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Whistler. Blick auf das Parlamentsgebäude.
James Mc. Neill Whistler.
1834—19°3-
AUF der Münchner Ausstellung von 1892 erregten
die Amerikaner zum ersten Male als Gruppe
in Deutschland grösseres Aufsehen. Bis dahin hatte
man wohl bei uns amerikanische Künstler, aber
keine amerikanische Kunst gekannt; die in München
lebenden waren zu Münchnern, die in Paris lebenden
zu Parisern, die in London lebenden zu Engländern
geworden. Seitdem hat sich diese amerikanische
Kunst beinahe zusehends aus ihrer Umgebung immer
stärker herauskristallisiert. Ja die Pariser Kolonie,
die grösste und einflussreichste von allen, hat nicht
nur im Kunstleben der Seinestadt eine starke Rolle
gespielt, sondern die ehemaligen Schüler haben
sogar begonnen auf ihre Meister Einfluss zu üben.
1889 konnte der Generalkommissar der Weltausstellung
in seinem Bericht noch schreiben: „Die
Sektion der Vereinigten Staaten war nur ein glänzender
Annex der französischen .... Es würde
schwierig sein, viele Männer zu nennen, die ihre
Inspirationen nicht unmittelbar den französischen
Meistern entlehnen." 1900 bildete die amerikanische
Sektion eine der geschlossensten, einheitlichsten und
eigenartigsten Abteilungen der ganzen Ausstellung.
Freilich etwas spezifisch Amerikanisches haben
diese Künstler mit verschwindenden Ausnahmen
nicht. Von dem ungestümen Vorwärtsdrängen einer
jugendlichen Nation ist kaum etwas in ihnen zu
spüren, alles was an Heimatskunst erinnern könnte,
liegt ihnen meilenweit fern, religiöse, politische,
soziale Ideale scheinen sie nicht zu berühren. Ja
es ist, als ob die Dinge selbst sie kaum interessierten,
nur der farbige Abglanz, der über ihnen liegt; die
Farbe oder vielmehr der Ton, die Harmonie ist
alles. Kurz, die Kunst dieses jungen demokratischen
Volkes ist die aristokratischste, kosmopolitischste,
abgeklärteste und raffinierteste von allen.
Der jüngst verstorbene James Whistler, ihr
genialster und konsequentester Vertreter, war gerade
für diese Art Kunst prädestiniert wie kein anderer.
In Amerika geboren, verbrachte er seine Jugend in
Russland, wo sein Vater als Hauptingenieur der
Petersburg-Moskauer Eisenbahn eine ebenso angesehene
wie gewinnbringende Stellung innehatte, und
studierte dann in Amerika und in Paris. Mit einem
ausserordentlichen Geschmack begabt, machte er
sich das Delikateste zu eigen, was die Kunst aller
Zeiten hervorgebracht hat: von Velazquez die kühlen
Harmonien und die Luft zwischen den Dingen, von
den Impressionisten das Momentane der Erscheinung
und das abgekürzte Verfahren, von den Japanern
die geistreiche, überraschende Raumverteilung, und
wusste dies alles doch mit eigenem Geiste zu erfüllen
.
Von allen Anhängern des L'Art pour l'Art war
er der intransigenteste. Theoretisch war für ihn
die Kunst lediglich ein Spiel mit Farben, wie die
Musik ein Spiel mit Tönen ist. Harmonien oder
Symphonien liebte er seine Bilder zu taufen, da
die Sprache keine gleichwertigen Ausdrücke für
die Kunst der Augen hat. Blau und Gold —
eine Nachtlandschaft mit Wasser, Himmel und
funkelnden Lichtern, Silber und Rosa ein Damenbildnis
. Ja er sprach wohl zuweilen sogar davon,
dass ein Bild in E-dur oder in C-moll gemalt sei.
Allein der Vergleich mit der Musik lässt sich doch
nicht vollkommen durchführen. Musik kann man
schliesslich in mathematische Formeln auflösen, die
Malerei, wenn sie nicht zum blossen Ornament
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