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Raffael als Zeichner.
ZEICHNUNGEN verlangen vielleicht unter allen
Kunstwerken beim Betrachter das regste Empfinden
. Dem grossen Publikum werden sie darum
immer unbekannt bleiben. Selbst bei manchem aus
der kleinen Gemeinde, die sie kennt und schätzt, geht
ihre Wirkung nicht weiter, als durch das Auge in
den Kopf, und jene feinen Schwingungen, für die
allein die Saiten im Innern gespannt sein müssen,
soll ungetrübter und „interesseloser" Kunstgenuss
entstehen, bleiben bei ihnen ungeweckt.
Nicht weil die Zeichnung die Vorstufe einer
Komposition enthält, hat sie für uns Wert — da
müssten wir, um sie zu geniessen, erst etwas über
sie wissen —; eher schon, weil wir den Künstler
darin bei der Arbeit sehen, an seinen Versuchen
und Anstrengungen den Stoff zu gestalten teil nehmen
, Zeugen seiner Inspiration und seiner Gewissenhaftigkeit
sind — aber mit alledem bliebe die Beschäftigung
mit Zeichnungen gebildeter oder gelehrter
Sport.
In diesen kleinen flüchtigen, nie fertigen und
doch vollendeten Kunstwerken spricht der Künstler
ohne Umschweife und Umstände, nie zu anderen,
er überlegte darum nicht, wie er wirken würde, er
skizzierte hier einen Eindruck von aussen, dort einen
Gedanken, der ihm plötzlich vielleicht aus vielen
Erinnerungsbildern aufstieg, und wie er nur für
sich diese Linien zog, diese Figuren hinwarf, so sind
sie unfertig, anspruchslos, kaum in Form gebrachte
Gedanken, eben erst aus dem Unbewussten hervortauchende
Gestalten und Bewegungen.
Da bietet keine vollendete Form, keine liebevolle
Ausführung dem Betrachter einen Vergleichspunkt
mit der Natur, es gilt, den oft wortkargen
Künstler zu verstehen, seine leisesten Andeutungen zu
fassen, von einem kaum ausgesprochenen Gedanken
zum nächsten, vielleicht weit entfernten zu springen,
oft aus Gewirr und Ueberfülle von Linien, unter
verschiedenen Lösungen die einzig mögliche herauszufinden
. Diese Blätter enthalten den stärksten
Zauber, den Kunst üben kann: aus ihnen spricht der
Wille des Künstlers schrankenlos, hier stürmt sein
Temperament sich aus, dem später die Ueberlegung
des Schaffens oft Zügel anlegt, und jede Erregung,
so mächtig oder zart sie sein mag, steht plötzlich
ohne Uebergang, ohne ermüdenden Weg, in ihrer
ursprünglichen Kraft vor uns.
Für ein empfängliches Auge kann sich durch
die Zeichnungen das Bild selbst der grössten Meister
noch bereichern weit über die Anschauung hinaus,
die ihre ausgeführten Werke geben. So ersetzen bei
Lionardo die zahlreichen über seine Manuskripte
verstreuten Skizzen geradezu etwas von dem, was
zu vollenden diesem ewig ringenden und gestaltenden
Geist versagt blieb. Für Dürer war Stift, Feder und
Tusche das seinem Schaffensdrang augenblicklich
gehorchende Material, wo Oel und Pinsel seiner
Hand widerstrebten. Aus Michelangelos Blättern
kommt uns das mächtige Chaos seiner bildnerischen,
malerischen und architektonischen Gedanken entgegen
, und sie entschädigen uns für alles das, was
das Schicksal bei ihm im Keim zurückhielt oder unvollendet
Hess. Die zahllosen Skizzen Rembrandts
zeigen ihn der Natur gegenüber vielleicht als den
umfassendsten unter den grossen Zeichnern, sicherlich
als temperamentvollsten.
Mit ihnen kann sich Raffael als Zeichner an
Universalität nicht messen. Was andere im Vorübergehen
notierten - - die ganze bunte, grosse und kleine
Welt wird man in seinen Blättern vergeblich suchen.
Kein Tier, keine Blume, keine Landschaft! Seine
Bilder beweisen, dass er das alles gesehen hat, aber
er merkt es sich nur mit dem Auge und vertraut
es seinem untrüglichen Gedächtnis an, das es jeden
Augenblick wiederzugeben vermag. Was er als
Skizzen zeichnet, sind Entwürfe, ein Gedränge von
Bildern, die ihm später selten ganz so wie er sie
skizzierte, meist weitergeführt und gerundet, zu Gemälden
werden. Und dann kontrolliert er sich in
den sorgfältigen Studien vor dem Modell für die
Richtigkeit der Einzelgestalt. Diese Skizzen und
Studien sind die vielbewunderten Zeugnisse seiner
klassischen Art zu schaffen. Bis in die flüchtigste
Linie, ja bis hinein in die Strichlagen der Schattierung
lässt sich hier die innere Harmonie verfolgen, die
ihm selbst in der Erregung des Schaffens treu blieb.
Als Zeichner so wenig wie als Maler ist Raffael
ein Neuerer, der sich in Gegensatz zu seinen Lehrern
stellte. Neu ist nur die Meisterschaft, wie er in den
einfachen Mitteln des Silberstifts und der Feder die
Formen, kaum umzogen, schon schwellen, sich runden
, sich verkürzen lassen kann. Mit wenigem die
volle Wirkung zu erreichen, ist die Kunst, in der Raffael
seine Lehrer schon früh hinter sich lässt. |* Peru-
gino und Pinturichio zeichneten sauber mit ununterbrochenem
Kontur und einem Netz von gekreuzten
Strichlagen für die Schattenpartien, korrekt in jedem
Strich und so uninteressant, wie nur Künstler es sein
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