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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_07/0072
werden soll, arbeitet mit Gegenständen der sichtbaren
Welt. Dinge aber, leblose oder lebende, sind
keine Formeln, sind keine blossen Farbenträger.
Ein Porträt ist nicht nur eine mit Farbe ausgefüllte
Silhouette. Aber so hat es der Meister wohl auch
nie gemeint und höchstens gesagt - - wenn er missverstanden
sein wollte. Das Wichtige ist, dass ein
Bild auch ohne Rücksicht auf den Gegenstand bloss
durch den Wohlklang seiner Farben und ihre Verteilung
im Raum unmittelbares Wohlgefallen erregt
und dass dieser rein farbige Eindruck mit dem
Gegenstand im vollkommenen Einklang steht. 1900
war in Paris des Meisters „Dame am Kamin" ausgestellt
. Ein weisses Kleid und der weisse Kamin,
dazu die milden roten und blauen Farben eines
Orchideenstrauches, eines Blumentopfes, einer japanischen
Vase und eines japanischen Fächers. Dieser
zarte Zusammenklang lenkte sogleich die Aufmerksamkeit
des Besuchers auf sich, wenn er in den
Saal trat, und umschmeichelte ihn wie der Duft
einer seltenen wohlriechenden Blume. Dann nahm
ihn auch die Gestalt selbst gefangen, eine zarte
wehmütige Frauengestalt mit geneigtem Kopfe und
schlaff herabhängendem Arm, aber dieser Eindruck
verschmolz zuletzt wieder völlig in Eins mit der
stillen Farbenharmonie.

Das Seltsamste ist nun, dass dieser Farbenkünstler
ganz und gar kein Kolorist im gewöhnlichen
Sinne war. Nicht nur alles Laute und Schreiende,
sondern auch alles Leuchtende und Funkelnde war
ihm zuwider. Meist dominiert in seinen Bildern ein
Schwarz, Grau oder Weiss. Das sind aber im
Grunde genommen überhaupt keine Farben, sondern
Negationen von Farben. Allein sie werden ja nicht
im absoluten Zustande angewandt. Von dem Momente
an, wo sie sich materialisieren, sind sie nicht mehr
rein, gewinnen sie Farbenwerte. Wie vielerlei entzückende
Nuancen kann Grau annehmen, vom Silbergrau
und Perlgrau bis zu all seinen rötlichen, bläulichen
und grünlichen Schattierungen! Zu diesem
Grundton gesellen sich dann meist allerlei gebrochene,
wie verlöschende oder verwelkende Farben, Rosa,
Mattgelb, Hellblau, Silber. Und selbst wenn Blau,
Rot und Grün auftreten, wie in dem eben genannten
Bilde, bekommen sie etwas wie eine Patina, ähnlich
den Unterglasurfarben der Porzellanmalerei.

Whistlers junge Frauen und Mädchen sind fast
immer in Weiss gekleidet; so die „Dame blanche",
die 1863, von der Jury des Salons abgelehnt, in dem
vielleicht ein wenig über Gebühr gepriesenem Salon
der Zurückgewiesenen figurierte, so die entzückende
kleine Miss Alexander und die „Dame am Kamin".
Auch das kleine Mädchen, das in der mit Recht berühmten
„Piano Picture" an den Flügel gelehnt dem
Spiele der Mutter lauscht, ist ganz weiss gekleidet.

Etwas farbiger ist die „Prinzessin aus dem Porzellan-
lande"(Tf. 121), das Bild, das in seinem Werke am deutlichsten
den Einfluss der Japaner verrät — nicht nur im
Stoffe, sondern auch in seiner Behandlung. Bei älteren
Personen herrscht dagegen meist ein Braun oder Grau
vor, dem sich die andern Töne unterordnen. Die berühmtesten
Bilder aus dieser Reihe sind die beiden
schon im „Museum" abgebildeten Parallelstücke „Porträt
meiner Mutter" im Luxembourg (Bd. II Tf. 103)
und „Carlyle" im Museum zu Glasgow (Bd. IV Tf. 111).
Auf beiden sitzt die dargestellte Person in ganzer Figur
im Profil an einer Wand, und auf beiden ist diese
Wand mit Bildern belebt. Wiederum ist es sehr
bezeichnend für unsern Künstler, dass diese Bilder
weder als starke Farbenflecke wirken, noch uns etwa
über den Geschmack ihrer Besitzer Aufschluss geben;
es sind Kupferstiche, deren weisse Ränder und dunkle
Rahmen die graue Wand angenehm unterbrechen
und doch mit ihr völlig harmonieren und deren
Gegenstände völlig gleichgültig sind. Ein Kritiker,
der sie hätte näher bestimmen wollen, hätte ebenso
sicher Whistlers Erstaunen und Wut erregt, wie
Velazquez jeden Versuch die Bilder im oberen Teile
seiner Meninas auszudeuten unbegreiflich gefunden
hätte. Bei einigen seiner Bildnisse, besonders bei
Herrenbildnissen ist Whistler sogar bis zu einem
„Arrangement in Schwarz" gegangen. Es stimmt
das ganz zu unserm modernen Empfinden, das uns
jedes Auffallen, in der Tracht wie im Wesen, verbietet
— wobei übrigens ganz beiläufig erwähnt
werden mag, dass Whistler selbst mit seinem übermässig
langen Rock und seinem plattkrämpigen
Cylinder in den Strassen Londons beinah eine
komische Figur spielte. Ausser diesen dunklen
Tönen trägt auch die abgekürzte, breite und doch
dünne Malweise des Meisters dazu bei, dass uns
viele seiner Gestalten zunächst etwas schemenhaft
erscheinen. Wir sind durch so viele moderne Bilder
daran gewöhnt, dass die Figuren geradezu aus dem
Rahmen herausspringen, dass man die Lackstiefel,
die Hüte und Handschuhe geradezu mit Händen
greifen zu können vermeint, und stehen nun hier
vor Gestalten, die in den Nebel zurückzuweichen
scheinen. Photographisch-realistische Treue war
Whistler verhasst; was er geben wollte, war etwa
die Art, wie bekannte Wesen in der Erinnerung an
unserm Geiste vorbeiziehen, sodass nur die charakteristischen
Merkmale hervortreten und alles Uebrige
verschwimmt. Eins seiner berühmtesten Herrenbildnisse
dieser Art ist der Sarasate, der 1885 in
den Suffolk Street Galleries den Ehrenplatz erhielt.

Zu dieser Auffassung des Porträts passt nun
auch durchaus seine Auffassung der Landschaft.
Eine Zeitlang war auch er wohl ein Anhänger der
Freilichtmalerei gewesen, die die Begabtesten unter


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