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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_07/0050
vorzuschreiben. Seit 1460 etwa wurden die aus den
Niederlanden einströmenden Anregungen in Köln
fruchtbar, wohl hauptsächlich in der Weise, dass
kölnische Maler, vom Ruhm der flandrischen Malkunst
gelockt, ihre Lehrzeit im Norden durchmachten.

Von den besten Meistern, die in der 2. Hälfte
des 15. Jahrhunderts in Köln tätig waren, kennen
wir die Namen nicht. Man hat sich begnügen
müssen, ihre Werke in Gruppen zu ordnen und
die Persönlichkeiten, die mehr oder weniger deutlich
hervortreten, in wissenschaftlicher Nottaufe,
mit einem umständlichen Namen je nach einer ihrer
Hauptschöpfungen zu bezeichnen. Der älteste, der
den Niederländern nachstrebte, und wohl auch der
grösste, ist der Meister des Marienlebens,
der so genannt wird nach einer Bilderfolge in der
Münchener Pinakothek (Bd. VII, Taf. 124). Dieser
Maler sucht offenbar dem Dierick Bouts, dem Löwener
Hauptmeister nahe zu kommen, seine Empfindung
bleibtaber durchaus kölnisch. Mit einer durchsichtigen
glasigen Lasurtechnik, einer höchst präzisen Zeichnung
, einer mageren, spitzigen Formensprache, einer
Kompositionsweise, die mehr locker und mehr zufällig
ist als die der früheren kölnischen Generationen,
strebt er nach Individualisierung und Raumvertiefung
im Sinne der neuen Zeit. Weder konsequent noch
rücksichtslos in seiner Bemühung, verzichtet er
nicht auf den Goldgrund, der statt des blauen
Himmels über seinen landschaftlichen Gründen
prangt, als ein der Illusion gefährliches unwirkliches
Schmuckmittel, das die Kölner ungern und zögernd
aufgaben. Die Folge in München ist wohl das
Schönste, was wir von diesem Meister besitzen. Die
genrehafte Ausgestaltung des Familienhaften, die
Fülle freundlicher, weiblicher Figuren, der leichte
Fluss der Erzählung, die reine und heitere Empfindung
, die das Ganze beseelt: mit solchen Reizen
kann der Kölner bestehen neben gleichzeitigen Niederländern
, die eine schärfere Charakteristik, eine por-
traitierende Naturbeobachtung, dafür aber nicht diese
bewegliche Anmut besitzen.

Nichts ist charakteristischer für das Wesen der
kölnischen Malerei als der geringe Erfolg ihrer
besten Meister im Portraitfach. Die niederländische
Malerei des 15. Jahrhunderts ist im eigentlichen und
übertragenen Sinne fast nichts anderes als Portrait-
malerei.

Mehrere Maler, die gegen das Ende des 15. Jahrhunderts
in Köln tätig waren, haben den Zusammenhang
mit der heimischen Tradition verloren, was
an einer merkwürdigen Stilunsicherheit bemerkbar
wird. Eine interessante Erscheinung, ein hochbegabter
Meister ist jener Maler, der nach der Severinskirche
benannt wird, weil er für diese Kirche
eine ganze Reihe von Arbeiten ausgeführt hat. Sein
„Werk" besteht aus ungleichwertigen und ungleichartigen
Stücken. Er zeigt genialisches Wesen, giebt
oft das Abnorme an Stelle des Charakteristischen
und wagt merkwürdige Vorstösse in neue Gebiete.
Er ist oft eilig und skizzenhaft, verlässt den Boden
der handwerklichen Ueberlieferung, indem er Lichtphänomenen
und landschaftlichen Stimmungen zustrebt
. Die spezifisch kölnische Grazie ist dabei
eher versteckt als ertötet.

Ist der Severiner fahrig, so ist der Bartholomäus
-Meister pedantisch, neigt aber ebenfalls zu
Excentritäten und selbst Absurditäten. Seinen Namen
führt dieser Maler nach einem Altare zu München,
in dessen Mitte der heilige Bartholomäus steht (Bd. VII,
Taf. 140). Man nennt ihn zuweilen auch nach dem
Thomas-Altar, einem anderen Hauptwerke, das im
Kölner Museum bewahrt wird. Der Bartholomäus-
Meister erscheint fest verwachsen mit der kölnischen
Tradition. Vielleicht aber gab es hier keinen organischen
Zusammenhang, sondern ein bewusstes Anknüpfen
, ein archaisierendes Bemühen. Jedenfalls
bietet dieser Maler das Naive ohne Naivetät; die Zierlichkeit
wird unter seinen Händen zur Geziertheit,
das Gefällige zum Gefallsüchtigen, die Heiterkeit zu
festlichem Gefunkel, die Empfindung zur Sentimentalität
. Der Bartholomäus-Meister verfügt über die
höchste Vollendung im Technischen und hat die Kraft,
sein besonderes künstliches Wesen aufs klarste und
schärfste zum Ausdruck zu bringen. Alles, was er
geschaffen hat, ist für den Freund der alten Malkunst
köstliche Arbeit.

Der Meister, der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts
, fast als Alleinherrscher, mit grossem Fleisse
die Bedürfnisse der Bürger nach Altarbildern und
Bildnissen befriedigte, Bartel Bruyn ist eine
mittlere Begabung und bietet relativ wenig Interesse.
Seine Art hat kein starkes Profil. Die kölnische
Kunst im 16. Jahrhundert gleicht einem müden,
blutleeren Spätling aus altem vornehmem Stamme,
während zu jener Zeit in Süddeutschland sich jüngere,
mehr volkstümliche und frischere Kräfte regen.

Max J. Friedländer.

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