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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_07/0077
schlanken Bogenlinie nicht ersättigen
kann, der am liebsten alles
in ihr und in ihr allein ausspräche.
Allerdings sind damals die Säume
gern noch schlicht, die Falten gleich
feinen* Riefeln. (Museum VI, Taf.
142.)j

Aber 'es gibt daneben noch
eine andere früh gotische Strömung
, die das Gegenteil will, die
an härteren, an geraden Linien,
am eckigen Umbruch der Falten
just ihr Gefallen hat. Man sieht,
für den gotischen Geschmack ein
Schlagwort zu finden, ist nicht
einfach, er bewegt sich in Gegensätzen
!

Jene Richtung auf das fliessend
Geschwungene ist so ziemlich
in allen frühgotischen Centren
nachweisbar; man kann einzelne
Orte nennen, wo sie vor herrscht,
z. B. in Sens, in Laon, in Chartres
und in Reims.

Der härtere Stil aber scheint
von Paris auszugehen, wo er auch
in hochgotischer Zeit noch nachwirkte
(Mus. VII Taf.88), er greift
von hier über auf Amiens.

Dieses ist bedeutsam, dass
die hartfaltige (schwerfaltigere, in
der Zudeckung der Körperformen
rücksichtslosere, hierin „gotischere
«) Manier so früh im Norden
heimisch wurde. Denn hier herrscht sie ja später.
Zu der Zeit, als Ghibertis Weise in immer kühneren
Wellenlinien ausschweift, tüfteln die nordischen Mei-
ster an einer barocken Häufung scharfbrüchigen
Faltenwerks; so einseitig bevorzugen sie es oft, als
wollten sie die gotische Kurve mit dem Winkelmass
austreiben.

Schon bei frühen Sachen dieser Richtung kommt
es gelegentlich zu jenen Aufschichtungen scharfbrüchigen
Faltenwerks, wie sie für das 15. Jahrhundert
so typisch sind. Die Abbildung auf S. 68 kann es erläutern
. Man kann neben diese Figur aus der Zeit von
1225—30Skulpturen des 15.Jahrhunderts stellen (z. B.
die Grabfigur der A gnes von Burgund von Jacques
Morel), die fast dieselben Motive bringen. Die formschöpferische
Kraft der ersten Blüte hat diese Manier

vorweggenommen.

Interessant ferner, wenn das Geschwungene
auch ganz ausserhalb des gotischen Gebietes zu
Hause ist, am Rhein, wo es an Sachen begegnet, die
man noch romanisch heisst. Allerdings sind die

Josef. Reims, Kathedrale.

französischen Einflüsse hier noch nicht abgeschätzt.
Gerade im Umkreis dieser Manier aber — in der
Linie Chartres-Reims — entwickelt sich zuerst auch
die geschwungene Pose, während in der frühen
Amienser Gotik die ausgeschwungene Haltung überhaupt
nicht vorkommt. Angesichts dieses Entwicklungszusammenhangs
begreifen wir, warum später
gerade bei den Gestalten mit Gesamtschwung die
Gewandung noch so stark am Bewegungseindruck
beteiligt ist. Die Gewandung war es eben ursprünglich
allein, was an der gotischen Statue in Schwingung
war. An ihr übt sich jener Drang, während die
Körper noch starr und gleichmässig auf beiden

Füssen ruhen.

Diese Vorstufe vergegenwärtigen z.B. die Statuen
in Senlis; aber sehr gut auch die Chartreser Figuren.
Mus. VI, Taf. 142. Die schlanken Faltenkurven der
Gestalt rechts (am Mantel und Untergewand) laufen
im wesentlichen schon wie an so vielen hochgotisch-
bewegten Statuen, vom linken Fuss zur rechten
Hüfte hin. Nur ist diese garnicht ausgeschwungen.

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