Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_07/0085
ERLÄUTERUNGEN.

1. Hals: Mann mit dem Schlapphut. Rembrandt ist in Cassel
besser als in irgend einer anderen deutschen Sammlung vertreten
, Frans Hals ist nur in Berlin reicher repräsentiert. Unter
den sieben Bildern von Frans Hals in Cassel ist das hier abgebildete
Portrait das berühmteste, nicht nur weil eine vortreffliche
Radierung von Unger seine Popularität gefördert hat,
sondern auch infolge der frappierenden Wirkung der mit ausserordentlicher
Bravour aufgefassten Halbfigur. Um 1660 entstanden
, gehört das Gemälde der späten Periode des Meisters
an, da Hals auf den Effekt der Lokalfarben fast ganz verzichtete
und in schwärzlichen Tönen mit breitem Pinsel kühn
und skizzenhaft das Wesentliche des Charakters in Form und
Bewegung zur Darstellung brachte. Die Auffassung ist genrehaft
. Zufälliges, Gelegentliches, Momentanes im Ausdruck und
m der Haltung ist erfasst. Eine ungebundene temperamentvolle
Heiterkeit belebt diese Gestalt; von dem starren und
müden Geist, der viele Alterwerke des Meisters erfüllt, ist hier
nichts zu spüren.

2. Rembrandt: Evangelist Matthäus. Dieses von 1661 datierte
Bild ist ein charakteristisches Beispiel der persönlichen, selbst
eigenartigen Art, mit der Rembrandt in seiner letzten Schaffenszeit
die Motive der Religionsmalerei gestaltete. Kirchliche Bedürfnisse
hatte holländische Kunst des 17. Jahrhunderts nicht
zu befriedigen. Es gab damals in Holland keine offizielle, keine
normale Religionsmalerei. Rembrandt war auf diesem Gebiete
frei und vogelfrei. Wie stark muss der innere Antrieb gewesen
sein, der den Meister immer wieder zu den biblischen Vorstellungen
hinzog! Der schreibende Evangelist wird als Matthäus
betrachtet. Vielleicht ist doch Johannes dargestellt. Das
uralte Motiv, das die göttliche Inspiration naiv veranschaulicht,
— der Engel spricht ins Ohr des Evangelisten — ist in Rem-
brandts Gestalt kaum wieder zu erkennen. Die farbige und
fremdartige Kostümierung tut nicht viel zur Erhöhung und
Steigerung der gemeinen Wirklichkeit; die Färbung, das Helldunkel
und der Ausdruck bringen die geheimnisvolle Wirkung
hervor,

3. Lochner: Madonna mit dem Veilchen. Als Schöpfung des
grossen Meisters, der das Kölner „Dombild" (Bd. IV. Taf. 154
bis 156) gemalt hat, ist die hier abgebildete Madonnentafel seit
lange und fast ohne Widerspruch angesehen worden. Die Stifterin
hat man nach dem Wappen erkannt als das Stiftsfräulein
von St. Cäcilien Elsa von Reichenstein, die 1452 Aebtissin
wurde und 1485 starb. Unser Bild ist jedenfalls vor 1452,
wahrscheinlich schon um 1430 entstanden und gehört zu den
früheren Werken des Stephan Lochner. In den Eigentümlichkeiten
der weichen Formensprache, die bei den monumentalen
Verhältnissen dieser Mariengestalt besonders deutlich hervortreten
, und in den Vorzügen, wie der blumigen Pracht der
Färbung, der Grazie, der Haltung und der Lieblichkeit des
Ausdrucks, ist die Tafel ein höchst charakteristisches Werk
des Meisters.

4. Antikes Bildnis eines Mannes. Die besonders kunstvoll umwickelte
Mumie mit dem hier wiedergegebenen Bild des Toten
an der Stelle des Kopfes stammt aus den Grabungen von
Flinders Petric in Hawara am Eingang des Fayum, der im
späteren Altertum besonders von Griechen besiedelten mittelägyptischen
Landschaft. Auf eine Holztafel sind die zähen
pastosen Wachsfarben aufgesetzt, meist nicht mit dem Pinsel,
sondern einer Spatel, und dann durch Annäherung eines heissen
Eisens etwas vertrieben. Es ist dies eines der Verfahren, die
als enkaustische Malerei bezeichnet werden. Das Bild sieht so
einem flott behandelten Oelgemälde sehr ähnlich. Von einem
blaugrauen Hintergrund hebt sich der Kopf mit dem schwarzen
Haar und der braunen Hautfarbe kräftig ab. Es ist das gewiss
noch zu seinen Lebzeiten gemalte Bildnis eines Griechen, dessen
Blut nicht mehr ganz rein gewesen sein wird. Nach den
mit Sicherheit erfassten wesentlichen Zügen, der energischen
Bewegung des Kopfes, dem sprechenden Ausdruck des Blickes
gehört das Gemälde zu den allerbesten dieser Gattung. Die
grösste Sammlung dieser Bilder, die im letzten Jahrzehnt an
verschiedenen Orten ausgestellt wurde, ist die des Wiener
Kunstliebhabers Graf. Wir bekommen durch Werke, wie das
vorliegende, grosse Achtung von dem Kunstvermögen der

Kaiserzeit in einer Gegend, die doch weit entfernt von den
Brennpunkten griechisch-römischer Kultur war.

5. Orpheus und Eurydike, antikes Relief. Die in mehreren
Wiederholungen erhaltene Darstellung geht auf ein attisches Werk
aus der Zeit des Parthenon zurück, das nach wahrscheinlicher
Annahme als Weihgeschenk für einen Sieg in den dramatischen
Festspielen dargebracht war. Die Beziehung zur tragischen Dichtungscheintin
der Schilderung des Vorganges ausgesprochen, die,
indem sie zugleich auf das vorher Geschehene zurückweist und
das Nachfolgende erraten lässt, einen entscheidenden Moment der
Handlung vor Augen führt, wie Orpheus, von Liebe bewegt,
sich zu der Gattin umwendet; durch diese Uebertretung des
göttlichen Gebotes ist Eurydike der Unterwelt wieder verfallen.
Der flüchtige Augenblick des Wiedersehens vereinigt die Liebenden
zu schmerzlichem Abschied, in stiller Hingabe neigen sie
sich zu einander, während Hermes, der Seelenführer, schon
herangetreten ist und wie von Mitleid ergriffen, doch unerbittlich
seines Amtes waltend, Eurydike bei der Hand gefasst hat,
um sie wieder hinabzuführen. Von der Fähigkeit der älteren
griechischen Kunst, „heftige Affekte in milder Schönheit, wie
gedämpft, und dennoch mit ergreifendem Ausdruck darzustellen
", gibt diese gehaltene einfache Komposition, in der alles
Einzelne dem Ganzen untergeordnet ist, einen hohen Begriff.
Das Relief ist in einer Zeit entstanden, in der die griechische
Kunst noch nicht dahin gelangt war, seelische Erregungen in
den Gesichtern zum Ausdruck zu bringen. Die Köpfe der
Figuren sind, jeder für sich betrachtet, allgemein und empfindungslos
, aber im Zusammenhange mit der Bewegung der Gestalten
gewinnen sie Leben und Ausdruck und erscheinen von
innerer schmerzlicher Stimmung bewegt, die über das Ganze
gebreitet ist und den Beschauer zu dauernder Teilnahme fesselt.

6. Millet: Kornschwinger. Erstaunlich ist bei diesem Werke,
wie der Meister es damals wagen konnte, einen Vorgang, der
so gar nicht aufregend war, darzustellen, und erstaunlich ist
noch heute, wie packend ihm dies gelungen ist. Scheinbar
mit wenigen Farbenklexen ist alles Wesentliche an der Gestalt
des Mannes wiedergegeben, man spürt die Muskeln, den kräftigen
Knochenbau, meint die Bewegung des Schütteins zu sehn
und versenkt sich in die stille Tätigkeit des Mannes. Er trägt ein
rotes, in der Abbildung nicht kenntliches Kopftuch, weisses
Hemd und blaue Hosen, und diese Farben bilden mit dem Gelb
der aufsteigenden Spreu eine feine Harmonie. Das Exemplar
von 1848 (vgl. S. 4) soll in Amerika zugrunde gegangen sein,
diese Wiederholung des Motivs gelangte mit der Sammlung
Thierry in den Louvre.

7. Millet: Schafhirtin. „Die Schäferin, die ihre Schafe heim
führt", hat gleich bei ihrem Erscheinen im Salon 1864 so viel
Beifall gefunden, dass der Staat das Bild um die nach heutigen
Begriffen lächerlich kleine Summe von 1500 Frs. zu erwerben
suchte. Allein schon einige Monate vorher war dasselbe von
einem Privaten um einen höheren Preis gekauft worden. Das
Bild wirkt in der Abbildung wohl am reizvollsten von allen
Schöpfungen Millets und wurde von der Kritik gleich auch
als ein koloristisches Meisterwerk bezeichnet. Es ist später
Nachmittag, die Sonne steht oben hinter den Wolken und
sendet bereits goldene Strahlen über die Ebene. Am fernen
Horizont sieht man einen blauen Hügelzug. Das Kopftuch des
Mädchens ist rot, sein Mantel wirkt goldbraun, der Rock ist
blau. Das Feld ist in gedämpften Tönen gehalten.

8. Luca della Robbia: Madonnenrelief. Das Spedale degli
Innocenti darf sich des Besitzes erlesener Robbia-Arbeiten
rühmen, draussen am Platz die Reliefs der Wickelkinder, im
Hof eine herrliche Lünette mit der Verkündigung von Andrea;
und in der kleinen Galerie das schöne Madonnenrelief von
Luca. Wo immer dieser das Thema von Madonna und Kind
behandelt, formt er einen so hoheitsvollen Frauenkopf, ein so
ernsthaft schönes Kind, dass man sich stets an griechische
Kunst erinnert fühlt. Hierdurch, durch die klassische Bildung,
unterscheiden sich Lucas eigenhändige Werke von den Arbeiten
des Neffen und der übrigen Robbiaschule. Auf dem Relief
des Findelhauses sind zahlreiche Farbreste zu beobachten. Die
Haare waren reich vergoldet, und golden ebenfalls Mariens
Kleid gesäumt. Die Pupillen sind in zarter blauer Farbe ange-

— 75 —


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_07/0085