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schmale Standfläche der Füsse zu der darüber lastenden
Höhe des ganzen Körpers in einem weit ungünstigeren
Verhältnis steht. Hatte man doch
selbst bei den Tieren, wie die in Porzellan ausgeführten
selber beweisen, mit den grössten Schwierigkeiten
zu kämpfen. Später freilich ist man, fortschreitend
in der Technik, auch zu kühneren Versuchen
gelangt, aber gerade Kändlers einziger Versuch
, eine grössere Figur in Porzellan zu bilden,
der Apostel Petrus in der Porzellansammlung zu
Dresden steht noch heute als ein warnendes Beispiel
da, in diesem heiklen Material nicht zu viel
versuchen zu wollen.
Von Anfang an tritt Kändler schon auf diesem
Gebiete als ein bedeutendes Genie auf. Sein Vorgänger
Kirchner hatte es scheinbar
noch nicht für nötig gefunden
, seine Tiere wirklich der
Natur nachzubilden. Noch barocker
Phantast, nahm er zunächst
Geschöpfe, die er zum
grössten Teil nie selber gesehen
hatte: Löwen, Elefanten, Rhino-
cerosse u. dergl., gestaltete sie so,
dass sie zum Teil heute selbst
nicht von Fachmännern zu bestimmen
sind. Stilistisch freilich
sind sie nicht immer schlecht.
Einige sind so vereinfacht, dass
man ein wenig an die moderne
Tierplastik des Kopenhagener
Porzellans gemahnt wird. Das
ändert sich jedoch alles, sobald
Kändler auf den Plan tritt. Der
Stoff, der neu aus der Natur gewonnen
wurde, führte ihn auch
dieser zu. Er wählte sich Tiere,
die ihm erreichbar waren, die er
beobachten konnte, nichts Exotisches
, nichts Grusliges, nichts
Kolossales: das Nächstliegende,
Vögel, Haustiere und das jagdbare Wild sind ihm
!nhalt seiner Kunst; aber wie er sie auffasst, ihr
Leben, ihre Seele: dadurch wurden sie bedeutend
und für die Kunst darstellungswert.
Auch für Kändler ist der Ausgangspunkt seines
künstlerischen Schaffens, wie bei allem Arbeiten in
Porzellan die Technik, der Brand gewesen. Auch
er bevorzugt bei Vierfüsslern die liegende oder
hockende Stellung oder fügt sie zu Gruppen zusammen
. Die Vögel, meist wohl als prächtige Farbenträger
gewählt, setzt er mit ihren für die Porzellantechnik
an sich so ungeeignet dünnen Beine aus
gleichem Grunde in ihr Milieu, d. h. er schiebt ihnen
Felsen und Pflanzen unter oder auch ihre Jungen,
ihre Beute u. dergl. mehr. Ganz ist es hierbei nicht
ohne Gezwungenheit abgegangen. Manches Motiv
erscheint gequält. Aber im allgemeinen kann man
nur staunen, mit welcher Geschicklichkeit sich Kändler
aus dieser schwierigen Affaire gezogen hat. Ja
manchmal wie beim radschlagenden Pfau hat er sogar
die Schwierigkeiten der Technik direkt herausgefordert
.
War so den Tieren das Steife, Gezwungene
genommen, so gab ihm ein völlig eingehendes Studium
ihrer Formen, ihrer Bewegungen, ihrer Seele, gefördert
durch das echte Barocktemperament Kändlers, das
sich durch seine ganze Plastik hindurchzieht, eine
Lebendigkeit und Frische, die doppelt in Erstaunen
setzt, bedenkt man, dass hier zum ersten Male seit
der Antike wieder dies Stoffgebiet
zu grösserer künstlerischer
Behandlung gelangte. Kändler ist
entschieden einer der grössten
Tierplastiker, die wir kennen.
Wenn man absieht von seinen
Vögeln, die ja überhaupt mehr
zur Malerei als zur Plastik sich
eignen, weiss er seinen Tieren
einen Rhythmus der Gruppierung
, der Bewegung, der Umrisse
und zugleich ein natürlich
inneres Leben und eine natürlich
äussere Oberflächencharakterisierung
zu geben, wie es wenige
andere vermocht haben. Namentlich
im Rhythmus dürfte der
Barockkünstler allen seinen späteren
Nachfolgern überlegen sein.
Nach den Tieren war es
Kändler vergönnt, eine ganze
Reihe von grösseren Gruppen,
da man auch für dies Gebiet
das Porzellan für das geeignete
Material hielt, zu bilden: die
Kreuzigung, den Opfertod des
Franz Xaver, den hl. Hubertus, die dänische
Gruppe, den Ehrentempel, vor allen aber als höchste
Leistung das figurenreiche Reiterdenkmal, das für
seinen neuen Gönner, den König August III in Porzellan
ausgeführt werden sollte. Alle Vorzüge Känd-
lerscher Kunst stellten sich hier wieder ein: ihr
Rhythmus, das Temperament, die Gruppierung. Die
technischen Schwierigkeiten scheinen auch hier wie
spielend gelöst. In der Auffassung der Figuren und
ihres inneren Lebens herrscht naturgemäss, da er
sich hier innerhalb eines traditionellen wohl angebauten
Gebietes bewegt, nicht dieselbe Natürlichkeit, wie
bei den Tieren: er steht hier unter dem Einfluss
der Zeitempfindungen und des Zeitgeschmacks, aber
Joh. Joach. Kändler. Puttengruppe
zwei Weltteile darstellend.
Meissener Porzellan.
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