Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_07/0040
Giovanni Pisano. Die Geburt Christi.
Marmorrelief (von der Kanzel). Pisa, früher Dom, jetzt Museo civico

so werden sie zusammengeschlossen, eine Figur löst
sich ein wenig heraus mit deutlicher Gebärde, für
die übrigen sprechend, während bei Giovanni oder
Donatello etwajin den Paduaner Reliefs jeder Einzelne
wie eine Statuette ^für sich konzipiert und
durchgeführt ist. Der jGesamtumriss der Gruppe
ist einfach, geschlossen; sie steht als Fläche da und
ist wohlproportioniert zu der Figur gegenüber wie
zur Gesamtfläche. Man vergleiche dafür die Gruppen
vor Zacharias beim Heraustreten aus dem Tempel
und bei derNamengebung; die Gruppen vor Johannes
bei der Predigt, dem Hinweis auf Christus und der
Taufe; die Jünger vor Christus. Ein Auflösen der
Gruppe in individueller Anteilnahme giebt die Szene
mit den Jüngern vor dem Gefängnis: nach rechts
hin der Umriss gelockert, einzelne Figuren frei
bewegt, links der feste gradlinig schliessende Chor;
von links nach rechts gehen auch die Bewegungen,
verstärken sich die Empfindungen.

Zu jenem Gefühl für die Flächendekoration
stimmt nun auch die Reliefbehandlung. Giovanni
arbeitet beliebig tief in den Marmor hinein, [bis er
seine plastischen Motive geformt hat, es ist ihm
gleichgültig, ob er hier einen Arm oder eine ganze
Figur frei ablöst und dort die Formen verkürzt zusammenschiebt
, es ist ihm gleichgültig,^ wie~sich"der
Beschauer in dem Ineinander und Uebereinander
zurechtfindet — Andrea hält alles in einem möglichst
gleichmässigen, nicht sehr starken Relief. Er lässt
— ganz im Unterschied von Giovanni sehr viel
Reliefgrund als glatte Fläche stehen, gleich dem
Goldgrund der Gemälde. Das Auge empfindet diese

durchgehende Fläche; die starkprofilierte
gotische Umrahmung
hält ja immer das Bewusstsein
von der dekorativen Absicht
wach, im Gegensatz zu einem
einfach schliessenden viereckigen
Rahmen; so empfindet man stets
die feine Proportionierung des
Flächeninhalts der Figuren zur
Grundfläche.

Auf dieser Grundfläche erhebt
sich das Figurierte in einer
ziemlich flachen Schicht. Auch
da zeigt sich wieder seine feine
massvolle Empfindung: obwohl
er beim Thonmodellieren leicht
dazu hätte kommen können, vermeidet
er es, einzelne Formen,
z. B. Arme, nach vorn herausspringen
zu lassen, wie das Ghi-
berti thut. Das mag durch die
Rücksicht auf den Guss mitbedingt
sein, hauptsächlich aber
geht es hervor aus einer bestimmten Reliefauffassung,
die seine Conception und Formung bis in ihre Grundlagen
hinein beherrscht: er bemüht sich, eine möglichst
gleichstarke und nach vorn geradflächig
schliessende Reliefschicht zu geben. Das Zusammenhalten
der Formen kann durch die Gussschwierigkeiten
veranlasst sein, nicht aber das gleichmässige
Schichten. Mit dieser Reliefauffassung hängt zusammen
— als Folge oder Ursache, wie man will —
dass er die Bewegung in der Silhouette giebt, bei
der Gesamtkomposition wie bei den einzelnen Figuren.
Giovanni stellt und bewegt seine Menschen ohne
Rücksicht auf die Hauptaxen: wie eine Figur schreitet,
sich beugt, wie ein Kopf oder Arm erscheint, selbst
bei einfachen Statuen, das bestimmt sich für ihn nicht
nach jenen Grundrichtungen, er will nur Form und
Bewegung an sich schaffen, nicht in einem bestimmten
Aspekt. Andrea dagegen stellt seine Figuren in
jene flache Reliefschicht und legt deshalb ihre Bewegung
, und damit den Ausdruck des Einzelnen wie
das Hin und Her der Komposition in die Silhouette.
So löst sich aus der einfach umrissenen geschlossenen
Gruppe ein Oberkörper, eine Hand heraus,
nicht schräg oder nach vorn, sondern dem Reliefgrund
entlang (man vergleiche die vorhin genannten
Gruppen). Und so wird man überall die Bewegung
parallel der Grundfläche finden: die Ueberreichung
des Hauptes, die sitzenden und herankommenden
Frauen bei der Geburt Johannis; das Schwert des
Henkers bewegt sich parallel zur Grundfläche, und
so fort. Auf die Bewegungen der einzelnen Figuren
brauchen wir gar nicht hinzuweisen; man gehe die

— 30


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_07/0040