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Zur Gotischen Gewandung und Bewegung.
DIE Gewandung hat in der
Gotik das grosse Wort.
Es erscheint selbstverständlich
in einer Kunst, die das Nackte
nur ausnahmsweise zulässt,
deren Absicht so oft auf den
schönen oder rauschenden
Effekt, weniger auf tiefernsten
Eindruck oder stille Spiegelung
ging. Ihre Figuren sind häufig
nur Gestelle für eine wundervolle
Draperie; sie schwelgt in
Falten, als suchte sie Ersatz
für Formen, die ihr nicht gegeben
waren. Denn der Falten
ist sie Meister.
Ihre Stärke ist zwar während
der eigentlich schöpferischen
Zeit der gotischen
Architektur noch nicht die
virtuose Charakteristik der
Stoffoberfläche, des Gewebes
. Ihre Stoffe machen
meist den Eindruck von
Wollenstoffen, bald leichteren
, bald schwereren. Minder
deutlich — doch seltsamer
Weise z. B. bei den archaischen
Sachendes 12. Jahrhunderts —
fühlt man sich an die kostbaren
orientalischen (und abendländischen
) Seidengewebe erinnert
, die damals doch so gesucht
und bewundert wurden,
für deren verschiedene Arten
Dichter und Chronisten uns
so viele, oft rätselvolle Namen
überliefern.
Zu einer peinlichen Wiedergabe
des Stoffcharakters,
einem berechneten Gegeneinander
verschiedener
Stoffe gelangte im allgemeinen
erst die Spätgotik, das spätere 14. und das 15. Jahrhundert
.
Das Charakteristische wurde im Laufe des
13. Jahrhunderts die immer stärkere Plastik der
einzelnen Faltenhügel. Das Gewand, das anfangs
Madonnenstatue, um 1250
Paris, Notre Dame.
Körper los; der Stoff war damit
sich selbst, seiner eigenen
Schwere freier hingegeben.
Die feinen Aeusserungen dieses
seinen Sonderlebens nun
im Widerspiel gegen mannigfache
Hemmungen — wissen
die Gotiker darzustellen, ohne
ins Kleine zu geraten. Wie die
hoch herausragenden Kämme
rücklings einsinken und schlaff
übereinanderfallen, wie die
schlanken Züge niederwallend
sich stauen, so dass feine
Brüche und Knicken sich
bilden (Museum VII, 88), wie
sie am Boden schleifend, ein
wenig in Unordnung kommen,
als laufe ein Windhauch über
ihre Rücken (Museum VII, 45),
wie der schwere Stoff hängend
hinsteht oder bei schwebendem
Faltenbogen in winklig
sich absetzende Stücke auseinanderfällt
, diese und ähnliche
Motive zeigen, wie das
schöne Arrangement durchsetzt
ist von Anschauung. Die
letztere aber ist nicht an der
ausstaffierten Puppe des Ateliers
genährt, sie suchte ihre
Nahrung in freier Luft, ob-
schon im Fluge, zu haschen.
Trotz jener Loslösung des
Gewandes vom Körper wirken
Gewandzeug und Figur
bei den guten Sachen wunderbar
zusammen. Besonders
die französische Gotik hat Gestalten
von unübertroffenem
Einklang geschaffen, bei denen
jeder Zug auf das Ganze gestimmt
ist. Reflektieren sich
die Glieder des Leibes auch wenig, ja verschwinden
sie vielfach in der Umhüllung, so gab diese doch
ein Echo der Bewegungsmotive. Die Falten spinnen
wohl, introduzierend, das Thema an, ehe der Körper
es aufnimmt; sie machen es schwellen und langsam
gern etwas Feinfaltiges, Anschmiegsames hatte (Mu- verhallen, weit ausholend,
seum VI, 142), löste sich mit seiner Masse mehr vom Man beobachtet es besonders an den schwung-
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