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auch innerhalb dieser Grenze fällt er auf als einer
der besten. Namentlich sein Reiterdenkmal wäre,
wenn es zu stände gekommen, ein würdiges Gegenstück
zu Schlüterscher und Berninischer Denkmalskunst
geworden, und in dem prächtigen, durchstudierten
Pferde, auf dem der König reitet, ist noch
einmal die ganze Grösse des Tierbildhauers zum
Durchbruch gekommen.
Alle diese Arbeiten sind wohl diejenigen gewesen
, die Kändler als die eigentliche That seines
Lebens gegolten haben. Für uns erscheinen sie
nur wie ein Nebenher, denkt man an diejenigen
Schöpfungen dieses Mannes, die heute als die eigentliche
Porzellanplastik erscheinen, durch die er der
eigentliche Bahnbrecher seiner Zeit geworden ist:
an die Porzellanfiguren. Mit diesem Worte thut sich
sogleich eine ganze Welt auf, die wie durch ein Verkleinerungsglas
alles zeigt, was damals Menschliches
in dem Gesichtskreis der Menschen lag: Sage und
Geschichte, Religion und Allegorie, Geographie und
Naturwissenschaft und das menschliche Leben auf
den Höhen, wie in den Tiefen, in Krieg und Frieden,
in Freud und Leid. Es ist als wenn alles das, was
durch die Holländer für die Malerei gewonnen war,
nun durch Kändler für die Plastik erobert ist, dass
aber, wie auch jene Holländer diese neue Welt nur
in den kleinen Formaten ihrer Kabinettbilder, so
auch dieser sie nur in den kleinen Figuren einer
Kleinplastik darzustellen noch erst den Mut hatte.
Die Auffassung dieser Welt freilich ist bei
Kändler, dem Hof bildhauer, vorwiegend eine heitere.
Kein ganz ernster Ton darf anklingen, dafür der
Scherz desto mehr über die Stränge schlagen und
auch die Liebe im Zeitalter des Rokoko um keinen
Preis vergessen werden. Kändlers Kleinplastik erscheint
etwas unter dem Gesichtswinkel des Hofes:
ein wenig frivol, wo es die Liebe gilt, ein wenig
spöttisch, wo der einfache Mann auftritt, die menschliche
Weisheit, die Allegorie giebt sich in Gemeinplätzen
, aber künstlerisch hat Kändler diese mythologisch
-allegorischen Nacktheiten, diese derben Vertreter
des misera plebs, diese in Reifröcken gespreizte
Hofgesellschaft mit gleicher Liebe durchgeführt
, nur mit jenem Unterschied in der frischen
künstlerischen Auffassung, den alte und neue künstlerische
Vorwürfe stets bedingen werden. Das Nackte,
das Religiöse erscheint somit manirierter, als das
rein Naturalistische. Dort herrscht die Routine,
hier die Beobachtung, alles aber durchzieht mit nie
versiegender Abwechslung wieder jenes Leben, jenes
Temperament, jener Rhythmus, ohne den Kändler
dank seiner Anlage und seiner Schulung nicht hat
schaffen können. Wahrhaft erstaunlich jedoch ist
die Fülle dieser vielen reizvollen Einzelwerke, von
keinem Bildhauer wohl wieder erreicht und doch
ist sie ja nur das Nebenher der Thätigkeit des Gross-
plastikers und des auch die Geschirrmodelle der
Porzellanmanufaktur erfindenden Künstlers.
Mit der künstlerischen Beherrschung des neuen
Stoffes zugleich gelang Kändler jedoch auch hier die
künstlerische Beherrschung der neuen Technik. Ausgehend
von der Freiheit des Barocks, mit der Natur
beliebig künstlerisch umzuspringen, benutzte er diese
zu Gestaltungen, denen selbst ein unbeabsichtigtes
Verziehen im Brande noch nicht den Eindruck
der Unnatur gab. Verrenkungen sehen, wenn nicht
zu stark, wie aus der erregten Seele des Dargestellten
mit Selbsverständlichkeit entstanden aus.
Zu gleicher Zeit führt ihn die die Form verschleiernde
Glasur dazu, auf jede miniaturartige Durchbildung
der Form zu verzichten, vielmehr durch
grosse einfache Flächenbehandlung die Frische der
Skizze zu erreichen, in der die künstlerische Idee
mehr als die Form selber zur Durchführung gelangt,
und die überhaupt durch die Grösse der Auffassung
den Anschein erweckt, als hätten auch diese Figuren
alle gleich dem Reiterdenkmal im Grossen ausgeführt
werden sollen. Seine Weise ist frei von aller
Kleinlichkeit und weit entfernt von jenem Stil, den
wir heutzutage unseren Porzellanfiguren verleihen.
Alle jene Kleinschöpfungen aber sind ursprünglich
gedacht als Farbenträger, bald für Farbenflächen,
bald für Farbenflecke. Einträchtlich verband sich
hier der Plastiker mit dem Maler. Gerade in der
Möglichkeit dieser Polychromie lag für das Zeitalter
des Barocks und Rokokos ein ganz besonderer
Reiz dieser Porzellanplastik. Und in der That, Kändler
hatte das Glück, eine kongeniale Persönlichkeit
zur Seite zu haben, die durch die Kraft und den
Reichtum ihrer Palette seine Werke auch zu den
koloristisch bedeutendsten Porzellanwerken dieser
Zeit gemacht hat.
Ernst Zimmermann.
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