Sammlung Morritt zu
Rokeby Park in Yorkshire. Das rechteckige Breitformat
bedingt hier wie dort die liegende Stellung
der Hauptfiguren; und beide Darstellungen beruhen
auf durchaus reifen, durchaus neuen, durchaus
selbständigen Erfindungen. Auf dem Argosbilde ruht
der eingeschläferte Gott der Wachsamkeit in spanischer
Hirtengestalt vorn am Boden; und kriechend
schleicht Merkur sich heran, ihn zu töten. Das
Venusbild in Rokeby-Park ist vielleicht das „modernste
" von allen Gemälden des Velazquez. Es
könnte in unseren Tagen in Paris gemalt sein,
nur nicht so gut. Venus ruht, vom Rücken gesehen,
auf ihrer rechten Seite; ihren Kopf sieht man nur
in dem Spiegel, den der zu ihren Füssen knieende
kleine Flügelgott ihr vorhält. Der Rücken des weiblichen
Aktes ist wundervoll verstanden und köstlich
gemalt. Das Fleisch steht kühl und wahr zu
dem Purpur der Decke, zum Hellrot des Spiegeltuches
und zum Blau der Schärpe. Auch hier, wie
im Mars- und wie im Merkurbilde, wiederholt sich
also jener blau-rot-graue Farbendreiklang der „Krönung
Maria", den wir Modernen wieder mitempfinden.
Wahrlich! auch in den mythologischen Bildern des
Velazquez spiegelt sein ganzer künstlerischer Entwicklungsgang
und sein eigenstes künstlerisches
Eigenleben sich wider.

Aber auch um die wirkliche Geschichtsmalerei
kam Velazquez nicht herum. Ist dieser
Kunstzweig doch auch so alt wie die Kunst selbst
und wird er doch ein Hauptzweig der an Herrscherhöfen
gepflegten Kunst bleiben, so lange Könige
Kriege führen und sich in ihren Haupt- und Staatsaktionen
verherrlicht sehen wollen. Man muss sich
nur wundern, dass Philipp IV. so selten eigentliche
Geschichtsbilder von seinem grossen Hofmaler verlangte
. Sein erstes grosses Gemälde dieser Art,
„die Vertreibung der Mauren aus Spanien im Jahre
1609", entstand 1627, als Velazquez im Vollbesitze
seines „ersten" Stils war. Es ist wahrscheinlich
bei dem Madrider Schlossbrande des Jahres 1734
zu Grunde gegangen. Wir kennen es aus Palomino's
Beschreibung. In der Mitte des Bildes stand neben
dem König die Gestalt der „Hispania" in römischer
Tracht. In diesem Zeitbild glaubte also auch Velazquez
, dem Zeitgeschmack Rechnung tragend, der
allegorischen Gestalt nicht entbehren zu können.
Freilich hatte er es auch in einem von seinem
Herrscher ausgeschriebenen Wettbewerb mit drei
Meistern der alten Schule zu thun; und wenn er als
Sieger aus diesem Kampfe hervorging, so verdankte
er das vielleicht mit dem allegorischen Zugeständnis,
das er den altmodischen Preisrichtern gemacht hatte.

Bahnbrechend war dagegen wieder das zweite
und letzte eigentliche Geschichtsbild des Meisters:
seine Darstellung der „Übergabe von Breda" (Bd. II,
Taf.94, 95) im Madrider Museum. Zwischen 1639 und
1641 gemalt, steht dieses Werk auf der Höhe seines
zweiten Stils, ja bereits im Übergange zu seinem letzten
Stil. Festgehalten ist der Augenblick, in dem der
Kommandant der belagerten Festung dem belagernden
Feldherrn die Schlüssel der Stadt überreicht. Beide
sind vom Pferde gestiegen. In der Mitte des Bildes
ist die Handlung der Schlüsselübergabe überaus
ungezwungen und natürlich, ja herzgewinnend wiedergegeben
. Wunderbar sind die Typen der links aufmarschierten
niederländischen und der rechts aufmarschierten
spanischen Soldaten dargestellt. Der
übliche pyramidale Aufbau ist vermieden; im Gegenteile
, in der Mitte der isokephalen Figurenmassen
findet eine Senkung statt, die den Blick auf Breda,
um das es sich handelt, enthüllt. Alles ist mit der
grössten Treffsicherheit abgewogen; die 28 Lanzen, die
im rechten Drittel des Bildes fast senkrecht in die
Luft ragen nach ihnen hat das Werk den Beinamen
„LasLanzas" erhalten — haben ältere Kritiker,
wie Raphael Mengs, gestört. Nach unserem Gefühl
erhöhen sie nur den Zug stilvoller Grösse, der dem
ganzen Bilde trotz seines ausgesprochenen Realismus
eigen ist. Ein gutes Stück der Unmittelbarkeit und
Echtheit der Frans Hals'schen Schützenstücke pulsiert
in diesem vollendeten Geschichtsbilde. Velazquez
hat in ihm ein für allemal gezeigt, wie man
Geschichte malen muss, ohne unwahr, allegorisch
oder theatralisch zu werden. Insofern ist auch dieses
Bild eine künstlerische Offenbarung. Von welcher
Seite wir uns auch Velazquez nähern, überall tritt
er uns als der grosse, hellsehende Meister entgegen,
dessen Auffassung und Technik bestimmt ist, vorbildlich
für Jahrhunderte zu werden.

Karl Woermann.

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