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Johann Joachim Kändler. Meissener Porzellanfigaren.
Harlequin. — Winzer. — Kesselschmied. - - Harlequin.
Polin. _ Tanzender Schuster. - Türke. - - Tanzende Schusterin. - Citronenverkäufer.
Die Porzellanplastik Kändlers.
IM 18. Jahrhundert wurde die europäische Plastik
durch eine der interessantesten Erfindungen, die
je gemacht, um einen plastischen Stoff bereichert:
um das Porzellan.
Sie trat damit eigentlich überhaupt zum ersten
Male auf das Gebiet der Keramik über. Die europäische
Keramik, als Kunst sehr spät erst seit den
Tagen des Untergangs des römischen Weltreichs,
wieder erwacht, hatte sich bisher durch die Materialien,
die sie bis dahin kannte, kaum sehr für bildhauerische
Zwecke geeignet. Sowohl die Majolika bezw. die
Fayence mit ihrer dichten Emailschicht, als auch
das Steinzeug in der Form des damaligen rheinischen
und sächsisch-fränkischen hatten nur die Ausbildung
plumper Formen ermöglicht, die allein durch die
Zuthat an Farben über das Niveau des Gewöhnlichen
sich erheben konnte. Nur ganz gelegentlich
finden sich daher aus diesen Stoffen plastische Erzeugnisse
, sie gehen bisweilen selbst ins Grosse,
aber ein Typus, ein aus dem Wesen des Materials
herausgebildeter Stil ist nirgends geschaffen worden.
Es blieb nur ein Nachahmen fremder Stilarten,
die mit der Keramik selber in keiner Weise enge
verwuchsen. Nur auf dem Gebiete der Terrakotta
stellte sich in Ländern, die in ihrem Mangel an
Hausteinen aus der Not eine Tugend machten, eine
meist farbige Reliefplastik ein, die wenigstens nach
der dekorativen Seite hin nicht ohne Bedeutung
blieb.
Nach der Erfindung des europäischen Porzellans
durch Böttger im Jahre 1709 war man keinen Augenblick
zweifelhaft, dies Material auch für die hohe
Kunst zu verwenden. Hatte Böttger doch auch
bereits das schon vor dem Porzellan brauchbar gemachte
rote Steinzeug, seine erste keramische Erfindung
in den Dienst der Plastik, ja selbst der
Architektur stellen wollen, in Wirklichkeit wenigstens
, teils in Nachbildung chinesischer Vorbilder,
teils in freier Erfindung kleinere und grössere Rundplastik
und Reliefs schaffen lassen, die dann auch
für die Porzellanplastik der Ausgangspunkt geworden
sind. Der König selber, Böttgers hoher Gönner,
erschien in beiderlei Materialien. Aber weder zu
Böttgers, noch in der nächsten Zeit gelang es
einen eigenen plastischen Porzellanstil zu finden, in
dem sich das ausdrücken Hess, was man in diesem
Material hatte plastisch ausdrücken wollen. Eine
ganze Reihe von fahrenden Künstlern, die vorübergehend
für die Manufaktur arbeiteten, hat sich damals
in Meissen darin versucht, aber was aus
dieser Zeit an Plastik übrig geblieben ist, erscheint
mit wenigen und vereinzelten Ausnahmen plump,
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