http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_07/0080
hunderts; man will nicht mehr hören „nehmt euch
die Griechen zum Muster". Schon hat Wackenroder
im Ehrengedächtnis Albrecht Dürers von der Zeit
geschwärmt, da dieser den Pinsel führte und der
Deutsche auf dem Völkerschauplatz unseres Weltteils
noch ein eigentümlicher Charakter von festem
Bestand war, der nun verloren gegangen sei. Nicht
bloss unter italienischem Himmel, unter majestätischen
Kuppeln und korinthischen Säulen, auch unter Spitzgewölben
, kraus verzierten Gebäuden und gotischen
Türmen wachse wahre Kunst hervor. Und das erste
Jahr des neuen Jahrhunderts bringt Schadows Streitschrift
gegen Goethes Ausblick auf die deutsche
Kunst am Ende des verflossenen Jahrhunderts. Dem
Vorwurf Goethes, das allgemein Menschliche werde
in der jungen Kunst durch das Vaterländische verdrängt
, stellt Schadow gegenüber, im Vaterländischen
liege das Allgemein-Menschliche, aber nicht umgekehrt
im Allgemein-Menschlichen das Vaterländische.
Leonardo da Vinci, Ghiberti, Michelangelo, Raffael,
Rubens hätten nicht die Sprache der Griechen oder
Römer geredet, sondern die Sprache, womit der
Himmel sie begabt hatte. Wer wie ein Grieche
fühle, möge so machen. Er verspottet die Franzosen
bei denen eben Davids Kunst auf ihrer Höhe
stand ob ihrer krampfhaften Anstrengungen, den
atheniensischen Uhus nachzuheulen, zieht den antikisierenden
Malern der Engländer ihren Hogarth,
ja noch die damaligen englischen Karikaturen vor.
In einem warmherzigen Schlusswort stellt er dem
Goethe, der sagte, „Homeride zu sein, auch nur als
letzter, ist schön", den Goethe gegenüber, der die
Essenz unseres Zeitalters sei, wie Homer die des
seinigen war, und wünscht sich die Macht, diese
unverzeihliche Bescheidenheit zu verbieten.
Einstweilen erwiesen diese deutschen Unterströmungen
sich aber nicht mächtig genug, um die
Einflüsse antikisierender Kunst zu überwinden, die
den Eroberungszügen der napoleonischen Heere
folgten. Wohl versucht man hie und da, schüchtern
unter dem Elend der Fremdherrschaft, entschiedener
in der Begeisterung des siegreichen Freiheitskampfes
auch in Fragen des Geschmackes, das fremde Joch
unter Anrufung deutscher Kunstüberlieferung abzuschütteln
, ja man trachtete sogar ernstlich, eine deutsche
Nationalkleidung zu finden, aber die Not der
Zeit hinderte die Entfaltung der neuen Kräfte auf
allen Gebieten, die, wie die Baukunst und die gewerblichen
Künste unter Entbehrungen nicht blühen,
nur inmitten eines in Wohlstand lebenden Volkes
volle Früchte bringen.
Aus der wirtschaftlichen Zerrüttung, in der die
deutschen Staaten sich nach den Freiheitskriegen
wiederfanden, konnten sie nur langsam sich emporarbeiten
. Die Ueberlieferungen des Handwerks
waren an vielen Orten geschwächt oder zerstört.
Hinzukam, dass die Hoffnungen, mit denen Deutschlands
Söhne in den Freiheitskampf gezogen waren,
sich auf politischem Gebiete nicht erfüllten und was
die französische Revolution an fruchtbaren Gedanken
auch bei uns ausgestreut hatte, unter dem Albdruck
reaktionärer Gewalten lange nicht zum Keimen gedieh
. Während die Kräfte der Nation sich mehr
nach innen wandten, die romantische Dichtung neue
Wege fand, die Tonkunst zu klassischer Höhe sich
erhob, lastete auf allen, mit der Schönheit der äusseren
Lebensgestaltung verknüpften Schaffensgebieten die
Not der Zeit. Unter ihrem Druck erwuchs nun auf
dem Boden, den die Antike des Empire gedüngt
hatte, ein neuer Geschmack, wie er so rein damals
weder in Frankreich, das weit rascher die wirtschaftlichen
Schäden der Kriegsjahre überwand, noch in
dem reichen England zur Herrschaft gelangte.
Diese neue deutsche Geschmacksrichtung, die
annähernd das zweite bis vierte Jahrzehnt des Jahrhunderts
ausfüllt, ist lange unbeachtet geblieben oder
gar verachtet worden. Gewisser ihrer Vorzüge wurde
man sich erst bewusst, als man zwei Menschenalter
danach in einer Zeit der Uebersättigung mit Ornament
und Dekoration auch das Einfache wieder
schätzen lernte. Dem Namen, der, man weiss nicht
wie, dem neuen Geschmack beigelegt wurde, als man
ihn als einen eigenartigen erkannt hatte, haftet ein
spöttelnder Beigeschmack an, gleichwie der „maniera
gotica" der Italiener, die zum „Gotischen Stil" Gevatter
stand, gleichwie dem Perücken-Stil, dem
Rococo- und dem Zopf-Stil, die doch alle, abgesehen
von den vermeintlichen oder wirklichen Geschmackswidrigkeiten
, die der Name verspotten wollte, an
Zeiten erinnern, in denen herrliche Kunstwerke
entstanden und gewerbliche Künste in Blüte standen.
Wurde auch mit der Bezeichnung Biedermeier-Stil
dessen philiströse Schwunglosigkeit bespöttelt von
denen, die zuerst sie anwandten, so dürfen wir doch
gleich uns erinnern, dass Genügsamkeit, Schlichtheit
und Ehrlichkeit keine schlechten Eigenschaften
sind, vielmehr als Heilsmittel gepriesen zu werden
verdienen von Leuten, denen unter der Herrschaft
entgegengesetzter Richtungen des Geschmackes endlich
übel geworden ist.
Noch leben im Biedermeierstil viele Erinnerungen
an den Empire-Geschmack weiter, aber dessen
Formenschatz hat doch seine heroischen Bestandteile
eingebüsst, die vordem sich so oft am unrechten
Platze breitgemacht hatten. An deren Stelle dringen
allmählich Motive aus dem Ideenkreis der Romantiker
ein; gotische Architekturformen schon früh,
aber nur spärlich und dürftig. Der Blumen-Naturalismus
, den schon der Empirestil gekannt, aber
nicht in sein Fleisch und Blut hatte aufnehmen
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_07/0080