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Ribera. Der Dichter.
Radierung, h. 0.18, br. 0.12.
auch durch seine späteren Studien, durch seinen
dauernden Aufenthalt in Italien und durch seine
starke Einwirkung auf die Entwickelung der italienischen
Malerei so fest mit seiner zweiten Heimat
verbunden ist, dass man ihn oft, nicht ohne Berechtigung
, der italienischen Schule zurechnet.
Ribera muss in jungen Jahren nach Italien, wo
auch sein Lehrer sich aufgehalten hatte, gekommen
sein, um in eifrigen Studien den grossen Meistern
des Colorismus, vor allen Correggio und Tizian,
ihre Geheimnisse abzulauschen. Er wird zumeist
als Schüler Caravaggios bezeichnet; aber weder lassen
sich persönliche Beziehungen zwischen den beiden
nachweisen, noch ist überhaupt die Verwandtschaft
ihres Stiles so gross, dass ein solches Verhältnis Riberas
zu Caravaggio daraus gefolgert werden müsste. Abgesehen
von dem ihnen gemeinsamen Realismus und
der Neigung zu starken Licht- und Schattenkontrasten
zeigen die beiden in Auffassung, Formen und Technik
weit mehr Gegensätze als Berührungspunkte.
Im Wesentlichen ist Ribera als echter Meister
ein selbstgemachter Mann, der jede Aufgabe in seiner
eigenenundganzeigentümlichen Weiseanfasst und mit
seiner Kunst etwas ganz Neues, Staunenerregendes
bietet. Der frappierenden
Eigenart seiner Darstellungs- und Malweise
soll er auch seinen ersten Erfolg
verdankt haben. In Neapel, wo er als
unbekannter Maler in Dürftigkeit lebte,
gelang es ihm, durch ein Gemälde, das
das Martyrium des hl. Bartholomäus darstellte
, und das er zum Trocknen aufgestellt
hatte, die Aufmerksamkeit des
Vizekönigs auf sich zu lenken. Er wurde
bald zum Hofmaler ernannt und mit
Aufträgen für den Vizekönig von Neapel,
für König Philipp IV von Spanien, für
Kirchen und Vornehme überhäuft. In
Reichtum und Ehren lebend, konnte er
sich wohl leicht über die gehässigen
Verleumdungen und Schmähungen der
missgünstigen Neapolitaner Künstlerclique
hinwegsetzen. Auch bei ihm, wie
bei so vielen anderen, sind Hass und
Neid ebenso wie die Lust am Fabulieren
geschäftig gewesen, das Bild seiner Person
und seiner Schicksale mit einem
dichten Netze von romanhaften und romantischen
Erzählungen zu umspinnen,
das nur an wenigen Stellen die Wirklichkeit
durchblicken lässt.
Seine Persönlichkeit erscheint aber
aus den von seinem Leben bekannten
Tatsachen und besonders aus seinen
Werken doch in einem wesentlich günstigeren
Lichte als aus den Erzählungen der Neapolitaner
Kunstschriftsteller, die ihn als einen der rücksichtslosesten
und hinterlistigsten Gesellen in dem
wilden Kampfe um die grossen Aufträge für Neapolitaner
Kirchen hinstellen. Tatsächlich scheint sich
Ribera vielmehr einer stolzen Zurückhaltung be-
fleissigt zu haben und mit den Bologneser Manieristen
gar nicht in Konkurrenz getreten zu sein, da er
überhaupt nie al fresco gemalt hat.
Auch aus den ärmlichsten Gestalten in seinen
Bildern spricht ein hoher Edelsinn und tiefe Empfindung
, eine feine Melancholie, die trübe Schwermut
des überlegenen Geistes, der sich durch äussere
Eindrücke belastet fühlt. Wie hätte eine feine Natur
damals anders empfinden können, zumal ein Spanier!
Auch keinem der Menschen, die Velazquez darstellt,
fehlt diese Bedrücktheit der Stimmung. — Man vergleiche
damit den freien Stolz, die frische Lebensfreude
der Männer in holländischen Bildern der Zeit,
z. B. in den Bildnissen des Frans Hals! —
Es ist bezeichnend, dass Ribera nie nach Spanien
hat zurückkehren wollen. Wenn auch unter spanischer
Herrschaft, fühlte er sich in Italien doch wohl
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