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Kopf ihre Züge. Das Gemälde kam mit der Galerie Lacaze
1869 in den Louvre und war vorher in den Sammlungen W.
Young Ottley, Peacock und Marquis Maison.
51. Fiorenzo di Lorenzo: Ein Wunder des hl. Bernardin.
Unsere Abbildung gibt das erste von acht gleich grossen, mit
einem sauberen Rahmenornament gezierten Holztäfelchen wieder
, die ehemals dem Sakristeischrank von San Francesco in
Perugia als Türfüllungen dienten. Auf allen sind Wundertaten
eines der jüngsten Heiligen, des Bernardin von Siena
(1380—1444) dargestellt. Eine der Tafeln trägt inschriftlich
das Datum 1473. Sie zeichnen sich ohne Unterschied durch
das Ueberwiegen der architektonischen Kulisse oder des landschaftlichen
Hintergrundes über das Figürliche aus , durch die
Sauberkeit der Ausführung und durch die helle Färbung. Weist
namentlich das Kolorit auf Piero della Francesco, einen der
führenden Geister in der Entwicklung der umbrischen Malerschule
, zurück, so führt die stilistische Analyse auf mehrere
Künstler, die sich zwischen Bonfigli und Fiorenzo di Lorenzo
bewegen. Unsere Tafel stellt das Wrunder dar, das der Heilige
an einem bisher unfruchtbaren Weibe vollzogen hat. Unter
der Halle links ist das Wochenbett aufgeschlagen, mit der
glücklichen Wöchnerin, zu deren Füssen der nicht mehr erhoffte
Sprössling von der dankbaren Sippe bestaunt wird. Unter
den modisch gekleideten Besuchern rechts darf man wohl in
den beiden mit dem Talar Einherstolzierenden der Tracht nach
die Aerzste erkennen, deren Diagnose der hilfskräftige Heilige
zu schänden gemacht hat.
52. Herakles reinigt den Stall des Augias, Metope. Dem im
im Museum Bd. IV, Taf. 86, abgebildeten Herakles-Atlasbilde
fügen wir hier aus der Keihe der Metopenreliefs des olympischen
Zeustempels ein zweites hinzu, das die Peinigung des
Augiasstalles zum Gegenstände hat. Der Künstler hat in kluger
Zurückhaltung den Stall selbst nicht dargestellt, sondern es dem
Beschauer überlassen, ihn sich hinter der am Bau links an -
stossenden Triglyphe zu denken. Er hat die ganze Kraft seiner
Schilderung in die mit der grossen Stange gewaltig arbeitende
Gestalt des rüstigen Helden gelegt und hinter diese in wirkungsvollstem
Kontrast die ruhig dastehende Figur der Athena gestellt
. Die Göttin finden wir auch in den übrigen Metopen-
bildern dem Helden zur Seite, sie begleitet ihn wie eine Freundin
in den gefährlichen und schwierigen Abenteuern. Die Vorstellung
dieses innigen Verhältnisses der Götter zu den Heroen
und Menschen, auf einem frommen und einfachen Glauben beruhend
, findet ähnlich, wie in der bildenden Kunst, m der
gleichzeitigen Dichtung, am stärksten in den Tragödien des
Aeschylos, ihren Ausdruck.
53. Courbet: Die Kornsieberinnen. Die Kornsieberinnen bildeten
für fast alle Besucher der „Centennale" auf der letzten
Pariser Weltausstellung eine vollkommene Ueberraschung. Denn
wenn sich der Meister, über dessen schwärzliche, im schlechten
Sinne altmeisterliche Farben so viel geschrieben worden ist,
auch nicht gerade als ein konsequenter Impressionist_ enthüllte,
so zeigte sich in diesem Bilde doch ein Verständnis für die
lichte Harmonie und die vibrierende Luft eines hellen Innenraumes
, das man ihm niemals zugetraut hätte. Dabei stammt
das Werk keineswegs aus seiner späteren Zeit, sondern gehört
zu den zehn, die die Weltausstellung von 1855 enthielt, ihs
zeigt in der Hauptsache verschiedene Abstufungen von Grau,
aus denen nur die Kleider der Mädchen farbiger heraustreten.
Als Komposition gehört es nicht zu den glücklichsten Schöpfungen
des Meisters. .
54. Courbet: Der Bach. Das Bild („Le Kuisseau du Pmts noir )
weist die Lieblingsmotive des Landschafters Courbet auf: moos-
übersponnene Felsblöcke, Wasser, dichtes Laubwerk Auch
das zum Becken vertiefte und erweiterte Bachbett hnden wir
auf anderen Bildern des Meisters wieder. _ Die vom Kähmen
durchschnittene Baummassen zu beiden Seiten geben das Gefühl
der Abgeschlossenheit und Einsamkeit, aber die sonnenüberstrahlte
Partie des Hintergrundes zeigt uns den Ausweg
in die freie Landschaft. Von den Hauptverdiensten des Bildes,
der harmonischen Abstufung der verschiedensten Grün und der
feinen Differenzierung des Laubwerks vermag die Reproduktion m
Schwarz und Weiss nur eine unvollkommene Vorstellung zu geben.
55. Courbet: Die Welle. Der Sturm scheint vorüber zu sein,
aber der Himmel hat sich noch nicht aufgeklärt, und nahe dem
Horizont steht noch eine dunkle Wolkenwand. Auch das Meer
beginnt sich zu beruhigen, nur die gewaltige Höhe der majestätisch
heranrollenden Wogen zeugt noch von dem Aufruhr.
Der Maler hat den Augenblick gewählt, wo der vorderste
Wellenkamm sich in weissen Schaum zerteilt, um im nächsten
tosend herabzustürzen. Kein romantisches oder novellistisches
Element gesellt sich zu der grossartig schlichten Darstellung
des Naturschauspiels. Das in der Ferne mit den Wellen kämpfende
Segel unterstützt lediglich das Gefühl der Unendlichkeit,
die im Vordergrunde verankerten Boote geben den Massstab
für die Höhe der Wellen. Breite und Kraft des Vortrags vereinigen
sich mit grösster Naturwahrheit und Feinheit der Luftstimmung
. Das Bild wurde kurz nach dem Tode des Künstlers
vom französischen Staate erworben.
56. Heda: Frühstückstisch. Das hier nachgebildete Gemälde
vertritt eine Gattung der Stilllebenmalerei, welche eine Zeitlang
in Holland sehr beliebt war. Während die üppigen bunten
Blumenstücke in der späteren Zeit des 17. Jahrhunderts die
am meisten verbreitete Dekoration wurden, bevorzugte die ältere
Generation der Holländer das farbenarme Beieinander von
Tafelgeräten. Der halbgefüllte Römer und die Pastete fehlen
selten dabei. Heda hat diesen Typus, wenn nicht geschaffen,
so doch mit Vorliebe ausgebildet. Die Färbung in seinen
Bildern ist stets grau, harmonisch, blond und sehr klar, das
Stoffliche ist vortrefflich charakterisiert, der Aufbau schlicht
und geschickt. Der in seiner Einseitigkeit sehr tüchtige Meister
entstammt wohl der Schule des Frans Hals. Unser Bild ist
signiert: Heda 1631.
57. Gainsborough: Thomas Linley. Während seines Aufenthaltes
in Bath (1759—1774), dem damals von der Mode bevorzugten
Badeort, hat Gainsborough vorwiegend mit Künstlern,
Musikern und Schauspielern, verkehrt. Die gefeierten Violinisten
Abel und Giaschini, der Hautboist Fischer sind seine
Freunde. Die Musik verband ihn auch mit der Familie von
Thomas Linley, des besten Lehrers in Bath, dessen Kinder
alle durch ihre musikalische Begabung sich auszeichneten. Man
nannte sein Haus ein „Nest von Nachtigallen". Gainsborough
hat den Vater und die Kinder alle gemalt: durch Erbschaft
kamen diese Gemälde, mit Ausnahme des schönen Bildes, das
Elza Linley und ihren Bruder Thomas vereinigt zeigt, in die
Galerie von Dulwich College.
58. 59. Andrea Pisano: Bronzetür. Von den drei berühmten
Türen des Florentiner Baptisteriums ist die hier abgebildete
des Andrea Pisano die früheste. Die beiden andern, von Ghi-
berti in der ersten Hälfte des XV. Jahrhunderts ausgeführt,
sind Bd. II Taf. 111/112 und Bd. IV Taf. 54/55 reproduziert.
Andrea machte von Januar bis April 1340 die Wachsmodelle;
nach jahrelanger Arbeit konnte dann die Türe aufgestellt werdenj
nicht ohne grosse Schwierigkeiten beim Guss, für den Andreas
technische Erfahrungen nicht ausreichten — ein fremder Bronze-
giesser wurde hinzugezogen; Goldschmiede waren bei der Cise-
lierung und Vergoldung beschäftigt.
Der Hauptgegenstand der Darstellung ist das Leben Johannis
des Täufers in zwanzig Reliefs. Zunächst auf dem linken
Türflügel die aufsteigende Linie seines Lebens : die Verkündigung
an Zacharias, Zacharias den Juden gegenübertretend, die
Begegnung Marias mit Elisabeth, die Geburt des Johannes, die
Namengebung; wie Johannes (als Knabe) in die Wüste geht
(mit interessanter Landschaft), dann wie er predigt, auf Christus
hinweist, tauft; und endlich, als Höhepunkt, Johannes den
Messias taufend. Auf dem rechten Flügel das Ende; die Busspredigt
vor Herodes und Herodias, die Abführung ins Gefängnis
; die Jünger vor dem Gefängnis ihres Meisters, die
Jünger bei Christus, der vor ihren Augen Wunder tut; dann
der Tanz der Salome, die Enthauptung des Täufers; die Ueber-
bringung des Hauptes an Herodes, an Herodias; die Grab-
tragung, die Grablegung.
Unten zunächst die drei christlichen Kardinaltugenden —
Spes, Fides, Charitas — zu denen die Humilitas gefügt ist;
dann die vier weltlichen Tugenden: Fortitudo, Temperantia,
Justitia, Prudentia.
60. Andrea Pisano: Reliefs von der Bronzetür. Die Tafel gibt
einzelne Stücke der Bronzetür in grösserem Massstab. — Die
Jünger vor dem Gefängnis, mit der fein gesteigerten Bewegung
(vergl. Text S. 32); die gebeugte wie die stehende Figur mit
sehr charakteristischen Gewandmotiven. —- Die Jünger vor
Christus, der sie auf seine Wunder hinweist; vor ihm zwei
Krüppel, dahinter die erstaunten und anbetenden Jünger. Wie
dort schliesst der Chor links in einfacher Linie ab, die Bewegung
geht nach rechts hin, wo die imposante Figur des
Messias der Gruppe das Gleichgewicht hält: etwas grösser,
einfach im Umriss, in Vorderansicht, mit schlichter Geste. —
Von höchster Feinheit die beiden nächsten Szenen. Die Grablegung
ganz ohne Hintergrund. Bei den vorderen Figuren bedächtiges
Vorwärtsgehen, bei der letzteren stärkeres Ausschreiten
. Das schöne Faltenspiel verdeutlicht dies Bild der
Bewegung. Während die drei vorderen Jünger auf den Weg
achten, hängen die Blicke der drei letzten noch am Haupt
ihres Meisters. — Die Grablegung ist im Innern eines heiligen
Raumes gedacht. Fünf Jünger sind beschäftigt, den Leichnam
zu versenken; ihre Körper neigen sich dabei, aber man hat
nicht den Eindruck physischer Anstrengung, sondern andächtigen
Schmerzes. Rechts und links rahmende Vertikalfiguren,
mit innigem aber massvollem Ausdruck der Teilnahme. Die
Architektur nur angedeutet, dem Vierpass schön eingeordnet,
namentlich aber selbst die Komposition abschliessend und
gliedernd, die Hauptgruppe betonend und die Standfiguren
rahmend. — Unten zwei Tugenden, in den charakteristischen
breiten und weichen Körperformen des Trecento. Die Spes
in schöner Bewegung der Krone zustrebend.
61. Andrea Pisano: Hl. Reparata. Diese zarte und elegante
Schöpfung des florentinischen Trecento wurde früher fälschlich
Niccolö dArezzo zugeschrieben, zusammen mit dem Christus,
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