http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_07/0073
den jungen Unabhängigen in ihren Bann gezogen
hatte, später wurde er, wenn nicht ihr erbitterster
Gegner, so doch ihr ausgesprochenster Antipode.
Sonnenschein und heller Tag erschienen ihm gerade
gut genug für die Philister. „Wenn die Sonne zur
Rüste geht, erhebt sich die Sonne der Kunst," diesen
Ausspruch Corots kann man auch über seine Werke
setzen.
„Wenn der Abendnebel die Ufer mit Poesie
umkleidet wie mit einem Schleier", heisst es in dem
berühmten Ten o'clock, dieser Mischung von geistreichen
Wahrheiten und kaum minder geistreichen
Paradoxen, in der aber die ersteren bei weitem überwiegen
, „und die ärmlichen Gebäude sich an dem
bleichen Himmel verlieren und die hohen Essen zu
Campanilen werden und die Speicher Paläste in der
Nacht sind und die ganze Stadt im Himmel hängt
und Zauberland vor uns sich ausdehnt — dann eilt
der Wanderer nach Hause; der Arbeitsmann und
der Kulturmensch, der Weise und der Lebemann
hören auf zu verstehen, da sie ja aufgehört haben
zu sehen, und Natur, die diesmal melodisch zu singen
angehoben hat, singt ihren herrlichen Gesang für den
Künstler allein, ihren Sohn und ihren Meister — ihren
Sohn darin, dass er sie liebt, ihren Meister darin,
dass er sie kennt."
Wann ist die Poesie der Abenddämmerung je
schöner geschildert worden ? So empfand der Künstler,
der andre Male in seinem Eigensinn behauptete, die
Natur sei niemals schön; schön sei nur der Extrakt,
den der Künstler daraus gebe. Seine Extrakte gleichen
nun freilich sehr wenig den gewöhnlichen Bildern;
sie sind mehr Andeutungen von solchen. Der Beschauer
muss ein empfängliches Herz besitzen, das
den dargereichten Faden weiterspinnt, wie oftmals
ein einzeln angeschlagener Akkord gleichgestimmte
Seelen „ganz zu lösen" vermag. Die Engländer be-
sassen keine so gleichgestimmte Seelen; sie machten
sich darüber lustig, dass man die Bilder ja ebenso
gut verkehrt hängen könne, oder sprachen, wie
Ruskin, von Farbentöpfen, die er dem Publikum
an den Kopf geworfen habe. Es ist erklärlich, dass
der §r°sse englische Kritiker, der so oft das Ethische
mit dem Künstlerischen vermischte, mit Whistler
zusammenstiess; doch hätten ihn die letzten Werke
seines heissgeliebten Turner vorsichtig machen sollen.
Uebrigens wusste unser Künstler sehr gut, Grobes
mit Grobem zu vergelten, wie seine amüsante
Broschüre: The gentle Art of making ennemies
beweist.
Ueber dem Maler Whistler dürfen wir den
Radierer Whistler nicht vergessen, der ebenso lange
leben wird, ja in seinem Fache einen noch bedeu-
denteren Platz einnimmt als jener in dem seinen.
Es soll hier nicht die Geschichte der modernen
Malerradierung erzählt werden. Zwischer Jen Bu-
rinisten und den revolutionären Aquafortisten, den
Engravers und Etchers herrschte dieselbe Fehde wie
zwischen den Akademikern und den Unabhängigen.
Die junge Schule erhob die — anscheinende —
Regellosigkeit zur Regel, die Willkür zum Gesetz,
und Whistler, der 1857 zuerst auf dem Plan erschien
, wurde der Kapriziöseste von allen.
Er war ein entschiedener Anhänger der alten
Aetzkunst, wie sie Rembrandt geübt. Von der
raffinierten Mischung der verschiedensten Techniken,
wie sie z. B. Rops liebte, wollte er nichts wissen,
und er verachtete gewiss die Praktik so vieler
Moderner, in deren charakterlose Nadelzeichnung
erst die Kunst des Druckers Licht und Schatten
und Farbe hineinbringt. Der echte Radierer beschränkt
sich auf die eigentlichen Mittel seiner Kunst
und zieht höchstens für die feinsten Linien der
Hintergründe und des Himmels die kalte Nadel zu
Rate. Er kannte ganz genau ihre Grenzen und verlangte
von ihr nichts Unmögliches. Seine Kunst
besteht darin, mit dem wechselnden Spiel feiner und
kräftiger Linien Valeurs und Raumwirkungen hervorzubringen
, nicht aber Stoffliches mit peinlicher
Treue nachzuahmen. Mit je geringerem Aufwand
von Mitteln er seine Wirkung hervorbringt, um so
überraschender wird diese sein. Die Radierung ist
also vor allem eine Kunst der Suggestion. Dem
Druck und dem Papier wandte er die grösste Sorgfalt
zu wie alle guten Radierer. Die so beliebte
Papierverschwendung aber hasste er; in seiner
späteren Zeit verzichtete er sogar auf jeden Rand.
Das einzige, was man dem Meister zum Vorwurf
machen könnte, ist, dass er zuviel radiert hat Wedmores
Katalog umfasst mit dem Supplement eines
Amateurs zusammen nicht weniger als 372 Nummern.
Davon ist natürlich nicht alles ersten Ranges. Drei
Serien in diesem Werke haben mit Recht besondere
Bewunderung gefunden, die Sixteen Etchings, der
sogenannte Venice Set und die viel späteren Twenty-
six Etchings. Letztere gehören bereits zu den gesuchtesten
Seltenheiten auf dem Kunstmarkt. Der
Gegenstand der ersten Serie ist das London der
Th emse-Ufer. Wie Meryon das Vieux Paris entdeckt
hatte, so entdeckte er das alte London. Die Romantiker
hatten sich schon mit Inbrunst in die Bauten
der Vorzeit versenkt, und insbesondere den Lithographen
hatten diese reichliche Nahrung gegeben
wie z. B. die unendlich lange Publikation der Voyages
pittoresques des Barons Taylor beweist, an der die
besten Künstler Frankreichs und Englands mitgewirkt
hatten. Whistler entdeckte das Romantische im alltäglichen
, in den einfachen Ziegelhäusern mit ihren
grossen Firmenschildern, den Speichern und Kähnen.
Sie sind mit der grössten Einfachheit und doch mit
63
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_07/0073