Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_07/0063
Giuseppe

Ribera

NICHT nur für Deutschland ist das XVII. Jahrhundert
eine Zeit des tiefsten Verfalles, auch
in Italien bietet das Leben einen recht unheimlichen
Anblick. — Nur das befreite und freie Holland
schwingt sich empor. - Der Kampf der Leidenschaften
nimmt überall einen hinterlistigen, tückischen
Charakter an; der grosse Zug, den die vergangenen
Jahrhunderte selbst im gewalttätigen Eigennutz
gezeigt hatten, ist verschwunden. Ein schwerer,
dicker Nebel scheint auf dem geistigen Leben zu
lasten. Es war nicht nur die Macht der Gegenreformation
, die Inquisition, die in die intimsten
Beziehungen der Menschen einzudringen sucht und
selbst dem kühnsten Forscher das Wort der Wahrheit
auf den Lippen ersterben machte, es ist auch
der Einfluss des spanischen Regimes mit seiner Kälte
und gefühllosen Grausamkeit, der in Italien diesen
moralischen Verfall herbeigeführt hat.

Auf dem Gebiete der Kunst ist besonders charakteristisch
die Form, die der Wettstreit der Personen
annimmt. Die Zeit, in der ein Michelangelo fast
mit Gewalt zur Ausführung riesenhafter Aufträge
gedrängt werden musste, in der sich auch ein Wort
tiefgefühlter Begeisterung des Künstlers für das
Werk eines Genossen vernehmen lässt, sind vorüber.
Die wilde Jagd nach den grossen Aufträgen, die
fürstliche und kirchliche Gönner zu vergeben haben,
erschöpft den besten Teil ihrer Kräfte. Alle Mittel
der Verleumdung und hinterlistiger Gewalt sind gut,
den Konkurrenten aus der Gunst des Herren, die
allein gilt, zu verdrängen. Bezeichnend ist auch die
abenteuerliche, vagabondierende Lebensweise vieler
Künstler, ihre Sucht, mehr durch die bizarre Originalität
der Persönlichkeit als durch ihre Arbeit
Eindruck zu machen. Das Interesse am Stofflichen,
am Romanhaften des Gegenstandes tritt noch viel
stärker hervor als im XVI. Jahrhundert. Die Kunst,
dJe nur danach strebt, durch neue, frappierende
Effekte zu bestechen, den anspruchsvollen Auftraggeber
schnell und billig zu bedienen, wird zum Vir-
tuosentum. Staunenswert ist die technische Routine
fast aller besseren Maler der Zeit. Es ist eine wilde,
wechselvolle Flucht von Gestalten, die vor dem Beschauer
über die Bühne eilen. Fast immer aber sind
es dieselben Statisten, die als neue Figuren wieder
auftreten. Das Gold, das dieser breite Strom mit

sich führt, setzt sich nur selten in festeren Massen
ab. Uns heute wird es schwer, unter den vielen
Formeln die individuellen Formen herauszuerkennen.
Die Nachwelt stellt sich dem Virtuosentum, das die
Zeitgenossen entzückt, gleichgiltig, ja feindlich gegenüber
, sie sucht, mit Recht anspruchsvoll, nur die
Offenbarung aus der Naturanschauung des Genius.

Die Reaktion gegen diesen Manierismus, der in
der Darstellung religiöser und sinnlicher Ekstase
schon bis an die Grenzen des Möglichen gegangen
war und seine Mittel erschöpft hatte, konnte nicht
ausbleiben. In Italien ist Michelangelo Mirisi da
Caravaggio, der erste, der den unmittelbaren Natureindruck
in der Malerei wieder zur Geltung zu bringen
sucht, und der als der vornehmste Vertreter des
seicentistischen Naturalismus einen grossen Einfluss

gewonnen hat.

Es dringt aber auch von Spanien her ein starker
Strom gleichartiger künstlerischer Ideen ein, diese
Richtung der italienischen Malerei zu fördern. Man
wird dies leicht erklärlich finden, wenn man sich
erinnert, dass das Königreich Neapel und Sicilien,
ebenso wie die Lombardei damals unter spanischer
Herrschaft standen und vor allem, dass die spanische
Kunst, Literatur wie Plastik und Malerei im Beginne
des XVII. Jahrhunderts dem Höhepunkte
ihrer Entwickelung nahe waren. Der merkwürdige
Gegensatz strenger Gebundenheit in der durch
einen starren geistlichen Kanon vorgeschriebenen
Behandlung der kirchlichen Darstellungen zu einem
kühnen Realismus in der Wiedergabe der Formen,
der Kampf der anerzogenen Kälte und Härte des
Gefühlsausdruckes mit der heissen Sinnlichkeit des
Temperamentes haben der spanischen Malerei ihren
eigenartigen Charakter aufgeprägt. Seit sie sich zur
Selbständigkeit und technischen Freiheit zu erheben
beginnt, ist sie im Grunde eine im höchsten Grade
realistische Kunst geworden.

Spanien hat im Beginne des XVII. Jahrhunderts
in Giuseppe Ribera einen seiner bedeutendsten
Maler nach Italien gesandt. Spanier ist Ribera, der
1588 in Jätiva bei Valenzia geboren wurde, nicht
nur durch seine Abstammung, sondern auch durch
seine erste künstlerische Erziehung, die er bei Francesco
Ribalta in Valenzia genossen hat, und vor allem
durch seinen künstlerischen Charakter, wenn er

53


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_07/0063