Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_07/0039
Andrea Pisano.

AM Eingang der neueren italienischen Kunst steht
-*Vauf einsamer Höhe ein begnadeter Genius,
Giovanni Pisano, ein Plastiker, ein selbstherrlicher
Schöpfer von Form und Bewegung, der an Begabung,
an Kraft und an Temperament nur mit den grössten,
mit Michelangelo selbst, zu vergleichen ist. Es ist
ein merkwürdiges Schauspiel, wie der neuen Kunst,
nach kurzem Anlauf, gleich dies überragende Genie
ersteht. Der Durchschnitt der produzierenden Kräfte
war freilich noch nicht reif ihn zu verstehen — er
machte nicht Schule. Abgesehen von wenigen glücklichen
Werken, die unter seinem unmittelbaren
Einfluss entstanden, entfernen sich seine Nachfolger
schnell von ihm, ja selbst eine Wiederholung des
ausserlichen Gebarens seines Stils findet man nach
seinem Tode trotz der Fülle der Produktion —
kaum, im Gegensatz zu der erschreckenden Nachahmung
Michelangelos, in all den verschraubten
Marmorfiguren, die seit dem Cinquecento Italiens
Kirchen bevölkern.

Schon zu Giovannis Lebzeiten macht sich ein
ganz anderer Geist bemerkbar, eine Auffassung,
die ihren grossen Meister in Giotto hat. Soviel
dieser Maler dem grossen Plastiker verdankt — die
Grundrichtung seines künstlerischen Empfindens ist
völlig verschieden: er ist Freskomaler, und aus
seiner Aufgabe, der farbigen Dekoration grosser
Wandflächen, der eindringlichen Erzählung heiliger
beschichten, bildet sich sein Stil; als Ganzes dem
Stil jenes Marmorkünstlers völlig entgegengesetzt.
Nun ist es wiederum überraschend, wie sich die
Plastik diesem Freskostil anempfindet; überraschend
wenigstens für uns, die wir an Plastik und Malerei
mi* ganz verschiedenen Begriffen und Wünschen
herantreten — die Florentiner haben den Unterschied
ls lns Cinquecento hinein weniger scharf empfunden
, Malerei und Plastik standen in Wechselwirkung.
Andrea Pisano (1273—1348), der glänzende
eister der Generation nach Giovanni, steht in
durchgreifendem Gegensatz zu Giovanni; er ist kein
lastiker in dessen Sinne, sondern er vollendet den
Stil Giottos: die feine Flächendekoration und die
feine Erzählung. Sein Hauptwerk ist die Bronzetür
an der Südseite des Florentiner Baptisteriums (modelliert
1330), die Tafel 58. 59 wiedergiebt.

Während Giovanni ein feuriges Temperament
lst> empfindet Andrea weich und sanft; Zartheit und
Feinheit ist bei ihm das Wesentliche in der Auffassung
wie in der Durchführung. Giovannis Figuren

agieren und gestikulieren mit grosser Heftigkeit,
manchmal wie im Fieber; bei Andrea halten sie sich
im Zaum, bleiben bei gemessenen und weichen Bewegungen
auch in Momenten hoher dramatischer
Spannung. In demselben Geist erzählt er seine
Geschichten, ganz einfach und schlicht, mit wenigen
Figuren, in stillem Beieinander, mit fein beobachteten
Zügen — dem Geiste Giottos verwandt. Die stille,
reservierte Auffassung überrascht besonders bei den
Szenen, die sonst stürmischer gegeben werden —
wie bei der Verkündigung an Zacharias oder gar
den leidenschaftlichen Szenen aus der Salome-Tragödie
: der Strafpredigt des Propheten, dem Tanz,
der Ueberreichung des Hauptes.

Diesem Temperament, dieser Auffassung entspricht
sein künstlerisches Formgefühl, sein Stil.

Der Gesamteindruck einer Relieftafel kann nicht
verschiedener sein als bei Giovanni und Andrea.
Die Grundrichtung des Kunst-Empfindens und
Wollens ist verschieden: Giovanni will Form und
Bewegung geben, Andrea Linie und Harmonie.
Giovanni interessiert sich für die einzelnen Figuren,
die er mit immer neuem und immer gesteigertem
plastischem Reichtum erfüllt, und die er in beliebiger
Zahl, voll prometheischer Schöpferlust, in den Marmor
hineinmeisselt — ein unklarer Eindruck entsteht
so, allenfalls der Eindruck grossen, freilich chaotischen
Formenreichtums; der volle Genuss kommt erst
beim Studium der einzelnen Figuren. Andrea dagegen
denkt in erster Linie an den Zusammenklang,
die Schönheit des Ganzen, er empfindet alles in der
Wirkung als Flächendekoration.

Er hat ein ganz aussergewöhnliches Gefühl für
die Bedingungen der zu dekorierenden Fläche, seine
Komposition bekommt so etwas, man möchte sagen,
Geometrisches; man vergleiche z. B. unsere Textabbildungen
, Andreas Darstellung der Geburt Johannis
mit einer analogen Szene bei Giovanni. Es ist
nicht bloss die Empfindung für schöne und selbstverständliche
Raumfüllung, wie wir sie oft finden,
sondern noch etwas tiefer gehendes. So hat man
ihm nachgerechnet — und nicht mit Unrecht — wie
er in seinen berühmten Türreliefs die Mittelaxe
empfindet und in der Komposition fühlen lässt.

Und so konzipiert er die Figuren nicht in erster
Linie als plastische Motive, sondern als Teile der
Flächendekoration, ihr Umriss und ihr Flächeninhalt
sind ihm die Hauptsache, nicht Form und Bewegung
an sich. Sind mehrere Figuren als Chor zu geben,

29 -


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_07/0039