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Velazquez
(Seine Bildnisse.)
DIE Griechen glaubten, die Tochter des Töpfers
Butades habe die Bildnismalerei erfunden, als
sie den Schatten ihres Geliebten an der Wand nachzeichnete
; und schattenrissartig war in der That die
älteste Malerei der Griechen; und eine Jahrtausende
lange Entwicklung lag zwischen dieser Silhouetten-
Bildniskunst, die an die Frontstellung gebunden
war, und der freien, den vollen Schein der Wirklichkeit
gebenden, das äussere Gebaren und das
innerste Wesen des Dargestellten enthüllenden Bildnismalerei
des Velazquez. Gerade auf diesem Gebiete
aber bleibt Velazquez der unerreichte Grossmeister
, der der Natur alle ihre Rätsel entlockt und
diese mit der geistigen Ueberlegenheit eines nicht
nur denkenden und sehenden, sondern auch vollkünstlerisch
empfindenden Meisters löst; und gerade
in seiner Bildnismalerei lässt sich der ganze Entwicklungsgang
des Meisters, wie wir ihn im ersten
Velazquez-Aufsatze (Bd. VII S. 61 ff.) kennen gelernt
haben, mit besonderer Deutlichkeit verfolgen, gerade
in ihr aber auch eine geistige Entwicklung, die sich
von den einfach schmackhaften ersten Reifestufen der
goldenen Früchte dieses Kunstzweigs allmählich zu
jener Edelreife entfaltet, die die duftigsten Seelenwürzen
in sich aufgenommen und das hellste Sonnenlicht
eingesogen hat.
Dass der grosse Bildnismaler die Persönlichkeit
, der er ewiges Leben verleihen will, von den
Zufälligkeiten der Stunde, in der sie ihm „sitzt",
befreien, dass er den Kern ihres körperlichen Daseins
und ihres geistigen Wesens blosslegen, dass er
ihr Bildnis zu einem individuell und typisch gleich
wahren Charakterbild gestalten muss, ist eine schon
oft betonte, aber deshalb nicht veraltete Wahrheit.
Velazquez ist auch in dieser Hinsicht erst allmählich
zu den höchsten Stufen emporgestiegen. Natürlich
setzt diese höchste Bildnismalerei auch die genaueste
Bekanntschaft mit den dargestellten Persönlichkeiten
voraus; und gerade in dieser Beziehung fielen Velazquez
schon durch seine Stellung als Hofmaler König
Philipps IV von Spanien die reifen Früchte von
selbst in den Schoss. Er malte ja keine beliebigen
Persönlichkeiten für Geld. Er malte, von Ausnahmen
abgesehen, nur den spanischen Hof; und
er malte ihn in allen seinen Würdenträgern vom
König, der Königin und den Prinzen an bis hinab
zu den Hofzwergen, die die königlichen Gemächer
neben den Hunden, denen sie gleich geachtet waren,
bevölkerten. Er hatte daher den Vorzug, alle Persönlichkeiten
, die er darstellte, durch den täglichen Umgang
genau zu kennen, ihre Züge und ihre Haltung
auswendig zu wissen, aber auch ihre Charaktere
zu durchschauen und in ihren Seelen zu lesen; und
er hat diese Vorteile wahrlich in vollstem Masse auszunutzen
verstanden. Schon deswegen ist der Bildersaal
, in den die Bildniskunst des Velazquez uns geleitet
, einzig in seiner Art.
Weitaus die meisten Gemälde des Velazquez
sind Bildnisse; und weitaus die meisten seiner Bildnisse
sind, eben weil sie für den Madrider Hof gemalt
waren, auch in Madrid geblieben. Das Prado-
Museum ist die klassische Stätte, an der sie studiert
und genossen werden können; schon die zweite
Heirat Philipps IV mit Marianne von Oesterreich
lässt es aber auch natürlich erscheinen, dass nächst
dem Pradomuseum die kaiserliche Galerie zu Wien
die meisten echten Bildnisse seiner Hand, besonders
solche seiner reifen Spätzeit, besitzt.
In den übrigen Museen Europas ist Velazquez,
von einigen englischen Sammlungen abgesehen, überhaupt
ausschliesslich mit Bildnissen vertreten. Einstimmig
für echt gehalten werden von diesen
heutzutage jedoch kaum noch die Hälfte: in Italien
doch das schöne Selbstbildnis des Meisters auf dem
Kapitol (Bd. II Tf. 89), das Prachtbild Papst Innozenz
X in der Galerie Doria zu Rom (Bd, IV
Tf. 81) und das vornehme Bildnis des Herzogs'Franz
von Este in der Galerie zu Modena; in Deutschland
immerhin das Brustbild des Oberjägermeisters
Juan Mateos in der Dresdner Galerie (Bd. I Tf. 34),
das männliche Bildnis der Münchener Pinakothek
und die eigenhändige Wiederholung eines Wiener
Bildnisses der Infantin Marguerita im Städelschen
Institut zu Frankfurt a. M.; in Frankreich die
Bildnisse derselben Prinzessin und der 16jährigen
Königin Marianne im Louvre, dann der sogenannte
„Geograph" im Museum zu Rouen; in der Ermitage
zu St. Petersburg die Bildnisse Papst Innozenz X
und des Herzogs von Olivares; in der Londoner
National Gallery eigentlich nur das späte Brustbild
Philipps IV; in den englischen Privatgalerien aber
immerhin noch eine Reihe von Bildnissen, von denen
das Doppelbild des kleinen Don Baltasar mit seinem
Zwerge aus Castle Howard, das sich seit kurzem
auf amerikanischem Boden in Boston befindet, das
Bildnis des Olivares in ganzer Gestalt im Dorchester
House, das Bildnis eines Unbekannten in Apsley
House zu London und das Bildnis des Juan de
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