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zeigen, bei denen die Vorderbeine erhoben wurden und die
ganze Last von Ross und Reiter einige Augenblicke auf den
Hinterbeinen des Tieres ruhte. Als „Pesade" wird die Stellung
bezeichnet, in der König Philipp sein Rotross unter sich malen
Hess. Es ist ein prächtiges Tier der damaligen Moderasse, kurz,
kräftig, langmähnig, feurig; und prächtig sitzt auch der königliche
Reiter im Harnisch und Federhut, im Profil nach rechts
gewandt, auf dem edlen Geschöpfe, das er mit der Linken
zügelt, während er den Feldherrnstab in der Rechten hält. Die
Profilstellung tut den Zügen des Königs gut ; sie lässt sie
energischer erscheinen, als ihre Vorderansicht; aber auch die
dargestellte Situation erheischt diese erhöhte Energie. Der Feldherrnblick
des Königs schweift ins Weite; und die ganze Landschaft
leuchtet in dem klaren Morgenlichte, das sein Antlitz umspielt.
26. Velazquez: Königin Marianne. Ein neues Feld der Tätigkeit
eröffnete die zweite Heirat Philipps IV mit seiner Nichte
Marianne von Oesterreich auch seinem Hofbildnismaler. Die
Heirat fand 1649 statt; von 1649 bis 1651 aber hielt Velazquez
sich in Italien auf. Erst nach seiner Rückkehr konnte er die
junge Königin malen. Seine Bildnisse der Königin Marianne
stammen daher alle aus dem letzten Jahrzehnte seines Lebens.
So auch das unsere. Es ist wunderbar, wie Velazquez es verstand
, die unglaublich unförmige Reifrocktracht künsterisch zu
bewältigen. Je schlichter und schlanker die männliche Hoftracht
unter Philipp IV geworden war, um so gebauschter und
ungeheuerlicher wurde die weibliche. Dem tischartig erweiterten
Korbrock, aus dem die Baste sich, geometrisch eingeschnürt,
geradlinig erhob, entpricht die wTeitabstehende Lockenfrisur,
über die eine Straussenfeder in mächtigem Bogen herabfällt.
So steht die blasierte junge Königin auf unserem Bilde leicht
nach links gewandt da. Mit der Rechten hält sie sich an der
Lehne eines Stuhls; in der Linken hält sie das Spitzentaschentuch
, das zur Grösse eines Handtuchs angewachsen ist. Das
schwarze Kleid ist, mit breiten Silberborten besetzt. Links
über ihr bauscht sich ein rötlicher Vorhang, rechts hinter ihr
steht eine goldene Standuhr auf dem Tisch. Wie gelangweilt
sieht die Königin aus! Wie langweilig muss es aber auch gewesen
sein in diese Hoftracht zu schlüpfen, der die Hofetikette
entsprach. Die eigenhändige Wiederholung unseres Bildes
(No. 1079), die unter No. 1078 im Prado-Museum, unterscheidet
sich nur in Kleinigkeiten von dem unseren; der obere Teil des
Vorhangs fehlt; das Stuhlbein unten links ist ganz an den Bild-
rand gerückt; aber wir sind mit Beruete der Ansicht, dass das
unsere das frischere und ursprünglichere ist.
27. Velazquez: Infant Philipp Prosper. Das kleine Prinzchen,
das unser Bild darstellt, wurde dem König Philipp IV von
Spanien und seiner Gemahlin, der Oesterreicherin Maria Anna,
am 28. Dezember 1657 geboren, um ihnen schon am 1. November
1661 wieder entrissen zu werden. Man sieht es dem
zarten Pflänzchen an, dass es ihm nicht bestimmt war, sich im
warmen Lichte der Sonne zu blühendem Leben zu entfalten.
Die rechte Hand legt der Kleine auf die Lehne eines Kinder-
stühlchens , auf dessen rotem Polster in anmutiger Bewegung
ein allerliebstes weisses Hündchen liegt. Das mit Silberborten
geschmückte zartrote Kleid des Prinzen wird zum grössten
Teil durch die mächtige weisse Spielschürze bedeckt, an der
ein Glöckchen, ein Pfeifchen und eine Rassel herabhängen. Der
Vorhang, der Teppich und das Kissen auf dem Tischchen rechts
hinter dem Prinzen prangen in tiefem, sattem Rot. Die Zimmerwand
ist grau. Weiss-rot-grau mit etwas Blond und Blau sind
die Töne, die in diesem koloristischen Meisterwerke aufs feinste
zu wunderbarer Gesamtwirkung ineinandergreifen. Est ist eines
der letzten Gemälde, die aus des Meisters Hand hervorgegangen.
Charakteristischeres als dieses melancholische Kinderköpfchen hat
Velazquez nie geschaffen, aber auch nie etwas Malerischeres,
als dieses mit breitestem, leichtestem Pinsel zu köstlicher Harmonie
zusammengestimmte Gesamtbild.
28. Jan Steen: Die Morgentoilette. In der königlichen Galerie
zu London, die, was die holländischen Kleinmeister betrifft,
höchstens von der Peel-Sammlung — in der National Gallery
— übertroffen wird, ist das hier nachgebildete Genregemälde
der beste „Steen". Mit dem Namen des Meisters signiert, wie
viele Stücke, und datiert, wie wenige —■ von 1663 —> zeichnet
die Malerei sich durch sorgfältige Durchführung, fast in der
Art des älteren Frans Mieris aus, ohne doch die besonderen
Eigenschaften Steens, namentlich die geistreiche und amüsante
Auffassung, zu entbehren. Die Rahmung im Bilde ist witzig
kontrastiert mit dem intimen und lustigen Anblick, den das
feierliche Portal umschliesst. Wir werden an französische Darstellungen
aus dem 18. Jahrhundert erinnert. 1779, beim Verkauf
der Sammlung Verludst, brachte unser Bild 315 fl.
29. Adriaan van Ostade : Die Bauernfamilie. In dieser gemütvollen
Darstellung steht Adriaan van Ostade auf der Höhe
seines Könnens , namentlich hinsichtlich der Färbung und Beleuchtung
. Die Lokalfarben heben sich deutlich aus dem goldenen
Helldunkel heraus, wie in allen Bildern aus der späteren
Zeit des Meisters. Unsere Tafel ist 1668 datiert. In seinen
Bauerntypen merkwürdig gleichförmig, ist Adriaan reich an
Bewegungsmotiven und erquickt stets durch die herzliche Auf-
. fassung, mit der er die harmlosen Freuden, die friedliche Behaglichkeit
in dem armen Leben der Landleute veranschaulicht.
Während die vlämischen Bauernmaler fast nur das Wirtshaus
und die Dorffestlichkeit beachten, liebt der Holländer das tägliche
Mahl und die tägliche Feierstunde in den Bauernhütten.
— Dieses Bild brachte beim Verkauf der Sammlung Smeth
van Alpen im Jahre 1810 5000 fl.
30. Wouwerman: Die Heuwagen. Mit seiner überaus geschickten
Gruppierung des Figurenreichtums und seiner sicheren
Zeichnung besitzt dieses typische Gemälde Wouwermans Tugenden
, die vor 100 Jahren höher als heute geschätzt wurden.
Der Geschmack unserer Tage' vermisst in solchen fehlerlosen,
gut gemalten Bildern Frische, Eigenart und unmittelbaren Zusammenhang
mit der Natur. Es herrscht viel Atelierkonvention
in den Arbeiten des allzufruchtbaren Malers. Die früheren,
. vorwiegend landschaftlichen Darstellungen Wouwermans finden
heute wärmeres Interesse. Unser Gemälde ist signiert und gehört
der letzten Periode des Meisters an. Es brachte 1810 auf
der Versteigerung Smeth van Alpen 4200 fl.
31. Carolus-Duran: Die Dame mit dem Handschuh. Unser
Gemälde ist eins der frühesten und anziehendsten aus der
langen Reihe der Bildnisse dieses erfolgreichsten aller französischen
Damenmaler der Gegenwart. Die wahrhaft königliche
Haltung, die vollendete Wiedergabe des Stofflichen und die
uügemein vornehm wirkende Zusammenstellung kühler grauer
und grüner Töne vermögen uns heute noch stark zu fesseln
und lassen uns die geringe Tiefe des seelischen Ausdrucks und
die metallische Härte des Fleischtons beinahe vergessen. Die
Dargestellte ist die Gattin des Künstlers, die selbst als Malerin
nicht Unbedeutendes geleistet hat. Jung nach der Hochzeit
gemalt, wurde das Bild im Salon von 1869 ausgestellt und mit
eine Medaille ausgezeichnet.
32. Desiderio da Settignano: Christusknabe. Büste. Im Dunkel
zweier Nischen über den Seitentüren, die von dem Hauptschiff
der Kirche in die sogenannte Reliquienkammer führen, befinden
sich als Gegenstücke die Büsten des jugendlichen Johannis und
und des Christusknaben. So lange galten sie mit einer Reihe
nah verwandter Arbeiten für Werke des Donatello, bis der Vergleich
mit den schildhaltenden Putten am Marzuppinigrab (Bd. I,
Tf. 103|104) und mit den Seraphimköpfen am Fries der Pazzi-
cappelle die Autorschaft Desiderios augenfällig ergab. Im
Gegensatz zu dem kürzlich in diesem Bande (Tf. 16) publizierten
Relief des gleichen Meisters in Paris möchten wir in dieser
von aller Frische und allem Liebreiz des Kindesalters verklärten
Büste ein Porträt erkennen, wenn auch noch in einer der Zeit
■ eigenen Mischung von Realität und religiöser Idealisierung.
Da der Grundstein der Kirche, die den kleinen Schatz beherbergt
, erst im 16. Jahrhundert gelegt wurde, so bietet der Aufbewahrungsort
leider keinen Anhalt zur Identifizierung der
Persönlichkeit oder auch nur der Familie, die ihren reizenden
Sprössling von Desiderio darstellen liess.
33. Joos van Cleve: Männliches Bildnis. Die Persönlichkeit
des Meisters, dem das hier abgebildete Porträt zugeschrieben
wird, ist recht unklar. Ein Maler des Namens Joos van Cleve
hat das Bildnispaar, das im Schlosse zu Windsor bewahrt wird
— das Selbstporträt und das Porträt seines Weibes — gemalt.
Und diesem Meister werden wegen der Slilverwandtschaft eine
Reihe anderer Bildnisse, dabei wohl auch mit Recht unser aus
der Blenheim-Galerie stammendes Bild zugeschrieben. Ob aber
die aus Antwerpener Urkunden ermittelten Daten, nach denen
die Tätigkeit des Joos van Cleve in die Zeit von 1511 bis 1540
fällt, sich auf diesen Porträtmaler beziehen, oder ob sie sich
auf einen älteren Maler desselben Namens beziehen, steht nicht
fest. Der Bericht von Manders, dass ein Joos van Cleve 1554
in Wahnsinn fiel, lässt sich keineswegs mit den Antwerpener
Daten vereinigen. Das feine, von empfindlichem, melancholischem
Hochmut beseelte Antlitz unseres Porträts scheint einem
Künstler, einem Maler zu gehören. Gern würde man an ein
Selbstbildnis denken. Das Selbstporträt in Windsor zeigt andere
Züge und Formen. Eine Kopie unseres Porträts, von der
Hand des Rubens, befindet sich in der Münchener Pinakothek.
34. Jan van derHeijde: Strasse am Kanal. Jan van der Heijde,
der in seiner Spezialität, der Darstellung holländischer Strassen
und von Baulichkeiten in der Landschaft, eine unübertreffliche
Virtuosität entfaltete, lebte bis ins 18. Jahrhundert hinein und
ist einer der letzten grossen holländischen Meister. Seine
Kunst ist eine zierliche Kleinkunst innerhalb ihrer Grenzen
aber tadellos und vollkommen. Die fast pendantische Sachlichkeit
in der Wiedergabe des Architektonischen, der feine Geschmack
in der Wahl des Standpunktes, die ausserordentliche
Feinheit der Maltechnik und der Beobachtung von Licht- und
Luftverhältnissen machen seine Schöpfungen zu hochgeschätzten
Kostbarkeiten. Die Figuren in den Gemälden dieses Meisters
werden fast stets dem Adriaan van de Velde zugeschrieben,
da seine Staffage aber stets denselben Stil und die gleiche
Vortrefflichkeit zeigt, muss man wohl glauben, dass er selbst
das Figurenmalen nach dem Vorbilde Adriaans erfolgreich geübt
hat. Unser Bild stammt aus der Sammlung des Grafen
de Vence und wurde im Jahre 1750 mit 700 Frs. bezahlt.
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