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Man hat einen Augenblick wohl die Illusion,
als komme die Figur angewandelt oder halte
im Schreiten inne; es ist eine Täuschung
zuwege gebracht durch ein Faltenspiel.
Einzelne andere Chartreser Statuen
gehen schüchtern — schon über diese
Stufe hinaus. Die entscheidende Entwicklung
bringt erst Reims. Hier begegnen die
ersten grossen Gestalten mit durchgebogenem
Körper, bei schleifend nachgezogenem
Spielbein, Figuren, die eine eigentümliche
Drehung um ihre eigene Achse vom Fuss
des Spielbeins bis zur (diagonal entgegengesetzten
) Schulter hin zeigen. (Mus. III,
Taf. 78.)
Es vollzog sich diese Erlösung zum
Rhythmus an einem Bau, der der Plastik
Spielraum gab, der das starre, beengende
Stützen- und Rahmenwerk auffallend — fast
ungotisch — zurücktreten Hess.
Doch man darf nicht denken, dass
nun ein schwebend Sichwiegen alle gotischen
Statuen erfasst habe. Gleichmässig auf
beiden Füssen ruhende Figuren, oder solche
, die bei leiser Scheidung von Stand-
und Spielbein, doch schlicht und aufrecht
stehen, sind in der Hochgotik häufig. Ich verweise
auf die herrliche, noch vom 18. Jahrhundert hochgehaltene
Statue des Jakobus d. J. aus der Sainte-
Chapelle (Mus. VII, 88). Durch eine Draperie von
erlesenstem Geschmack und feinster Stofflichkeit
— wie viele Gewandfiguren der Frührenaissance
würden daneben überladen und kleinlich erscheinen! —
ist die stolz-zarte Gestalt wie verhängt; in den
schweren Falten des weichen Stoffes überall winklige
Brüche und Stauungen, wie zufällig, dennoch
von den Fingern einer Meisterhand eingedrückt.
Wir haben hier ein hochgotisches Beispiel jener auf
winklig gebrochene, selbst ein wenig knitterige Faltenzüge
ausgehenden Richtung, die von Paris kommend,
sich, wie gesagt, in Amiens entwickelt hatte.
Auch hier geht die Ablehnung der geschwungenen
Pose, die völlige Uebertäubung der Figur durch das
Faltenwerk mit diesem — männlicheren — Faltengeschmack
Hand in Hand. Ist aber eine Figur
wie diese minder gotisch als die geschwungenen?
Gerade das, was diese der Regel nach zeigen, die
Hindurchmodellierung der einen Körperseite (oder
doch des Schenkels) durch die Gewandung ist ja
sicher ein antikes, auf dem Wege altchristlich-
byzantinischer Ueberlieferung fortgeerbtes, vereinzelt
auch durch antike Marmorbilder wieder nahgebrachtes
Motiv. Auch die Unterscheidung von Stand- und
Prophet, um 1230.
Amiens, Kathedrale.
Spielbein — eine Vorbedingung des Gesamtschwunges
— war antikes Erbe.
So könnte man gerade in den starrer
posierten Amienser Statuen, ihrem schwereren
, brüchigeren, die Formen — nordisch
— verdeckenden Faltenwerk das eigentlich
Mittelalterliche grüssen wollen. In der
Tat hängen diese Pose, diese Falten mit
dem strengeren, dem klassischen gotischen
Baugeist zusammen.
Es ist charakteristisch für die Falten-
gebung der Hochgotik, dass jene — oben
geschiedenen Richtungen — sich mehr als
früher vermischen; obwohl sie daneben
gesondert weiterbestehen. Faltenarrangements
, deren Schlüssel gleichsam in der
Kurve liegt, sind vielfach nachweisbar; doch
geben sie nicht die entscheidende Note.
Charakteristisch ist eben die Verbindung
weicherer und herberer Linien, ist die
Fülle feiner Linienkontraste. An dem
Reimser Josef ist dies schon erläutert.
Auch an dem Engel (Mus. VII, 45) könnte
man es zeigen. In den schleppenden Falten
unten Weichheit ohne Glätte; oben dagegen,
wo der Mantel um die Schultern schliesst,
eine ans Nüchterne streifende Geradlinigkeit. Es
sind diese Gegensätze, die den Eindruck schwächlicher
Manier nicht aufkommen lassen.
Erst mit dem H.Jahrhundert gewinnen die aus
der Kurve konstruierten Draperien wieder mehr die
Oberhand.--
Es wäre lehrreich, in Hinsicht der Faltengebung
Gotisches und Griechisches zu vergleichen. Neben
jonisch-attische Sachen gehalten, erscheinen die
gotischen — im ganzen — eigen monoton; ihre
kahle Schlichtheit macht sich bemerkbar angesichts
einer bezaubernden Fülle zarter, kühner Kontraste,
die den Werken der Griechen eignet. Die gotischen
Kontraste erscheinen nun uninteressanter. Ich sagte
oben, dass die Gotik auf ein Gegeneinander verschiedener
Stoffe weniger aus war. Für die griechische
Kunst ist gerade dies und zwar seit ältester
Zeit charakteristisch. Das griechische Leben wies
darauf. Doch auch der Eigenwille der Kunst war hier
mehr auf den interessanten Gegensatz, die Gotik
mehr auf angenehmen Ausgleich bedacht. Sie hat
mehr System — auch in der Falte. Ihre Falten-
gebung hat etwas wie gleichmässigen Wellenschlag.
Allerdings die gotische Gestalt ist selten für sich
allein gedacht, sie ist kein Mikrokosmos, der die Gegensätze
in sich trägt, sondern derTeil eines Ganzen. Ihre
Schlichtheit ist oft berechnet für flimmernde Folie.
Wilhelm Vöge.
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