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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_07/0076
voll bewegten Gestalten. Die Kurven der Faltenläufe
und die ausgeschwungene Haltung verstärken
einander, etwa wie zwei Wellen sich erreichend in
eine zusammen wogen, emporschlagend.

Je weniger die Gotik bei ihrer eigentümlichen
monumentalen Gebundenheit ihren Standfiguren eine
kräftige und einseitige Bewegung zu verleihen vermochte
, um so mehr musste sich ihr Bewegungsdrang
im Beiwerk der Falten zu entladen trachten.
Er fuhr unruhig an den Säumen her; in der Belebung
der grossen Flächen aber war er auf Heraushebung
weniger, starker Accente aus, die Hauptzüge
gern an einer Stelle zusammenführend, da, wo der
Körper die Ausladung zeigte.

Die gotische Gewandung ist
aber auch Stimmungsträger, ein
bedeutsam sprechendes Symbol
geistiger Charakteristik.

Die Gewandbehandlung der
zwei hier abgebildeten weiblichen
Figuren z. B. mag bei flüchtigem
Hinsehen allerlei Verwandtes haben.
Die Faltenzüge laufen hier und dort
in schlanken Bogenlinien zur linken
Hüfte hin. Doch in den Faltenlinien
der Pariser Madonna (Notre
Dame, nördl. Querhaus, um oder
bald nach 1250) sind einzelne lebhaftere
Accente, einige schärfere
Brüche bemerkbar. Der ganze Stoffcharakter
hat etwas Frischeres. In
der Gewandung lebt gleichsam das
beweglichere Naturell der Trägerin.
Die grössere (geistige und körperliche
) Elastizität dieser ein wenig
unbedeutenden aber liebenswürdigen
knospenhaften Gestalt klingt
in diesem schlankeren Emporstreben
der schärfer gerefften Faltenzüge.

Ein stilleres, ernsteres Geblüt
ist die Heilige mit dem Buche (Paris,
Cluny-Museum,14.Jh.). EinZugvon
Entsagung liegt um die Lippen. Bei
innerer Festigkeit ist etwas Träumerisches im Blicke,
im sanften Sichneigen des Hauptes; letzteres weicher,
voller, auf zarteren, abfallenden Schultern. - - Kaum
spürbar ist die leise Bewegung des Körpers; und
sanfter begleitet das Gewand, als nähme es Anteil;
es ist minder gespannt; ruhvoll schweben die weiten
Bogenfalten des Mantels, weicher, lässiger gleitet,
schleift das Kleid. Schön auch der Widerschein der
leisen Schwermut in den auffalend betonten, senkrecht
von den Händen fallenden Partien.

In dem Reimser Josef (Abb. S. 67, Taf. 135)
wiederum neue Nüancen. Dieser Mantel verrät etwas

Heiligenstatue, 14. Jahrh

Paris, Musec Cluny.

von dem lebensfrohen, kecken, beweglichen Franzen,
der darunter steckt. Das weichliche, müssige Undu-
lieren an den Säumen — sonst der Gotik so geläufig
— fehlt hier ganz, überhaupt das sorgfältig Gelegte,
Ausgeglättete. Sorglos vielmehr ist der Mantel übergeworfen
. Obwohl jeder einzelne Zug vom Künstler
berechnet ist, fahren die Linien scheinbar regellos querüber
; in spitzen Winkeln stossen die sich spannenden,
straffen Mantelsäume zusammen. Es ist in ihrem
flotten Gang dieselbe Bewegsamkeit, die in den spitz
zulaufenden Linien des Gesichts, in den abfallenden
Schultern ist. Im Zuschnitt der Gestalt sind ähnliche
Kontraste aufgesucht, wie in der Gewandung.

So lädt der Kopf, der nach oben
sich zuspitzt, wie nach unten, in
der Mitte weit aus zu dem kühn
bewegten, prachtvollen Lockenhaar.
Ganz ähnlich greift der Mantel, der
über der Brust sich spannt, unterhalb
des rechten Ellenbogens in
weiten, eckig gebrochenen Faltengängen
aus, als habe der Arm des
temperamentvollen Heiligen ihn
durch eine hastige Bewegung ausgeweitet
; weiter unten zieht er
sich wieder dichter um den Körper
. Es ist in alledem eine Geschlossenheit
und Sicherheit des
Stilgefühls, die nicht zu übertreffen
ist, aber gleichzeitig, wie das Faltendetail
zeigt, eine grosse Frische der
Naturbeobachtung.

Man glaubt meist, das Wesen
der gotischen Schönheit erschöpft
zu haben, indem man auf die
schwärmerische Vorliebe für das
Sanft-Gerundete, für das Undulie-
rende in der Faltenzeichnung sowohl
als in der Postierung der Gestalten
hinzeigt. In der Tat hat auch die
Joseffigur in den unteren Faltenpartien
einen Anflug jenes Wohllauts
, der so leicht einen Stich ins
Schwächliche bekommt. Doch es ist nicht die ganze Gestalt
von ihm umspielt; es ist hier eine Mischung von
(abrundender) Feinheit und Frische, wie in dem Wesen
des Dargestellten neben dem Kecken das Verbindliche.

Hat sich nun die einseitige Leidenschaft für das
Gerundete, die seit dem H.Jahrhundert überall so
auffallend hervortritt, zu einem Schwelgen wird, z. B.
bei Andrea Pisano und Ghiberti, erst im Lauf der
Hochgotik allmählich durchgesetzt oder kennt schon
die Frühgotik diese „gotische" Schönheitslinie?

Sie ist tatsächlich schon etwas Frühgotisches.
Es gibt schon damals einen Stil, der sich an der

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