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hinein; finster drohendes Gewölk zieht herauf, Regen
peitscht an zerzausten Bäumen vorbei, grelle Blitze
zerreissen das Dunkel. Die Unsicherheit im Figürlichen
stört immer, aber die Kraft der Stimmung
und das Grossräumige der Darstellung bezwingen noch
heute. Eine höchst seltsame, auf pathologischer Grundlage
beruhende Persönlichkeit, kräftig und trotzig
im Widerstand gegen alle Konvention, aber ungeklärt
und von heftigem Wollen getrieben, offenbart sich
in diesen Jugendarbeiten. Auch als Blechen 1827,
der groben Effekte der Bühnenkunst müde, seine
Stellun gam Theater aufgab, gelang es ihm nicht, sich
durchzuringen. Weder der „Aufbruch des Sem-
nonenlagers" (1828) mit dem dramatischen Wolkenleben
, das die Fluchtstimmung des Ganzen fast orchestral
illustriert, noch das „Venusfest" zeigen ihn
befreit aus dem dumpfen Phantasieleben seiner
Jugendjahre. Das Venusfest blieb unvollendet; die
Sehnsucht nach dem Süden packte ihn über der Arbeit,
die ja selbst schon in ihrem Motiv ein Ausdruck
dieses Gefühls war. Und hier, in Italien, nahm
ihn statt eines Meisters, der ihn nur verwirrt hätte,
die Natur selbst an die Hand.
Karl Bleehen ist der erste, der Italien mit modernen
, von keiner historischen Tradition geblendeten
Augen geschaut hat. Als auf der Ausstellung der
Nationalgalerie 1881 die glänzende Reihe von
Studienblättern zum Vorschein kam, staunten die
Wenigen, die das Wesen des Künstlers damals zu
fassen wussten,über die ungeheure Modernität dieser
Arbeiten. Eine Unschuld des malerischen Sehens
offenbarte sich hier, von der die stets allzu zahlreichen
Italienfahrer uns ziemlich entwöhnt hatten.
Das war nicht das Italien der Engländer
und der Touristen, das war das Italien
der Italiener in der Ruhe seiner grossen
Linien, in der Harmonie seiner Bodengestaltung
, in dem durchsichtigen Glanz
seiner Farben. Eine wundervoll vereinfachte
Welt von Form und Licht: so
stand es vor Blechens Augen. Nur
Böcklin noch und Nietzsche haben diesen
Blick für Italien besessen. Die Unruhe
der Städte mit ihren „bedeutenden"
Baudenkmälern und den „interessanten"
Volkstypen — das Rom Goethes und
das Italien Schinkels — mied Blechen.
Mit seinem Malgerät auf dem Rücken
wanderte er über den einsamen Appeninnenkamm
, wo ihn etwa der Blick
auf die silbrig im Graugrün der Oliven
schimmernde Ebene oder auf eine breit
am Horizont hingelagerte Stadt lockte.
An der Küste, dicht vor der Meeresbläue
, stellte er seine Staffelei auf, wo
neben Fischerhütten ein paar Schiffsmaste in den abendlichen
Himmel ragen oder die blaue Flut mit weissen
Schäumen gegen den gelben Strand spült. Vor allem
beobachtete er auch hier das atmosphärische Leben,
das mit seinem beständigen Wechsel die Stimmung
der Landschaft ausspricht. Die Luft wird ihm ein
lebendiges Wesen mit einer Seele, die er verstehen
lernt. Er kennt ihre heiteren Stunden, wenn sie entwölkt
und durchsichtig in Millionen Sonnenstäubchen
über der flimmernden Ebene zittert, die Stunde ihrer
Leidenschaft, wenn sie im schwülen Duft durch-
sonnter Gärten gleichsam den Atem anhält, den
Augenblick ihrer Erhabenheit im feierlichen Brand
der Abendröte, ihrer Schwermut nach dem Regen,
ihrer Trauer im Schwefelgelb des letzten Lichtstreifens
am Himmel, oder wenn sie abgehellt über
regungslosem Meer steht. Und ebenso enthüllte
sich ihm das Individuelle in der Formation des Erdbodens
: die grosse Ode, die das Land so unvermittelt
neben dem Überschwang des Blühens zeigt,
der Schwung an einander geketteter Hügel, die
Verlassenheit der kleinen weiss zwischen Weingärten
liegenden Städte. Seine Staffage ist einfach: Hirten,
Mädchen mit Wasserkrügen, Ziegen, die zwischen
verbogenen Agaven klettern. Im Süden der Halbinsel
, wo es noch heute am ursprünglichsten zu
finden ist, hat Blechen Italien gesucht; mit der
Treue des Porträtisten hat ihn sein Genius dort
walten lassen. —
In den dreizehn Monaten dieses italienischen
Aufenhaltes ist Blechen zum Meister seiner Kunst
gereift. Die Studien dieser kurzen Zeit bilden die
Unterlage für fast alle Bilder, die er noch malen
Blechen, Märkische Landschaft.
In Wasserfarben auf Papier. Berlin, kgl. Nationalgalerie.
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